Sonntag, 24.12.2017

 

Weihnachtswunsch

 

Schenk mir zur Heil’gen Nacht ein Licht –

und deiner Stimme wohlvertrauten Klang.

Zeig mir noch einmal dein Gesicht,

nur eine Kerzenflamme lang.

Dann wäre heller diese dunkle Nacht,

ließ mich vergehn im Wunder ihrer Stille,

und lehrte mich, behutsam und bedacht,

dein Fernsein zu verstehn als Schicksalswille.                  Text: Gerti Kornberger                              Foto: Josef Graßmugg

 


 

Samstag, 23.12.2017

 

Gregor Kistenmacher

Conrad öffnet das Türchen mit der Zahl 22 an seinem Adventskalender und verzehrt das dahinter liegende Schokoladensternchen. Höchste Zeit ist es, Herrn Kistenmacher zu treffen. Conrads Telefon läutet, er schaut auf das Display, sein Sohn ist es. Conrad nimmt den Anruf nicht entgegen, begibt sich gemächlich zu seinem Wohnzimmerfenster und schaut hinaus.

Achtmal hat sein Telefon geläutet.

„Hier ist der Roboter von Conrad Walddorf“, der Anrufbeantworter ist angesprungen, „im Augenblick bin ich telefonisch nicht zu erreichen, ich rufe später bei Ihnen zurück.“

„Hier ist Lloyd, hallo Papa, wo bist du denn? Wir haben eine Überraschung für dich, Betty hat sich wieder viel Mühe gegeben mit deinem Weihnachtsgeschenk, ich hole...“

Conrad schaltet seinen Roboter aus. Drei Jahre hat er seinem Sohn zugehört, exakt an diesem Datum. Gerade hat der Conradvater Lloyd den Dialog verweigert, geschehen ist das Unerhörte. Eine Spur führt zu einem Geheimnis von Herrn Kistenmacher. Auch Conrad hat eine dunkle Seite, sie beginnt am Heiligen Abend. Seinen Mantel zieht er an, geht mit seinem Einkaufstrolley ins Treppenhaus zum Aufzug.

„Herr Walddorf, kaufen Sie für Ihre Familie ein?“ Die neben ihm wohnende Nachbarin steht plötzlich da. Herr Walddorf errötet leicht: „Frau Beissinger, ja, sicher.“

„Eine gute Zeit bei Ihrem Sohn wünsche ich Ihnen, mein Mann und ich, wir sind wieder allein an den Festtagen, ich gehe gleich auch einkaufen, wir sehen uns noch.“

Conrad betritt den Aufzug, einen elegant aussehenden Pensionär zeigt der Spiegel dort.

Nach einem kurzen Fußweg erreicht Conrad Walddorf das Geschäft von Herrn Kistenmacher.

„K I M A“ steht über dem Eingang des Ladens.

„Herr Walddorf, willkommen,“ der Ladeninhaber begrüßt seinen treuen Kunden und fasst ihn um die Schulter, „haben Sie schon alles gepackt für Ihre Reise nach Frankfurt?“

„Nein, lieber Herr Kistenmacher“, Gregor zieht seine Mütze tiefer in sein Gesicht.

„Kommen Sie doch auf einen Kaffee in mein Büro, einen Stollen hab ich auch grad angeschnitten.“

„Ja, gern, einkaufen kann ich später.“

„Wie geht es Ihrer Familie?“ der Geschäftsmann wagt die Frage und beobachtet seinen Gast, „bitte nehmen Sie Platz.“

„Sie sehen mich so intensiv an, sitzt meine Mütze schief?“

„Nee, lieber Herr Walddorf, wir kennen uns jetzt lange, nicht wahr?

„Sehr lange.“

Einen bunten Teller hat der Gastgeber auf den Bürotisch gestellt.

Der Herr des ‚KIMA’ schenkt Kaffee ein und legt ein Stück Stollen auf den Teller seines Gastes.

„Zu meiner Familie fahre ich nicht,“ Conrad sieht zur Tür des Büros, dann zum Schaufenster an der Eingangstür des Geschäftes, „seit drei Jahren war ich an den Festtagen nicht bei Lloyd und Betty und nicht bei meinen zwei Enkelkindern.“

„Ich weiß“, Gregor holt eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank, öffnet sie und schenkt ein.

„Woher können Sie das wissen, danke, Ihr Champagner schmeckt hervorragend.“

„Den bekommen nur liebe Gäste“, Gregor zeigt sich zufrieden, rasch schenkt er wieder nach.

„Herr Conrad, ich habe Sie gesehen, wie Sie vor meinem Schaufenster gestanden haben spät nachts, wie Sie in meinen Laden geschaut haben, ich habe mich hinter einem Regal versteckt, Sie konnten mich nicht sehen.“

„Hier in diesem Raum hab ich einen Lichtschein gesehen, Herr Gregor, an allen drei Feiertagen, da dachte ich, Sie verbringen hier das Fest, und außerdem waren Sie vorher so traurig.“

Gregor nickt.

„Die drei Tage habe ich in meinem Wohnzimmer zugebracht,“ Conrad hat sein Glas geleert, „hinter einem quer zur Wand stehenden Bücherregal, nur eine kleine Leselampe hab ich eingeschaltet und die dicken Vorhänge zugezogen. Niemand durfte mich bemerken, ich habe mich geschämt.“ Gregor holt eine zweite Flasche Champagner.

„Spät in der Nacht bin ich nach draußen gegangen, Angst hatte ich, jemand könnte mich erkennen, Gregor.“

„Warum hat Ihr Sohn Sie denn nicht abgeholt?“

„Jedes mal hat er am Heiligen Abend angerufen und gesagt, er müsse die Eltern von Betty aus München holen, sie hätten sich plötzlich angemeldet bei ihnen, da könne er mich nicht abholen, Lloyd wollte mich nach den Feiertagen holen, vom Essen werde noch genug übrig bleiben. Er wolle wieder anrufen, hat er aber nicht.“

„Lieber Gregor darf ich Ihnen das Du anbieten, ich bin der Ältere von uns beiden?“

„Gern, lieber Conrad, auch ich habe mich vor meinen Nachbarn geschämt, die kaufen ja auch bei mir ein, meine wenigen Freunde haben selbst eine Familie, denen habe ich gesagt, ich besuche Verwandte, ich hatte Angst, sie denken, sie müssten mich einladen.“

„Gregor, ich möchte Dich einladen, übermorgen zu mir zum Essen zu kommen, sagen wir um 18.00 Uhr?“

„Sehr gern, Conrad, ich bin gerührt.“

Sie umarmen sich. Conrad kauft ein, sein Einkaufswagen füllt sich reichlich.

Er geht noch bei seinem Schneider vorbei, eine Krawatte aus petrolfarbener Seide hat er sich von ihm anfertigen lassen.

Seine tiefgefrorene Gans muss er rechtzeitig auftauen, so kann er sie Gregor servieren, selbstverständlich mit edlen Weinsorten.

Er schließt seine Wohnungstür auf, sein Anrufbeantworter zeigt einen weiteren Anrufer an, Conrad hört ihn ab: „Hier ist  dein Sohn noch mal, wo bist du denn, du lässt mich hier warten, wir freuen uns auf dich, deine Überraschung packt Betty gerade ein, binde deine rote Krawatte um, wenn ich dich hole.“

Conrad packt die eingekauften Sachen weg.

Eine Sache erledigt er noch.

„Hallo, Lloyd, hier spricht dein Vater, nein, sag jetzt nichts mehr, dein Weihnachtsgeschenk will ich nicht mehr, die Überraschung, den Füller, den Betty und du mir jedes Jahr zu Weihnachten schenken mit meinem eingravierten Namen, mit dem kannst Du deine Lügen aufschreiben,“ Conrad lacht böse und legt den Hörer auf.

Eine Tüte mit Süßigkeiten und einer Weihnachtskarte mit guten Wünschen stellt er den netten Beissinger am Morgen des Heiligen Abend vor ihre Wohnungstür.

Am Nachmittag zieht Duft von einer gegrillten Gans aus Conrads Wohnung auf den Flur, am frühen Abend kommt Gregor, Conrad trägt seinen neuen Binder.

 

 

Text: Dagmar Weck   /   Foto: Harald Jantscher

 


 

Freitag, 22.12.2017

 

immer ist advent

 

weil wir guter hoffnung sind

zünden wir lichter an.

 

damit heimfinden kann

wonach wir uns sehnen

 

nackt und hilflos liegt es da

gähnend das fäustchen vor dem mund

entstanden in intimster kommunion

trägt es die ganze welt in sich

 

schön ist es und alle lieben es

weil das gute aus ihm strahlt

 

wir alle sind schwanger

advent ist immer                                                                  Text: Karl Mittlinger                     Foto: Josef Graßmugg

 


 

Donnerstag, 21.12.2017

 

Text & Foto: Josef Graßmugg

 


 

Mittwoch, 20.12.2017

 

Hörst du?

Hörst du den leisen Flügelschlag
dort aus dem Zimmer wehen?
Es ist das Christkind, das dich mag!

Geduld, du wirst schon sehen.

Leise, leise, gibt nur bloß acht,
es ist ein scheues Kind.

Wenn wer zu schnell die Tür aufmacht,
fort wär es wie der Wind.


Daher geschlossen diese Tür,
ums Christkind nicht zu stören!
hab nur Geduld, es steht dafür -

bald wirst das Glöcklein hören.

 

 

 

Text: Karl Forcher

Foto: Josef Graßmugg

 


 

Dienstag, 19.12.2017

 

Tanzende

 

Eine Rose kann tanzen

Kann lauern

Zur Freude bedauern

 

Eine Rose kann glänzen

Kann trauern

Verzaubert um Mauern

 

Eine Rose kann lachen

Kann weinen

"Ich liebe dich" meinen

 

 

 

Text & Foto: Klaus Ewald Vorhauer

 


 

Montag, 18.12.2017

 

die goldene stadt

 

reiter auf wüstenpfaden

vom himmel bewacht

ein sternenfeuer

wies ihnen den weg

aus dem morgenland

einem mächtigeren könig

zu huldigen

 

wenn der atem der zeit

zu sand zerstiebt

werden sie einziehn

in die goldene stadt

die verheißen ist

den heiligen und

erlösten der erde

                                                                  Text: Manfred Friedrich Kolb                                            Foto: Josef Graßmugg

wir glauben daran

seit jesu geburt

 


 

Sonntag, 17.12.2017

Die Zicke

Paul mochte sie nicht und die anderen Schulkameraden hatten mit ihr auch keine rechte Freude. Sie wirkte so unnahbar und kühl und war zusätzlich nicht gerade das, was man als Schönheit bezeichnen konnte. Stets klang ihre Stimme hart und streng, kein bisschen Wärme war herauszuhören. Außerdem hatte sie einen Namen, der absolut zu ihr passte. Zickedan. Frau Emilie Zickedan.

Nein, unsere Lehrerin, noch dazu seit dem heurigen Schuljahr unser Klassenvorstand, war, was man so sagen kann, wirklich nicht beliebt.

So war es natürlich nicht, verwunderlich, dass sie sofort einen Spitznamen bekam, nämlich: Die Zicke – dumme Zicke – affige Zicke – blöde Zicke und sonstige Eigenschaften gestanden wir ihr zu.

Anlässlich einer Adventfeier an der Schule ergab es sich, dass die blöde Zicke mit unserer Klasse Weihnachtslieder einstudierte, sie selbst saß am Klavier und einige Schüler mussten sie mit Geige und Flöte begleiten. Wir wollten das natürlich nicht, aber wir mussten mittun, ohne Ausnahme, sagte die Zicke.

Uns passte das absolut nicht. Was sollten wir tun? Bei der Generalprobe geschah es dann. Robert, das Zeichentalent, zauberte mit bunter Kreide eine gelungene Karikatur von der Zicke am Klavier auf die Tafel. Die Zeichnung war wirklich übertrieben hässlich – ein Ebenbild, unserer Meinung nach, von der Zicke. Dazu schrieb Andrea einige Male “Blöde Zicke – Blöde Zicke!”

Als die Lehrerin hereinkam, steuerte sie gleich das Klavier an, setzte sich und holte die Noten aus ihrer Tasche. Als sie aufsah, um uns das Zeichen zu geben anzufangen, die Hände bereits auf den Tasten, fiel ihr Blick auf uns. Niemand machte jedoch Anstalten zu singen anzufangen, wir kicherten nur still vor uns hin. Dann visierte sie die hinter uns stehende Tafel.

Sie hielt in der Bewegung inne – erstarrte. Ihr Gesicht verfärbte sich schrecklich von blass, auf rosa, dann rot bis fast purpur. Wie von einer Tarantel gestochen, schoss sie hoch, packte Noten und Tasche und unter unserem Gejohle, Gepfeife und Gekreische stürzte sie aus der Klasse.

An diesem Nachmittag musste Paul für seine Mutter einige Besorgungen erledigen. Als er auf seinem Weg an der Ordination des Hausarztes vorbeikam, hielt gerade ein Taxi vor der Tür. Der Fahrer holte aus dem Kofferraum einen Rollstuhl und stellte ihn auf den Gehsteig. Dann half er einer Frau aus dem Wagen, die ein schon etwas größeres Kind im Arm hielt. Die Arme und Beine des Kindes sowie der Kopf waren seltsam verrenkt; es gab auch so komische Laute von sich.

Paul stellte sich hinter einen Plakatständer, er war irgendwie peinlich von diesem Zwischenfall berührt. Plötzlich fiel der Frau die Handtasche auf den Boden und der halbe Inhalt verstreute sich am Asphalt. Nun sprang Paul doch helfend zu dieser Gruppe. Als er den Inhalt der Tasche aufgesammelt hatte, machte er eine kleine Drehung zur Frau hin und – erstarrte.

Die blöde Zicke stand leibhaftig vor ihm. Bevor er einen klaren Gedanken fassen oder im Erdboden versinken konnte, lächelte ihn die Zicke weich und freundlich an und mit einer Wärme in der Stimme, die er ihr niemals zugetraut hatte, sagte sie schlicht: “Danke Paul.”

Er war äußerst verlegen und stotterte sein “Bitte, gern geschehen” und “keine Ursache”, als das kranke Kind, welches der Taxifahrer in der Zwischenzeit in den Rollstuhl gesetzt hatte, aufgeregt so etwas wie “da da” rief.

Da sagte die Zicke und nahm dabei eine Hand des Kindes: “Ja, das ist Paul, ein Schüler meiner Klasse” und zu Paul gewandt: “Ich möchte Dir gerne meine Tochter vorstellen. Sie ist zwei Jahre jünger als du und heißt Sabine.”

Paul antwortete artig: “Hallo Sabine! Ich freue mich dich kennenzulernen.” Sabine kreischte vor Vergnügen. Paul steckte vor Verlegenheit seine Hand in die Hosentasche, in der er ein Hustenzuckerl fand, das er in der Folge Sabine in die Faust drückte. “Vom Christkind für Dich” murmelte er.

Sabine machte rasche runde Bewegungen wie ein Kreisel und quitschte “da da – da da.” Die Zicke sprach: “Sabine freut sich unbändig über Dein Weihnachtsgeschenk, aber nun müssen wir schnell zum Arzt. Vielen Dank Paul und auf Wiedersehen.”

Paul sah ihnen nach, auch noch, als sie schon längst im Haus verschwunden waren.

Sie ist ja gar nicht so, dachte er, nein sie ist überaus nett und kann sehr liebevoll sein. Wer weiß, was sie alles durchmachen musste. Sie hängt mit abgöttischer Liebe an ihrem hilflosen Kind. Vielleicht könnten wir Schüler abwechselnd mit Sabine spazieren fahren, damit wir die Zicke entlasten, oder mit dem Kind etwas spielen, es ein bisschen betreuen. Einkäufe oder sonstige Botengänge könnten wir für die Zicke erledigen. Gerade jetzt zu Weihnachten, wo ohnehin so hektischer Betrieb herrscht, vielleicht kann auch Sabine zur Feier in die Schule mitkomm...

Ich muss es der Klasse sagen – gleich morgen.

Wir dürfen der Zicke das Leben nicht mehr vermiesen – sie hat es auch ohne uns schwer genug.

 

Text: Ruth Barg

Foto: Josef Graßmugg


 

Samstag, 16.12.2017

 

Erster Flockenfall

 

Ich mag die Stunden dieser

            Dämmertage,

den Nachtgesang des Windes

            unterm Dach.

Die trüben Straßenlampen

            kreisen schwankend

und ausgelöschten Blicks

            den Schritten nach,

die ihre Spur im ersten

            Flockentanz

hinzeichnen auf den

            lichten Flaum.

Ich mag das weiße Schweben

            dieser Nächte,                                 Text: Gerti Kornberger                                                   Foto: Josef Graßmugg

geschenkt aus eines

            Engels Hand.

 


 

Freitag, 15.12.2017

 

Im Winterwald

 

Im Herzn drin Friedn,

nur leider z’weng Zeit,

den voll zan genießn.

Ma is net bereit.

 

Die Nächt werdn länger,

die Költn nimmt zua,

’s wird Zeit, dass ih hiatzn

mih einbremsn tua.

 

Ih gspüar in mia drinnen

a Klopfn und Ziagn.

Ih hoff, dass ma endlih

die Antwort hiatz kriagn.

 

Im Winterwald draußn

herrscht himmlische Ruah.

Ih gfreu mih auf d’ Weihnacht,

aufs Stadsein dazua.

 

 

 

    Foto: Josef Graßmugg                                                                                                          Text: Richard Mösslinger


 

Donnerstag, 14.12.2017

 

spur im schnee

 

Am Heiligen Abend klammere ich mich an meine Hoffnung, ein wenig von den Herzen der Menschen wieder zu finden, in deren Haus ich gelebt habe, dort muss die Liebe einmal gewesen sein.

Meinen Wagen parke ich und habe Angst.

Mutter Violet öffnet die Hautür, ich trete ein.

„Hast du eine neue Jacke, Melina? Astrid ist noch nicht da, hoffentlich ist ihr nichts passiert, es schneit.“ Mutti dreht mir ihren Rücken zu und hilft mir, meine prall gefüllten Einkaufstaschen in die Küche zu tragen.

„Die Jacke ist nur ein Kaninchenfell, sie war schon heruntergesetzt im Preis, die habe ich mir zu Weihnachten geschenkt.“

„Steht dir gut, Mel“, sie schaut mich verlegen an, Vater kommt hinzu, wir umarmen uns kurz, er prüft mit seinem Zeigefinger einige Stellen meiner Jacke, „da gehen ja schon Nähte auf, die Jacke ist schlecht verarbeitet.“

„Mein Budget hat nur für diese Jacke gereicht, ich verdiene noch nicht lange eigenes Geld.“

„Du hast uns alles mitgebracht für das Fondue, du sorgst für uns“, er tätschelt meine Schulter. Mutti schneidet das Filet in mundgerechte Stücke, „sieht gut aus, das Fleisch.“

Vater hängt im Wohnzimmer große, dunkelrote Kugeln an den Weihnachtsbaum.

„Wärme strahlen die Kugeln aus, Papa“, vorsichtig berühre ich eine Kugel.

„Nicht, du machst sie noch kaputt, bring mal die Päckchen aus der Diele herein, Mel.“

Sorgfältig in goldenes Weihnachtspapier gehüllte Geschenkpäckchen bringe ich herein und lege sie behutsam auf den Tisch neben dem Christbaum, noch eine Demütigung möchte ich nicht erfahren.

„Wir wollten uns nichts schenken, Papa, Du musst für Astrid doch noch einige Darlehen abbezahlen“, betroffen schaue ich ihn an und will doch nicht betroffen sein.

„Das sind doch nur ein paar Kleinigkeiten,“ er zeigt auf den Gabentisch, „Astrids Geschäft läuft nicht, sie hat nur Unkosten“, der Mann in meiner Nähe zupft die Namensschilder an den Päckchen zurecht und verlässt mich.

Charles Gounods „Ave Maria“ lege ich auf, zünde einige Wachskerzen an und suche feierliche Gefühle in mir.

Schnee fällt auf eine Pelzjacke, draußen vor dem Wohnzimmerfenster bewegt sich diese echte Jacke aus einem einst lebendigen Fuchs. In diesem eleganten Kleidungsstück steckt eine Frau in exakt meinem Alter, mit hoch toupierter, fest gesprayter Frisur, ihr Gesicht hat sie überschminkt, Astrid tritt auf.

Mutter drückt sie fest an sich, „da bist du ja, Assi, ich freue mich.“ Vater trägt ihr Gepäck herein.

„Tag, Mel, sieh mal“, Astrid zeigt auf ihren Fuchs, „unsere Eltern waren mal wieder großzügig zu Weihnachten.“

„Nein, nein, es ist ja kein Geschenk“, verkündet der Hausherr, „wir schenken uns wirklich nichts, du solltest doch nichts verraten“, flüstert er Assi ins Ohr, ich stehe daneben. Er weiß, ich höre seine Täuschung und unterbreche dieses Spiel nicht.

„Ihr seid so lieb zu mir“, Astrids Stimme lässt keinen sanften Ton zu. Die drei Personen in meiner Nähe begeben sich zum Essen, ihnen folge ich.

„Du hast aber einen teuren Sekt mitgebracht“, Mutter schaut mich an.

„Du kannst ihn dir ja leisten“, Astrid trinkt hastig, ich trinke reichlich.

„Da wir so gemütlich zusammen sitzen, wollen wir mit dir etwas besprechen, Mel“, der Hausherr sticht sein Fonduegäbelchen ins Fleisch, „nett, dass Du gekommen bist, wir müssen Astrid eine Existenz aufbauen, ihr Geschäft wirft noch nichts ab, sie braucht wieder Geld, die Miete für ihren Laden und ihre Wohnung kann sie noch nicht selbst bezahlen, nimmst du ein Darlehen bei Deiner Bank auf, du kannst es ihr zu Weihnachten schenken?“

„Astrid ist verzweifelt“, Mutti nickt.

Astrid isst und trinkt unverzweifelt.

„Du machst das schon“, Vater formt ein zynisches Lächeln, darin liegt seine Begabung.

„Nein“, meine Familie nimmt mein Flüstern wahr.

Die Wahrheit sollen sie mir erzählen, seit Jahren reden sie daran vorbei. Aber ich weiß sie doch, Bruchstücke ihrer Kommunikation mit mir verrät mir, was hier geschieht.

Mein Tiramisu schmeckt ihnen. „Iss nicht so viel davon, du hast ein paar Kilos zu viel“, Vater meint mich.

Mutter und ich räumen das Essen ab, dann gehen wir ins Wohnzimmer. „Nehmt Eure Geschenke bitte, ich habe lange gebraucht, um sie einzupacken.“ Mutter stöhnt unter ihrer Verantwortung.

Die Familie greift ihre Gaben, ich begleite sie nicht.

Dieses Elternpaar zahlt für Astrid, es lebt Astrids Leben, zahlt für sie ihren Alltag, ihre Boutique, ihre Mietwohnung, sie kann ihre Boutique nicht führen, zu planen und einen Brief zu schreiben, vermag sie nicht ohne Hilfe, eine überschätzte Frau sitzt hier, die einen aufgezwungenen Schein wahrt, damit ihre Eltern sich nicht ihrer schämen müssen.

Astrid packt eine Handtasche aus dunkelrotem Lackleder aus, die Tasche würde auch mir gefallen.

„Du leihst doch Geld bei deiner Bank, Mel, sag etwas, dieser bunte Teller ist für dich“, Mutter stellt mir den voll beladenen Pappteller auf meinen Schoß.

„Morgen früh fahre ich wieder nach Bochum, ich treffe mich mit einigen Freunden“, meine Bilanz in dieser Sache.

Geborgen wollte ich mich einmal fühlen an diesem Ort, und wäre es nur für eine Stunde gewesen.

Verletzlich ist meine Sehnsucht.

Am ersten Weihnachtstag lasse ich den Abdruck meiner Schuhe im Schnee zurück, drei Personen werden diese Spur nicht als meine erkennen.

Zu meinem Wagen gehe ich alleine, Astrid ist meine Zwillingsschwester.

 

 

Text: Dagmar Weck  /  Foto: Anonym (Name der Redaktion bekannt)

 


 

Mittwoch, 13.12.2017

 

Fröhliche Besinnlichkeit

 

Advent, das ist

die Ankunftszeit,

die Feuerwehr ist

stets bereit.

Erst wenn der

Christbaum

schon in Flammen steht,

uns allen dann

ein Licht aufgeht,

ein Licht,

das uns're

Herzen speist,

den wahren Weg

zur Liebe weist,

ein Licht,

das Liebe schenkt

und Hoffnung sät,

selbst wenn die

halbe Welt in Flammen

untergeht.                                                              Text: Friederike Krassnig                                       Foto: Josef Graßmugg

 


 

Dienstag, 12.12.2017

 

ADVENT, ADVENIAT

Advent, Adveniat

Wer oder was kommt?

Ein strahlender Christbaum,

leuchtende Kinderaugen,

köstliches Essen,

gemeinsames Singen,

auch wenn’s mit dem Text happert,

ein perfekter Weihnachtsabend

im Kreise der Familie,

der kein Klischee ungenützt lässt.

Ist das nicht genug?

Zurück geblieben sind

nur ein paar Fotos

und die große Leere,

nicht nur in der Brieftasche,

auch und vor allem im Herzen

und im Kopf.                                                          Text: Peter Mitmasser                                       Foto: Josef Graßmugg

Warum nur?

Wo ist die Erfüllung geblieben?

Irgendwer oder irgendwas

ist doch nicht gekommen.

 


 

Montag, 11.12.2017

 

 

eines kirchenrestaurators bittgebet

 

oh herr, lass nicht die decke

stürzen von deinem kreuzge-

wölb – und sollt es doch

dein wille sein:

so will ich fügen mich – doch

erhöre meine bitte: dann nimm

den alten deckenteil,

des kirchenbaurats auftrag hierfür

kam bislang noch nicht herein

 

 

 

 

Text: Tasso J. Martens

 

Foto: Josef Graßmugg

 

 

 

 


 

Sonntag, 10.12.2017

 

Schlichte gesagt

 

Fest der Stille,

der Idylle,

des Nachdenkens,

des Sich-Schenkens,

des Verstehens,

des In-Sich-Gehens,

des Lichterkranzes,

des Engeltanzes,

der Posaunen,

froher Launen,

der hellen Lichter,

fröhlicher Gesichter,

der Nächstenliebe,

ohne seel’scher Seitenhiebe,

gegenseitiger Freude,

hell erstrahlender Gebäude,

für dich,                                                                   Text: Richard Mösslinger                                    Foto: Josef Graßmugg

auch für mich,

nicht nur zum Betrachten.-

Schlichte gesagt: Weihnachten!

 


 

Samstag, 09.12.2017

 

 

 

Köstliches entsteht in den vorweihnachtlichen

Backstuben, dem in Keksform Leben

eingehaucht wird. Dem zarten Werk ist leider

recht kurze Dauer beschieden. Wenn der Duft

von Zimt, Lebkuchen, Nelken, Orangen,

Marzipan in der Luft liegt und Kerzen ihren

mystischen Schein verbreiten, dann kommt

bald Weihnachten und die stille Zeit.

 

 

 

Text & Foto: Barbara Klein

 

 

 


 

Freitag, 08.12.2017

 

Mariä Empfängnis

 

Merkur, Hofer, Lidl,

alle sind davon betroffen.

Penny, Interspar und Unimarkt –

sogar die Kirchen haben offen.

 

Ikea, Leiner, KIKA, Lutz

können auch auf Kunden hoffen,

so wie Hornbach, OBI, Möbelix –

man sagt, auch Kirchen hätten offen.

 

Adler, Vögele und Palmers

locken mit ihren Stoffen.

Daneben warten Douglas, BIPA und dm –                                      Text & Foto: Josef Graßmugg

nur, warum sind die Kirchen offen?

 


 

Donnerstag, 07.12.2017

 

Nacht der versetzten Berge

Herzheimat,

zurückgelassen

im Tal,

bejubelt im Haus

am Berg.

Heiliger Abend -

Abend ohne Sterne und

Gebete, ohne Liebe und Gefühle -

Menschen im Glanz

der Selbstsucht -

Ein Mensch im Abseits, eine Katze -

sie fühlen gemeinsam das Wunder

der einsamen Nacht.

Schnurrend im Netz der Zweisamkeit,

das keine fadenscheinigen

Gebilde kennt,

nur die Herzandacht                                              Text: Friederike Krassnig                                      Foto: Josef Graßmugg

empfindsamen Verstehens,

fern falschem Bewusstsein

und unüberlegten Schritten

über versetzte Berge.

 


 

Mittwoch, 06.12.2017

 

Zwei Söhne

Camilles und Matts Erwartung füllt ihr Häuschen und die Zeit der Weihnacht. „Er kommt heute, Matt“ Camille zupft am Ärmel von Matts ausgebeultem roten Pulli, „zieh dich um!“

Matt schlurft durch das Wohnzimmer zum Weihnachtsbaum, prüft die gleichmäßige Verteilung der matt-goldenen Weihnachtskugeln, schüttelt von einigen künstlichen Zweigen Staub, der lässt sich auf den Weihnachtspäckchen unter dem Baum nieder.

Vier Jahre steht der Kunstbaum in unveränderter Position da, in seinem unveränderbaren Christbaumschmuck.

„Deinen besten Anzug habe ich dir aufs Bett gelegt, wir wollen Leon festlich empfangen, mein Lieber“.

Matt verlässt das Zimmer, er ist Mitte Fünfzig und geht gebeugt. Er weiß wenig über seine Nachbarn, die direkt nebenan wohnen, er weiß nichts mehr von seinen alten Freunden. Er fragte sie nicht mehr, was sie tun, was sie freut und bedrückt, so kamen sie nicht wieder.

Von seinem Sohn Leon weiß er etwas, Leon ging ohne Abschied fort am Heiligen Abend vor vier Jahren.

Einmal im Jahr sagte er seinen Eltern am Telefon, er komme wieder, am Heiligen Abend werde er da sein, gewiss.

Matt steht vor seiner Haustür, sein bester Anzug kleidet ihn gut. Er rückt den draußen angebrachten roten Weihnachtstern zurecht.

„Hallo, Matt, was tust du da?“ Thea, seine nächste Nachbarin, sieht zu ihm herüber. Eine Sehnsucht ergreift ihn, sein Herz klopft heftig, wie lange nicht mehr, er lächelt und winkt einmal zaghaft Thea zu.

Er geht wieder hinein, lässt die Haustür geöffnet.

Für Leon.

Matt geht in das Herz des Hauses zurück, ins Wohnzimmer. Camille hat den Tisch gedeckt, um genau 18.15 Uhr beginnt in jedem Jahr das Festmahl, keine Minute früher, keine Minute später. Dem Heilligen Abend gebührt die Ehre der Pünktlichkeit.

Wein gibt es reichlich, köstlich duftet eine große Gans.

Nachdem Matt und Camille zwei Flaschen Wein geleert und sich ihre Liebe zu Leon und für einander erklärt haben, klopfen zwei Menschen an ihre offen stehende Zimmertür. Thea und Leon treten ein.

So viel Besuch löst Angst in ihnen aus.

„Ich bin da, pünktlich, wie versprochen.“

Camille drückt ihren Sohn fest an sich. Matt begreift und lässt einer Träne freien Lauf, er fasst sie vorsichtig mit einem Finger an, fast ungläubig, breitet seine Arme aus, und geht auf Leon zu.

„Habt ihr meinen Ruedi gesehen“, Thea steht zitternd da, „heute morgen ist er aus dem Haus gegangen und noch nicht wiedergekommen.“

Matt und Camille sehen sich an. „Er kommt wieder, liebe Thea, nur etwas später“, Camille weiß viel.

 

Text: Dagmar Weck  /  Foto: Josef Graßmugg

 


 

Dienstag, 05.12.2017

 

tanz der teufel

 

durchbrochen

die grenze

von grauland

 

grelles licht

um grässliche fratzen

die gierend und grunzend

grauen verbreiten

 

hassbahnenzerfurcht

ihre schädel

der stechende blick

auf der suche nach opfer

 

oder

nach rettung

                                                   Text & Foto: Josef Graßmugg

 


 

Montag, 04.12.2017

 

Kinderfragen

 

Und was ist hinter dem Wasser,

hinter der Luft,

hinter dem Himmel,

hinter der Erde,

hinter dem Schnee,

hinter dem Regen,

hinter dem Wald,

hinter dem Leben und

 

was ist hinter den Wolken?

 

Hinter den Wolken, mein Kind

haust die Unendlichkeit.

Text: Ruth Barg                                   Foto: Josef Graßmugg   

Und hinter der Unendlichkeit?

 

?

 


 

Sonntag, 03.12.2017

Mei Weihnochtswunsch

A jeda Mensch in Stodt und Lond

wünscht si vom Christkind ollahond.

Wos i ma wünsch´, wüll i enk sogn:

Z´erscht, dass si olli Leit vatrogn,

dass Friedn und Gerechtigkeit

übaroll herrschat, länderweit.

Dass koani Katastrophn kemman,

uns koani Wetta übaschwemman.

Den Menschn auf da gonzn Wölt

wünsch´ i, dass eah nia ´s Essn föhlt.

Dass d´Gsundheit holbwegs stimman mog

und oamol lochn jedn Tog,

des wa, sou hob i oamol ghört,

mehr wia des besti Pulverl wert.

Donn wünschat i zur Weihnochtszeit

holt nirgends auf da Wölt an Streit.

Olli sulltns freindli redn.

Und des olles wünsch´ i jedn.                                                            Text: Sepp Maier                        Foto: Josef Graßmugg

 


 

Samstag, 02.12.2017

 

Grete und Jünni

 

Alter Mann schnarcht voll

bekleidet auf rosa Sofa in

einer 3-Zimmer-Wohnung

mit Bad, Küche, 2 Kammern

und Balkon mit Blick auf

Parkhaus, Garagen, und eine

schrumpelige, durch den

Asphalt gebrochene Birke.

Der Raum ist schön möbliert

im Stil der Zeit, und nichts

davon wird bleiben.

Der Mann hört Verdi und

Puccini, raucht Zigarren,

Pfeife, unternimmt öfters

einen Zug durch die

Gemeinde, trinkt Bier,

Schnaps, gibt einen aus,

und wird vergessen, noch

bevor er, unerreichbar für

den Schmerz und die

Kälte dieser Welt, für

immer in der Erde liegt.

Die Frau stirbt viele Jahre

später, doch eigentlich

sofort, nachdem die

Wohnung leer bleibt,

auch schlechte Ehen

gehen in die Tiefe.

Sie sitzt noch einmal mit

ihrem Enkel nachmittags

in einem Steakhouse

am Kudamm, sucht nach

Worten und zahlt das                                                  Text: Michael Arenz

Essen, kurz bevor sie                                                 Foto: Josef Graßmugg

den Verstand verliert.

Und das damals alles

so geschah, wäre beinahe

unbemerkt geblieben,

stünde es nicht hier.

 


 

Freitag, 01.12.2017

 

Der Inbegriff des Werdens und der Anfang jeden Seins mit der Frage nach dem Entstehen des Ei's und dem Mysterium, ob die Henne oder das Ei zuerst da war. Dem Ei als Symbol für das Entstehen von neuem Leben wird zusammen mit Mehl, Zucker, Butter alles abverlangt und buchstäblich neues Leben eingehaucht. Die rastlosen Finger vollziehen eine Wandlung in wundersames und köstliches Backwerk, das geliebt und gefürchtet auf keinem Weihnachtstisch im Advent fehlen darf.

 

 

Text & Foto: Barbara Klein