Donnerstag, 14.12.2017

 

spur im schnee

 

Am Heiligen Abend klammere ich mich an meine Hoffnung, ein wenig von den Herzen der Menschen wieder zu finden, in deren Haus ich gelebt habe, dort muss die Liebe einmal gewesen sein.

Meinen Wagen parke ich und habe Angst.

Mutter Violet öffnet die Hautür, ich trete ein.

„Hast du eine neue Jacke, Melina? Astrid ist noch nicht da, hoffentlich ist ihr nichts passiert, es schneit.“ Mutti dreht mir ihren Rücken zu und hilft mir, meine prall gefüllten Einkaufstaschen in die Küche zu tragen.

„Die Jacke ist nur ein Kaninchenfell, sie war schon heruntergesetzt im Preis, die habe ich mir zu Weihnachten geschenkt.“

„Steht dir gut, Mel“, sie schaut mich verlegen an, Vater kommt hinzu, wir umarmen uns kurz, er prüft mit seinem Zeigefinger einige Stellen meiner Jacke, „da gehen ja schon Nähte auf, die Jacke ist schlecht verarbeitet.“

„Mein Budget hat nur für diese Jacke gereicht, ich verdiene noch nicht lange eigenes Geld.“

„Du hast uns alles mitgebracht für das Fondue, du sorgst für uns“, er tätschelt meine Schulter. Mutti schneidet das Filet in mundgerechte Stücke, „sieht gut aus, das Fleisch.“

Vater hängt im Wohnzimmer große, dunkelrote Kugeln an den Weihnachtsbaum.

„Wärme strahlen die Kugeln aus, Papa“, vorsichtig berühre ich eine Kugel.

„Nicht, du machst sie noch kaputt, bring mal die Päckchen aus der Diele herein, Mel.“

Sorgfältig in goldenes Weihnachtspapier gehüllte Geschenkpäckchen bringe ich herein und lege sie behutsam auf den Tisch neben dem Christbaum, noch eine Demütigung möchte ich nicht erfahren.

„Wir wollten uns nichts schenken, Papa, Du musst für Astrid doch noch einige Darlehen abbezahlen“, betroffen schaue ich ihn an und will doch nicht betroffen sein.

„Das sind doch nur ein paar Kleinigkeiten,“ er zeigt auf den Gabentisch, „Astrids Geschäft läuft nicht, sie hat nur Unkosten“, der Mann in meiner Nähe zupft die Namensschilder an den Päckchen zurecht und verlässt mich.

Charles Gounods „Ave Maria“ lege ich auf, zünde einige Wachskerzen an und suche feierliche Gefühle in mir.

Schnee fällt auf eine Pelzjacke, draußen vor dem Wohnzimmerfenster bewegt sich diese echte Jacke aus einem einst lebendigen Fuchs. In diesem eleganten Kleidungsstück steckt eine Frau in exakt meinem Alter, mit hoch toupierter, fest gesprayter Frisur, ihr Gesicht hat sie überschminkt, Astrid tritt auf.

Mutter drückt sie fest an sich, „da bist du ja, Assi, ich freue mich.“ Vater trägt ihr Gepäck herein.

„Tag, Mel, sieh mal“, Astrid zeigt auf ihren Fuchs, „unsere Eltern waren mal wieder großzügig zu Weihnachten.“

„Nein, nein, es ist ja kein Geschenk“, verkündet der Hausherr, „wir schenken uns wirklich nichts, du solltest doch nichts verraten“, flüstert er Assi ins Ohr, ich stehe daneben. Er weiß, ich höre seine Täuschung und unterbreche dieses Spiel nicht.

„Ihr seid so lieb zu mir“, Astrids Stimme lässt keinen sanften Ton zu. Die drei Personen in meiner Nähe begeben sich zum Essen, ihnen folge ich.

„Du hast aber einen teuren Sekt mitgebracht“, Mutter schaut mich an.

„Du kannst ihn dir ja leisten“, Astrid trinkt hastig, ich trinke reichlich.

„Da wir so gemütlich zusammen sitzen, wollen wir mit dir etwas besprechen, Mel“, der Hausherr sticht sein Fonduegäbelchen ins Fleisch, „nett, dass Du gekommen bist, wir müssen Astrid eine Existenz aufbauen, ihr Geschäft wirft noch nichts ab, sie braucht wieder Geld, die Miete für ihren Laden und ihre Wohnung kann sie noch nicht selbst bezahlen, nimmst du ein Darlehen bei Deiner Bank auf, du kannst es ihr zu Weihnachten schenken?“

„Astrid ist verzweifelt“, Mutti nickt.

Astrid isst und trinkt unverzweifelt.

„Du machst das schon“, Vater formt ein zynisches Lächeln, darin liegt seine Begabung.

„Nein“, meine Familie nimmt mein Flüstern wahr.

Die Wahrheit sollen sie mir erzählen, seit Jahren reden sie daran vorbei. Aber ich weiß sie doch, Bruchstücke ihrer Kommunikation mit mir verrät mir, was hier geschieht.

Mein Tiramisu schmeckt ihnen. „Iss nicht so viel davon, du hast ein paar Kilos zu viel“, Vater meint mich.

Mutter und ich räumen das Essen ab, dann gehen wir ins Wohnzimmer. „Nehmt Eure Geschenke bitte, ich habe lange gebraucht, um sie einzupacken.“ Mutter stöhnt unter ihrer Verantwortung.

Die Familie greift ihre Gaben, ich begleite sie nicht.

Dieses Elternpaar zahlt für Astrid, es lebt Astrids Leben, zahlt für sie ihren Alltag, ihre Boutique, ihre Mietwohnung, sie kann ihre Boutique nicht führen, zu planen und einen Brief zu schreiben, vermag sie nicht ohne Hilfe, eine überschätzte Frau sitzt hier, die einen aufgezwungenen Schein wahrt, damit ihre Eltern sich nicht ihrer schämen müssen.

Astrid packt eine Handtasche aus dunkelrotem Lackleder aus, die Tasche würde auch mir gefallen.

„Du leihst doch Geld bei deiner Bank, Mel, sag etwas, dieser bunte Teller ist für dich“, Mutter stellt mir den voll beladenen Pappteller auf meinen Schoß.

„Morgen früh fahre ich wieder nach Bochum, ich treffe mich mit einigen Freunden“, meine Bilanz in dieser Sache.

Geborgen wollte ich mich einmal fühlen an diesem Ort, und wäre es nur für eine Stunde gewesen.

Verletzlich ist meine Sehnsucht.

Am ersten Weihnachtstag lasse ich den Abdruck meiner Schuhe im Schnee zurück, drei Personen werden diese Spur nicht als meine erkennen.

Zu meinem Wagen gehe ich alleine, Astrid ist meine Zwillingsschwester.

 

 

Text: Dagmar Weck  /  Foto: Anonym (Name der Redaktion bekannt)

 


 

Mittwoch, 13.12.2017

 

Fröhliche Besinnlichkeit

 

Advent, das ist

die Ankunftszeit,

die Feuerwehr ist

stets bereit.

Erst wenn der

Christbaum

schon in Flammen steht,

uns allen dann

ein Licht aufgeht,

ein Licht,

das uns're

Herzen speist,

den wahren Weg

zur Liebe weist,

ein Licht,

das Liebe schenkt

und Hoffnung sät,

selbst wenn die

halbe Welt in Flammen

untergeht.                                                              Text: Friederike Krassnig                                       Foto: Josef Graßmugg

 


 

Dienstag, 12.12.2017

 

ADVENT, ADVENIAT

Advent, Adveniat

Wer oder was kommt?

Ein strahlender Christbaum,

leuchtende Kinderaugen,

köstliches Essen,

gemeinsames Singen,

auch wenn’s mit dem Text happert,

ein perfekter Weihnachtsabend

im Kreise der Familie,

der kein Klischee ungenützt lässt.

Ist das nicht genug?

Zurück geblieben sind

nur ein paar Fotos

und die große Leere,

nicht nur in der Brieftasche,

auch und vor allem im Herzen

und im Kopf.                                                          Text: Peter Mitmasser                                       Foto: Josef Graßmugg

Warum nur?

Wo ist die Erfüllung geblieben?

Irgendwer oder irgendwas

ist doch nicht gekommen.

 


 

Montag, 11.12.2017

 

 

eines kirchenrestaurators bittgebet

 

oh herr, lass nicht die decke

stürzen von deinem kreuzge-

wölb – und sollt es doch

dein wille sein:

so will ich fügen mich – doch

erhöre meine bitte: dann nimm

den alten deckenteil,

des kirchenbaurats auftrag hierfür

kam bislang noch nicht herein

 

 

 

 

Text: Tasso J. Martens

 

Foto: Josef Graßmugg

 

 

 

 


 

Sonntag, 10.12.2017

 

Schlichte gesagt

 

Fest der Stille,

der Idylle,

des Nachdenkens,

des Sich-Schenkens,

des Verstehens,

des In-Sich-Gehens,

des Lichterkranzes,

des Engeltanzes,

der Posaunen,

froher Launen,

der hellen Lichter,

fröhlicher Gesichter,

der Nächstenliebe,

ohne seel’scher Seitenhiebe,

gegenseitiger Freude,

hell erstrahlender Gebäude,

für dich,                                                                   Text: Richard Mösslinger                                    Foto: Josef Graßmugg

auch für mich,

nicht nur zum Betrachten.-

Schlichte gesagt: Weihnachten!

 


 

Samstag, 09.12.2017

 

 

 

Köstliches entsteht in den vorweihnachtlichen

Backstuben, dem in Keksform Leben

eingehaucht wird. Dem zarten Werk ist leider

recht kurze Dauer beschieden. Wenn der Duft

von Zimt, Lebkuchen, Nelken, Orangen,

Marzipan in der Luft liegt und Kerzen ihren

mystischen Schein verbreiten, dann kommt

bald Weihnachten und die stille Zeit.

 

 

 

Text & Foto: Barbara Klein

 

 

 


 

Freitag, 08.12.2017

 

Mariä Empfängnis

 

Merkur, Hofer, Lidl,

alle sind davon betroffen.

Penny, Interspar und Unimarkt –

sogar die Kirchen haben offen.

 

Ikea, Leiner, KIKA, Lutz

können auch auf Kunden hoffen,

so wie Hornbach, OBI, Möbelix –

man sagt, auch Kirchen hätten offen.

 

Adler, Vögele und Palmers

locken mit ihren Stoffen.

Daneben warten Douglas, BIPA und dm –                                      Text & Foto: Josef Graßmugg

nur, warum sind die Kirchen offen?

 


 

Donnerstag, 07.12.2017

 

Nacht der versetzten Berge

Herzheimat,

zurückgelassen

im Tal,

bejubelt im Haus

am Berg.

Heiliger Abend -

Abend ohne Sterne und

Gebete, ohne Liebe und Gefühle -

Menschen im Glanz

der Selbstsucht -

Ein Mensch im Abseits, eine Katze -

sie fühlen gemeinsam das Wunder

der einsamen Nacht.

Schnurrend im Netz der Zweisamkeit,

das keine fadenscheinigen

Gebilde kennt,

nur die Herzandacht                                              Text: Friederike Krassnig                                      Foto: Josef Graßmugg

empfindsamen Verstehens,

fern falschem Bewusstsein

und unüberlegten Schritten

über versetzte Berge.

 


 

Mittwoch, 06.12.2017

 

Zwei Söhne

Camilles und Matts Erwartung füllt ihr Häuschen und die Zeit der Weihnacht. „Er kommt heute, Matt“ Camille zupft am Ärmel von Matts ausgebeultem roten Pulli, „zieh dich um!“

Matt schlurft durch das Wohnzimmer zum Weihnachtsbaum, prüft die gleichmäßige Verteilung der matt-goldenen Weihnachtskugeln, schüttelt von einigen künstlichen Zweigen Staub, der lässt sich auf den Weihnachtspäckchen unter dem Baum nieder.

Vier Jahre steht der Kunstbaum in unveränderter Position da, in seinem unveränderbaren Christbaumschmuck.

„Deinen besten Anzug habe ich dir aufs Bett gelegt, wir wollen Leon festlich empfangen, mein Lieber“.

Matt verlässt das Zimmer, er ist Mitte Fünfzig und geht gebeugt. Er weiß wenig über seine Nachbarn, die direkt nebenan wohnen, er weiß nichts mehr von seinen alten Freunden. Er fragte sie nicht mehr, was sie tun, was sie freut und bedrückt, so kamen sie nicht wieder.

Von seinem Sohn Leon weiß er etwas, Leon ging ohne Abschied fort am Heiligen Abend vor vier Jahren.

Einmal im Jahr sagte er seinen Eltern am Telefon, er komme wieder, am Heiligen Abend werde er da sein, gewiss.

Matt steht vor seiner Haustür, sein bester Anzug kleidet ihn gut. Er rückt den draußen angebrachten roten Weihnachtstern zurecht.

„Hallo, Matt, was tust du da?“ Thea, seine nächste Nachbarin, sieht zu ihm herüber. Eine Sehnsucht ergreift ihn, sein Herz klopft heftig, wie lange nicht mehr, er lächelt und winkt einmal zaghaft Thea zu.

Er geht wieder hinein, lässt die Haustür geöffnet.

Für Leon.

Matt geht in das Herz des Hauses zurück, ins Wohnzimmer. Camille hat den Tisch gedeckt, um genau 18.15 Uhr beginnt in jedem Jahr das Festmahl, keine Minute früher, keine Minute später. Dem Heilligen Abend gebührt die Ehre der Pünktlichkeit.

Wein gibt es reichlich, köstlich duftet eine große Gans.

Nachdem Matt und Camille zwei Flaschen Wein geleert und sich ihre Liebe zu Leon und für einander erklärt haben, klopfen zwei Menschen an ihre offen stehende Zimmertür. Thea und Leon treten ein.

So viel Besuch löst Angst in ihnen aus.

„Ich bin da, pünktlich, wie versprochen.“

Camille drückt ihren Sohn fest an sich. Matt begreift und lässt einer Träne freien Lauf, er fasst sie vorsichtig mit einem Finger an, fast ungläubig, breitet seine Arme aus, und geht auf Leon zu.

„Habt ihr meinen Ruedi gesehen“, Thea steht zitternd da, „heute morgen ist er aus dem Haus gegangen und noch nicht wiedergekommen.“

Matt und Camille sehen sich an. „Er kommt wieder, liebe Thea, nur etwas später“, Camille weiß viel.

 

Text: Dagmar Weck  /  Foto: Josef Graßmugg

 


 

Dienstag, 05.12.2017

 

tanz der teufel

 

durchbrochen

die grenze

von grauland

 

grelles licht

um grässliche fratzen

die gierend und grunzend

grauen verbreiten

 

hassbahnenzerfurcht

ihre schädel

der stechende blick

auf der suche nach opfer

 

oder

nach rettung

                                                   Text & Foto: Josef Graßmugg

 


 

Montag, 04.12.2017

 

Kinderfragen

 

Und was ist hinter dem Wasser,

hinter der Luft,

hinter dem Himmel,

hinter der Erde,

hinter dem Schnee,

hinter dem Regen,

hinter dem Wald,

hinter dem Leben und

 

was ist hinter den Wolken?

 

Hinter den Wolken, mein Kind

haust die Unendlichkeit.

Text: Ruth Barg                                   Foto: Josef Graßmugg   

Und hinter der Unendlichkeit?

 

?

 


 

Sonntag, 03.12.2017

Mei Weihnochtswunsch

A jeda Mensch in Stodt und Lond

wünscht si vom Christkind ollahond.

Wos i ma wünsch´, wüll i enk sogn:

Z´erscht, dass si olli Leit vatrogn,

dass Friedn und Gerechtigkeit

übaroll herrschat, länderweit.

Dass koani Katastrophn kemman,

uns koani Wetta übaschwemman.

Den Menschn auf da gonzn Wölt

wünsch´ i, dass eah nia ´s Essn föhlt.

Dass d´Gsundheit holbwegs stimman mog

und oamol lochn jedn Tog,

des wa, sou hob i oamol ghört,

mehr wia des besti Pulverl wert.

Donn wünschat i zur Weihnochtszeit

holt nirgends auf da Wölt an Streit.

Olli sulltns freindli redn.

Und des olles wünsch´ i jedn.                                                            Text: Sepp Maier                        Foto: Josef Graßmugg

 


 

Samstag, 02.12.2017

 

Grete und Jünni

 

Alter Mann schnarcht voll

bekleidet auf rosa Sofa in

einer 3-Zimmer-Wohnung

mit Bad, Küche, 2 Kammern

und Balkon mit Blick auf

Parkhaus, Garagen, und eine

schrumpelige, durch den

Asphalt gebrochene Birke.

Der Raum ist schön möbliert

im Stil der Zeit, und nichts

davon wird bleiben.

Der Mann hört Verdi und

Puccini, raucht Zigarren,

Pfeife, unternimmt öfters

einen Zug durch die

Gemeinde, trinkt Bier,

Schnaps, gibt einen aus,

und wird vergessen, noch

bevor er, unerreichbar für

den Schmerz und die

Kälte dieser Welt, für

immer in der Erde liegt.

Die Frau stirbt viele Jahre

später, doch eigentlich

sofort, nachdem die

Wohnung leer bleibt,

auch schlechte Ehen

gehen in die Tiefe.

Sie sitzt noch einmal mit

ihrem Enkel nachmittags

in einem Steakhouse

am Kudamm, sucht nach

Worten und zahlt das                                                  Text: Michael Arenz

Essen, kurz bevor sie                                                 Foto: Josef Graßmugg

den Verstand verliert.

Und das damals alles

so geschah, wäre beinahe

unbemerkt geblieben,

stünde es nicht hier.

 


 

Freitag, 01.12.2017

 

Der Inbegriff des Werdens und der Anfang jeden Seins mit der Frage nach dem Entstehen des Ei's und dem Mysterium, ob die Henne oder das Ei zuerst da war. Dem Ei als Symbol für das Entstehen von neuem Leben wird zusammen mit Mehl, Zucker, Butter alles abverlangt und buchstäblich neues Leben eingehaucht. Die rastlosen Finger vollziehen eine Wandlung in wundersames und köstliches Backwerk, das geliebt und gefürchtet auf keinem Weihnachtstisch im Advent fehlen darf.

 

 

Text & Foto: Barbara Klein