Kay Ganahl

Henrys Wendejahre. Roman eines Werdegangs

Taschenbuch, 288 Seiten

Grille Verlag, Uckerland

ISBN 978-3-947598-03-8

 

Mit einem Vorwort von Dr. Manfred Luckas

 

Der Autor Kay Ganahl begleitet in seinem Roman Henrys Wendejahre seinen Protagonisten Henry Schlock mit tiefem Einfühlungsvermögen bei Henrys Versuchen, nach der Wende 1989 in einem für Henry völlig veränderten Alltag sein neues Leben zu begreifen.

Vor der Wende hat Henry als Agent beim Staatssicherheitsdienst der DDR gearbeitet. Als die DDR aufhörte zu existieren, findet Henry im Westen eine Stelle als Angestellter bei der Organisation Stempel.

„Jemand wie Henry kann sich nicht so einfach als Bürger des Gegenwartsdeutschland fügen“, beschreibt der Autor Henrys berufliche und private Bemühungen, in einem einzigen Deutschland wieder so eine bedeutende Rolle zu spielen, wie er sie in der DDR ausfüllte.

Der Autor steht Henry nahe, aber er kann seinem Protagonisten nicht helfen. Kay Ganahl muss innerhalb dieser Nähe eine gewisse Distanz wahren, nur so kann er dem Leser die existenzielle Zerrissenheit des Henry nahe bringen.

Henry sucht das Äußerste: sie, seine neue Identität, die das harmonische Bild des Henry Schlock zeigt, das andere Menschen und er selbst von ihm bewundernd ansehen sollen.

Auferlegt hat der Staat DDR Henry seine alte Identität: sicher war ihm dort sein Ansehen als Agent der Staatssicherheit, ebenso seine Ehre im privaten Auftreten. Keinen Zweifel erlaubte seine Sprache an ihm selbst und an seinem damaligen Staat, dem er dienen durfte, er war ein ganzer Henry.

Die Macht des Staates machte Henrys Wertschätzung aus, die andere Menschen ihm gaben und die er sich selbst schenkte. Henrys Porträt seiner Person unterlag also einer Kontrolle, er liebte diesen Zustand. Die DDR löste sich auf, damit kippte Henrys Leben.

Sehr einfühlsam und differenziert bringt Kay Ganahl dies dem Leser nahe. „Ich weiß genau, warum ich lebe, die Gerissenheit meines Handelns gepaart mit der Zerrissenheit meiner Seele tragen zu einem lang andauernden wilden Erfolg bei“, sagt Henry zu sich selbst.

Ein einsamer Henry klammert sich an seine Illusionen im einst geteilten Deutschland. Er meint, er müsse die kapitalistische Gesellschaftsstruktur bekämpfen, die Realität im neuen Deutschland versteht er nicht. Alte Ideale, vergangene Bilder toben in ihm, er ist nicht in der Lage, sich an etwas oder an Menschen zu binden und eine neue Identität zu wagen.

Eine neue brauchbare Perspektive findet er nicht.

Henry leistet seinen Dienst bei der Bundeswehr ab, auch hier lassen ihn die Bilder der DDR nicht los. Henry sieht sich in der Bundeswehr als Agent, er sucht heimlich nach Fehlern, Mängeln, hofft auf Anerkennung.

Henry will Menschen beherrschen, in diesem Deutschland kann er sich nicht einordnen und ein Zuhause finden. Beherrschen will er Menschen, aber niemand hat ihm dazu einen Auftrag gegeben, also gibt er auch den Menschen, denen er begegnet, nichts.

Er weiß nicht, wie sich Freundschaft anfühlt, was Vertrauen ist. Zu Freiheit und Lockerheit kann er keine Beziehung aufbauen.

Der Autor vertraut dem Leser, diese Verhaltensweisen von Henry aus seinem Roman zu entschlüsseln.

Mit Gertrude-Hilde vermag Henry sich nicht liebevoll zu verbinden, er zweifelt. Der Autor führt den Leser zu der Erkenntnis: wann wird Henry erkennen, dass er sich selbst lieben darf?

Als wohltuend empfinde ich das Mitgefühl, das Kay Ganahl seinem Henry entgegen bringt.

Henry hat über seine alten inneren Bilder eine große Macht, sie haben auch über ihn Macht, weil er sie nicht los lässt, er verehrt sie. Eine fatale Abhängigkeit zwischen Henry und seinem selbst entworfenen Spiegelbild, das kein wirklicher Spiegel zeigt, ist entstanden.

 

Henry spiegelt sich auch in der literarischen Figur des Theo Gantenbein aus dem Roman ‚Mein Name sei Gantenbein’ von Max Frisch wider.

Henry gleicht auch dem literarischen Anatol Ludwig Stiller aus dem Roman ‚Stiller’ von Max Frisch. Anatol, Theo und Henry wissen nicht genau, wer sie sind, wo sie sich suchen sollen.

Kay Ganahl hat einen menschlich bewegenden Roman geschrieben.

Auch der Leser sucht oft nach seinem eigenen Ebenmaß.

 

Dagmar Weck