Kindberg, Donnerstag, 14. Mai 2020

 

Tag 60 der Einschränkungen

 

Eveli Mani

Ausgangssituation: Pseudonym. Lebt in der Steiermark (A). „Ich bin pensionierte Lehrerin und Hobbyschriftstellerin. Ich lebe alleine in meinem Haus mit Garten, wo ich momentan, da ich nicht nur im angrenzenden Wald umherlaufen will, mit diversen Umgestaltungen befasst bin. Langeweile kenne ich so gut wie nicht. Nachdem ich als Kind sehr oft krank war, kenne ich den Zustand des Zuhausebleibens zur Genüge und weiß, dass das Lesen, Malen und Tagträume ersinnen darüber hinweghelfen. Ich denke, dass speziell die ältere Generation gegenüber so manchen Jungen den Vorteil hat, dass sie oft schon durch Zeiten der Entbehrungen gegangen sind. Mein Mann verstarb vor 17 Jahren, meine Tochter wohnt 20 km entfernt, mein Sohn in Wien; zudem bin ich in einer Wochenendbeziehung.“

Homepage: www.evelimani.com

 

Die alte Tür geht zu. Die neue öffnet sich.

Türen gehen zu.

So passiert es generell jedem im Leben. Immer wieder. Ob gewollt oder schicksalhaft. Momentan geht es nicht nur mir so. Nein, es geht uns allen so. Wir alle, und damit meine ich die gesamte Weltfamilie, stehen von einem Tag auf den anderen vor einer geschlossenen Tür.

Wie geht‘s weiter? Die bange Frage, die sich ein jeder von uns stellt, ist wohl sehr individuell. Die Jungen. Die Alten. Die bereits Kranken. Die Unternehmer/innen. Die Obdachlosen. Die Inder/innen etc. Ein jeder steht vor seiner eigenen verschlossenen Lebenstüre. Und weiß nicht, was die Zukunft für ihn bereit hält. Selbst namhafte Virologen und verantwortungsbewusste Politiker tappen im Dunkeln und müssen dennoch ihr noch recht löchriges Wissen rund um Covid 19 einbringen und weitreichende Entscheidungen fällen. Gegen alle Verschwörungstheorien und Verunglimpfungen.

Der Fort-Schritt geht nicht, wenn die Türen zu sind. Unbekanntes steht vorerst im Raum. In einer von Luxus und Überfluss geprägten Welt ist das natürlich ein Desaster. Wohin mit all der Gier? Mit all dem Machtstreben? Mit den Fußball- und Popstars? Mit den Flugzeugen und den Kreuzfahrtschiffen? Mit…

Ich habe derzeit viel Zeit, um mir über meine kleine und über die große Welt Gedanken zu machen. Ich gehöre doch glatt zur „gefährdeten Gruppe“! Das wird mir ganz plötzlich bewusst. Nicht nur, weil meine Enkelin fest darauf besteht, für mich den Einkauf zu übernehmen. Und weil mein Sohn pflichtbewusst seine Kinder von mir fernhält.

Ein Blick in den Spiegel hat mir schon in der Vergangenheit immer wieder meine Falten aufgezeigt; und mein dreijähriger Enkel meinte einmal, als er mir über meine Wange strich: „Oma, du bist da schon ein bisschen kaputt!“

Aber im Vorjahr sind mein Partner und ich mit dem Wohnmobil sechs Wochen in Großbritannien unterwegs gewesen, hatten Urlaub in Südamerika gemacht, und in China... waren eine Woche in Ischgl und Umgebung wandern… während ich das nun alles aufzähle, muss ich schmunzeln... denn als ich mir einen geeigneten Stoff für meine Masken suchte, stieß ich auf alte, allerdings ungebrauchte Stofftaschentücher mit chinesischer Stickerei, welche meine Eltern meinen Kindern von ihrer Chinareise im Jahre 1986 mitgebracht hatten… und nun trage ich der Situation angepasste Masken!!!

Wie viele Menschen, die derzeit wie ich auf Volkstanz, Vernissagen, Lesungen, Gymnastik, Samba-Canasta-Kartenrunden, Treffen mit Freundinnen verzichten müssen, fröne ich meiner Kreativität. So gestaltete ich meine ganz persönliche „Pestsäule“, die eigentlich ein quer liegendes Objekt ist und montierte es straßenseitig an meiner Zufahrt. Menschen, die daran vorbei spazieren, halten inne… und… ich weiß ja nicht, was sie denken…

Eine Tür ist nun zugegangen… aber eine neue Tür tut sich ganz bestimmt auf… das hat mich mein nun beinahe 70-jähriges Leben bereits gelehrt. Mit fünfzig Jahren war ich dem Tod geweiht; bald darauf starb mein Mann an einem Suizid; und der weniger dramatischen Wendepunkte mehr…

Hoffnung, Zuversicht, Mut, Kreativität und Flexibilität... ich hab´s immer wieder geschafft… indem ich mich nicht an alten Plänen festklammerte, sondern neue Chancen erkennen wollte, wodurch ich letztendlich neue Perspektiven erfuhr...

Denn immer wieder ging eine neue Tür auf...

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Corona-Überleben-Tagebuch (CÜT) 1–4:Wir schreiben uns durch die Krise. 54 AutorInnen aus D, E, F, USA und Österreich schreiben "sechs Worte und mehr" über ihr Leben in der Corona-Krise. 

CÜT4(Ausgabe vom 27.5.2020, 144 S.): mit Beitrag von Eveli Mani "Die alte Tür geht zu. Die neue öffnet sich." (S. 125 f.)  Die CÜT-Ausgaben 1–4 (digital, pdf, A4-Format) sind kostenlos zu bestellen bei: office@ebbeundflut.at (Herausgeberin Monika Zachhuber, Ebbe & Flut Textwerkstatt).

Eine freiwillige Spende für das Kinderhilfsprojekt von Mitautorin Christine Harmer (CÜT 4, S. 79 f.) ist willkommen, Kontakt: christine.harmer@aon.at