Nachlese, und Nachgelesenes seit Anfang Oktober bis Ende November 2011

Und da kommt natürlich einiges zusammen, ich will mich aber bemühen und mich ausnahmsweise einmal kurz fassen. Denn dann besteht die Möglichkeit, dass diese Nachlesen auch gelesen werden.

 

Was habe ich diesmal vorbereitet:

  1. Lesebiennale
  2. Anthologie „Befreiung“
  3. Glossen, Bemerkungen, Spitze(n)
  4. Dann gibt es zwei Nachrufe: Christa Wolf und Franz Josef Degenhardt
  5.  Gedenktage – ich will nur einen herausgreifen: Karl Kraus
  6. Reibeisen Nr. 29 – 2012
  7. Im Zusammenhang mit den Reibeisen einige Gedanken über die Gedichteschwemme

 

Also, meine Lieben, wir stehen mitten in den Vorbereitungen zum Reibeisen Nr. 29 siehe dazu weiter unten, aber auch für

1. die Lesebiennale 2012.

Diese findet nun definitiv und fix vom 14. Juni 2012 bis Sonntag 17. Juni statt. Das Programm wird gerade im Detail gemeinsam mit der Gruppe „Podium“ die auf Eventmanagement spezialisiert ist, fixiert. Ich kann Euch aber heute schon sagen, es werden 3 dichte Tage voll mit Literatur und Diskussionen werden. Soviel nur vorab, damit Ihr einmal eure Termine planen könnt:

Donnerstag, 14. Juni

Individuelle Anreise, am Abend im Stadtkino Kapfenberg der Film „Der Stich des Skorpions“

Freitag, 15. Juni,

VormittagLiteraturspaziergang in Kapfenberg, eventl. Empfang bei der Bürgermeisterin,

Nachmittag die ersten Lesungen unserer Mitglieder aus ihren Neuerscheinungen der Jahre 2010 bis 2012,

am Abend Literatur-Galadinner auf der Burg Oberkapfenberg mit Vorstellung der Anthologie „Befreiung“ und Lesung der besten Texte daraus.

Samstag, 16. Juni,

Vormittag Literaturwerkstatt beim „Bodenbauer“ mit Lesung,

Nachmittag  2. Teil der Mitgliederlesungen, und am

Abend prominent besetzte Podiumsdiskussion zum Thema „Befreiung“

Sonntag, 17. Juni,

Vormittag Literaturfrühstück auf Plätzen der Kapfenberger Innenstadt mit Lesungen der Teilnehmer

 

Die Kosten werden wir so kalkulieren, dass wirklich alle unsere Mitglieder und Autoren daran teilnehmen können. Also reserviert Euch einmal diesen Termin und schaut rechtzeitig nach, welche Verkehrsverbindungen da günstig angeboten werden. Vor allem für unsere Besucher aus Deutschland: ich persönlich habe die besten Erfahrungen u. a. mit Air Berlin gemacht, die im vergangenen Sommer 4x pro Woche von Berlin nach Graz flog. Sollte jemand Graz nicht anfliegen können (oder wollen) dann ist es einfacher Wien zu nehmen als Klagenfurt. Da sind die Verbindungen leider nicht sehr günstig.

 

2. Anthologie „Befreiung“

Wir haben Anfang Oktober alle unsere Mitglieder und die Mehrzahl der Autoren, die jemals im Reibeisen veröffentlich haben, eingeladen, sich an dieser Anthologie zu beteiligen. Das Thema Befreiung ist so umfangreich, dass wirklich alle Lebensbereiche betroffen sein können. Wir haben auch bereits eine Reihe von Texten erhalten, aber wir wollen noch viel mehr haben! Also, auf, liebe Literaten: 3 Normseiten A4 Prosa oder 2 Gedichte zum Thema Befreiung bitte bis 31.12.2011 an meine E-Mailadresse baeck.ump@hiway.at.

Wir werden eine repräsentative Broschüre anfertigen, jeder Autor bekommt 2 Freiexemplare (sowie eine Anzahl zusätzlicher gegen Kostenersatz). Die Broschüre wird anlässlich des Literatur - Galadinners auf der Burg Oberkapfenberg vorgestellt. Dabei werden zu bzw. zwischen den einzelnen Gängen einige ausgewählte Texte von den Autoren vorgetragen.

 

3. Glossen, Bemerkungen, Spitze(n)

 

Ja, was hat das mit Literatur zu tun, werden sich nun manche fragen. Aber warum soll einer dem die Literatur am Herzen liegt, dazu schweigen?

Fangen wir an: Ich meine rechnen sollte man können, aber da es seit Jahrzehnten in der Grundschule schon Mathematik (in Deutschland sogar mit Betonung auf der letzten Silbe) gibt anstelle Rechnen, darf es einen nicht wundern. Nicht wundern, dass „man“ sich beim deutschen Budgetdefizit ein wenig verrechnet hatte: es ging um läppische 55 Milliarden Euro. Angeblich soll Herr Schäuble getobt haben  - verstehen täte ich es. Aber das war es ja noch nicht, in der selben Woche wurde auch gemeldet, dass in Irland ein gleicher Rechenfehler vorliegt. Da aber diese Republik ein wenig kleiner als Deutschland ist, ist demgemäß auch der Rechenfehler kleiner: es ging nur mehr um 10 Milliarden Euro – Viel Spaß, wenn man darüber nachdenken anfängt, was da alles dranhängen könnte. Vor den einzelnen staatlichen Sparpaketen angefangen!

 

Und wieder einmal gehen die Unglückspropheten durch die Medien der Länder. Was habe ich alles schon für Untergänge in meinen 70 Jahren erlebt! Vom legendären „Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler das ich natürlich in jungen Jahren auch las, bis zur zunehmenden Armut, den steigenden Hungersnöten, der Welt, die nicht mehr ernährt werden könne, von den Wüsten die sich immer weiter ausbreiten, den Seuchen, die überhand nehmen würden (gerade in den letzten Novembertagen hörte ich die Meldung im Radio, dass in Deutschland Impfstoffe gegen die Schweinegrippe im Werte von 250 Mio. Euro vernichtet werden mussten, weil die Haltbarkeit abgelaufen war und keiner diese Mengen gebraucht hatte). Ein Bombengeschäft für die Pharmaindustrie und die Industrie zur Beseitigung von Problemstoffen – da sollte man vorstellig werden, vielleicht können diese Industrien ein wenig die Literatur fördern – bei diesen Einnahmen!

Aber die vorhergesagten Untergänge gehen ja noch weiter: Der Kampf ums Öl wird abgelöst durch die Kriege ums Wasser, die zu Ende gehenden Rohstoffe. Der saure Regen hat sowieso unsere Wälder umgebracht, die nuklearen Winter stehen uns bevor, die Killerbienen machen unseren fleißigen Honigbienen das Leben sauer, ...

Unglaublich, was ich alles schon überlebt habe!

 

Weil ich da früher vom Rechnen schrieb, da fiel mir noch etwas auf: Auch nicht Literatur, aber da kann ich nicht schweigen dazu und es passt auch zur allgemeinen Grundstimmung die derzeit herrscht: Wenn man die Leistungsbilanzsalden aller Staaten der Erde aufsummiert, sollte eigentlich Null herauskommen, habe ich vor urdenklichen Zeiten einmal in Buchhaltung und Bilanzierung gelernt. Denn was in einem Staat als Handelsbilanz- überschuss aufscheint (etwa in China) muss in einem anderen als Defizit stehen (USA). Soweit so einfach und mathematisch klar. Natürlich wird man in derartigen globalen Bilanzen nicht unbedingt darauf achten, dass der Saldo bis zur 5. Stelle hinter dem Koma noch richtig ist, das ist schon klar. Aber was der britische „Economist“ bekannt gab, ist schon ein wenig stark: Da wurden tatsächlich die Handels- und Leistungsbilanzen aller Staaten der Welt zusammengerechnet und heraus kam: Keine Null oder eine annähernde Null! Nein, es gab einen positiven Saldo von sage und schreibe 331 Milliarden US $. Da haben, so vermutet der „Economist“ die Aliens wahrscheinlich in großen Mengen Luis Vuitton Taschen gekauft. Und es geht noch weiter, bis zum Jahr 2014 erwartet der „Economist“ ein Ansteigen auf rd. 700 Mrd. US $!

Sachen gibt’s, da würde der legendäre „Watschenmann“ nur mehr sagen können: „Solchene Sachen lassen sich nicht erfinden, nicht einmal von unserem Etablissement!“

 

Blinder als blind, ist der Ängstliche – sagte Max Frisch in Biedermann und die Brandstifter. Was wäre denn dann dümmer als dumm? Musil zufolge gibt es noch die Höhere Dummheit, die liegt immer dann vor, wenn Menschen sich über etwas unterhalten, nein nicht unterhalten, sondern „sachkundig sich geben,“ zu Themen sprechen für die sie einfach nicht genügend sachkundig sind. Ein Beispiel gefällig? Ich erinnere mich an meine aktive Zeit als Managementberater, da wurde ich mit allen möglichen (eigentlich mehr unmöglichen) Theorien zur Führung usw. konfrontiert. Unter anderem war es eine Zeitlang große Mode, die Chaostheorie in der Managementpraxis einzusetzen. Wobei inzwischen wohl jedem klar geworden ist, dass die Chaostheorie etwas für exzellente Mathematiker wäre und nicht für Fachbuchschreiber zur Managementpraxis im 20. und 21. Jahrhundert. Das zähle ich zur Musil’schen „Höheren Dummheit“

 

4. Nachrufe – Christa Wolf und Franz Josef Degenhardt

 

Am 1. Dezember kam die Meldung, dass Christa Wolf verstarb. Sie war sicher eine der wichtigsten Schriftstellerinnen nicht nur Deutschlands. Dass sie nie den Nobelpreis bekam, ist wohl den unergründlichen Geheimnissen der Nobelpreiskomitees zuzuschreiben.

Es gab für sie zur DDR nie eine Alternative. Darüber heute zu richten steht uns nicht zu. Was bleibt ist ihr literarisches Werk, und das steht außer Zweifel. Ob es „Kassandra“ ist oder der „geteilte Himmel“ und ganz besonders das späte Werk (1979) „Kein Ort. Nirgends“

Sie konnte es sich leisten, gegen die Ausbürgerung von Biermann zu protestieren (und wurde darauf hin prompt von der Stasi bespitzelt) und vielleicht wäre einiges anders geworden bei der Wiedervereinigung Deutschlands, als sie für kurze Zeit im Gespräch als erstes frei gewähltes Staatsoberhaupt der DDR war.

Bei unserer „Literatur im Cafe“ am 19. Dezember werde ich, ein wenig vom Programm abweichend, auch Christa Wolf gedenken.

 

Und im Oktober verstarb ein weiterer „aufrechter“ Kommunist: Franz Josef Degenhardt. Ich hatte die Gelegenheit seine beiden ersten Romane „Zündschnüre“ und „Brandstellen“ zu lesen. Es ist für österreichische Leser interessant diese Zeit sowohl der Jugend im zusammenkrachenden tausendjährigen Reich, als auch die Spannungen in der BRD im Zusammenhang mit der Wiederbewaffnung, der APO usw. nachzulesen. Wer sich dafür interessiert, auf unserer Homepage www.europa-literaurkreis.nethabe ich unter Lesetipps von Hans Bäck diese beiden Bücher besprochen. Ein wenig stolz bin ich auch, das der Kulturmaschinenverlag der den Degenhardt-Nachlass betreut und das Gesamtwerk herausbringt, auch mein Buch (und hoffentlich die weiteren auch) verlegt.

 

5. Gedenktage

Im Juni waren es 75 Jahre dass Karl Kraus verstarb. Der wortgewaltige Schriftsteller, Vorbild und Lehrer einer ganzen Reihe von Epigonen und zugleich glühendster Verachter der Presse und des Journalismus prägte nicht nur die Frühzeit des 20. Jahrhunderts sondern darüber hinaus einige Generationen von Schriftstellern. Sein Opus Magnum „Die letzten Tage der Menschheit“ ist nicht ein Jahrhundertwerk, sondern m. E. ein Jahrtausendwerk. Seine Sprachkritik im Gefolge von Mauthner und anderen war auch wichtig für Wittgenstein und dessen Denken.

Seine berühmte Zeitschrift „Fackel“ und die unzähligen Prozesse die angestrengt wurden auf Grund von Artikeln in der Fackel sind wichtige Bestandteile der – nicht nur – literarischen Geschichte Österreichs.

Vielleicht weniger bekannt ist, dass Kraus 1926, 1927 und 1928 für den Literaturnobelpreis nominiert wurde.

 

6. Reibeisen Nr. 29 – 2012

Ja, das Reibeisen Nr. 29 ist „in Arbeit.“ Am 5. Dezember kommen die letzten (Prosa) Bewertungen zurück, dann geht es an die Auswertung und in die Redaktion. Es wird wieder ein spannendes Heft werden, der Feuilletonteil ist ebenfalls konzipiert und wird rechtzeitig von den Autoren „abgeliefert“ und es steht dann, wie Edi immer sagte „dem Besten und Schönsten“ Reibeisen, seit es diese gibt nichts mehr im Wege. Erfreulich ist, dass eine Reihe neuer Autoren zu uns gefunden haben, wir freuen uns über jeden Neuzugang.

Weniger erfreulich ist eine andere Begleiterscheinung, der ich mich nach Absprache mit einem Teil der Juroren widmen möchte:

 

7. Gedichteschwemme

Es ist wunderbar zu sehen, wie produktiv manche Autoren sind. Es ist direkt zu merken, wie ihr Dichterherz darunter leidet, dass sie nicht mehr als 10 Gedichte einsenden „dürfen.“ Wenn ich allerdings die Literaturgeschichte hernehme und nachlese, wie manche Dichter um das Wort gerungen haben und manche stolz waren, wenn sie in einem Jahr 5 oder 6 brauchbare Gedichte fertig stellen konnten, so wundere ich mich manchmal schon.

Halten wir es fest, liebe Lyrikerinnen und Lyriker: Es hat nicht viel Sinn uns mit Gedichten zu überschwemmen, die alle miteinander nicht über eine unterdurchschnittliche Bewertung hinaus kommen. Die Juroren können das sehr gut unterscheiden und bleiben bis zum letzten Gedicht gewissenhaft und genau und gründlich.

Sollte man sich als Lyriker nicht einmal hinsetzen und ein Gedicht her nehmen und schauen, was daran verbessert werden könnte? Ich erinnere an unseren heuer verstorbenen Willi Kandlbauer, der Zeit seines Lebens auf der Suche nach einem noch besseren Wort war. Und das Resultat eines nimmermüden Dichterlebens war ein schmaler Band mit Gedichten – aber da ist jedes Einzelne ein Meisterwerk.

Glaubt doch nicht, liebe Lyriker, dass die Quantität die Qualität ersetzen kann! Es gibt immer wieder hervorragende Gedichte bei den Einsendungen (heuer allerdings kaum welche), die in der Fülle natürlich nicht untergehen, sondern sehr wohl erkannt werden. Es ist aber schade, wenn so viele nicht bearbeitete Gedankensplitter, Erlebnisse, Schicksalsschläge und was halt die Lyriker alles zum Gedichte schreiben anregt, ankommen und weggelegt werden müssen oder nur nach Nachsicht aller Taxen und Zudrücken sämtlicher Hühneraugen halt doch noch aufgenommen werden.

Liebe Einsender von Gedichten: Weniger ist eindeutig mehr, wenn es bearbeitet, korrigiert und nochmals bearbeitet wird, bevor es beiseite gelegt, nach einer Ruhezeit wieder in Angriff genommen und nochmals bearbeitet wird. Und schaut halt auch einmal nach wie die Großen (auch unserer Zeit - nicht nur der Vergangenheit) Gedichte schrieben.

 

Es ist Tatsache, wenn wir zu unserem Workshops immer alle Autoren einladen und gerade dabei an jene denken, die „gerade nicht aufgenommen wurden“ – aber leider: Die Lernresistenz mancher Autoren ist unglaublich! Dabei führen unsere Tutoren behutsam, mit Liebe und Einfühlungsvermögen in die Geheimnisse der Lyrik ein. Bezeichnend ist ja, dass beim heurigen Literaturworkshop im Schloss Kassegg eine einzige „lyrische“ Teilnehmerin war (und die es eh nicht mehr notwendig gehabt hätte) sonst lauter Prosaschreiber, Romanciers und auch hier solche mit großer Erfahrung und teilweise respektablen Veröffentlichungen.

 

Also, meine lieben Lyrikerinnen, Lyriker und auch Prosaisten: Wenn ihr einmal eingesendet habt und euer Beitrag ist nicht im Reibeisen enthalten, dann ist das keine Böswilligkeit der Juroren (die euch ja nicht kennen, da die Einsendungen mit Kennwort anonym bleiben), sondern es sind ausdrücklich eure Schwächen, die oftmals aber nur einer geringfügigen Überarbeitung bedürften – und es würde fast ein Meisterwerk daraus. Unsere Juroren machen sich die Arbeit, bei jedem (!) Gedicht ihre persönliche verbale Begründung der Einstufung mitzugeben, das wäre doch etwas woran und womit man arbeiten könnte! Also, im Jahre 2013 gibt es wieder einen Literaturworkshop des ELKK – für alle, die im Reibeisen Nr. 29 mit ihren Gedichten nicht aufscheinen (oder nur mit wenigen), merkt euch das vor, Sepp Grassmugg und ich werden rechtzeitig daran erinnern! Nicht mit persönlichen Einladungen (denn wer liest schon gerne „auf Grund der mangelnden Qualität ihrer Einsendung laden wir Sie zu einem Verbesserungsseminar ein,“) sondern einfach mit Ankündigungen im Rundschreiben des ELKK und in meinen Nachlesen.

 

Rückmeldungen und Stellungnahmen wie immer gerne willkommen, entweder auf den Blog über Reinhard Mermi majolika@email.deoder per Antwort Mail an mich.

 

Beste Grüße und vorab schon ein gesegnetes Weihnachtsfest und viele gute und erfolgreiche Texte im kommenden Jahr!

 


 

Buchpräsentation am 25.11.2011 in der Galerie KuL (Bruck an der Mur)

Es war schon etwas Besonderes, die "Lautsprecher in den Bäumen" im Umfeld der Radierungen von Gregor Traversa präsentieren zu können . . .

   

     Der Galerist Hannes Pirker

   

 


 

Nachlese für September 2011

                            „An Gott muss man glauben, das Schöne jedoch sieht man.“ 

                                                                                                                                          Martin Walser

 

Was gibt es diesmal?

  1. Gedanken, Reflexionen zum Geschehen
  2. Erinnerungen, Gedenktage
  3. Kleist Tage in Frankfurt/Oder
  4. Bücher

 

  1. Gedanken, Reflexionen

Manfred Prieschnig schrieb einmal von der „Epidemie der Unanständigkeit“. Ich glaube, diese breitet sich mit atemberaubender Geschwindigkeit aus. Es fehlen nur noch die Appelle an die Bevölkerung in Anbetracht der kommenden härteren Zeiten „Maß zu halten.“ Jetzt, wo die Maßlosigkeit um sich greift, allenthalben neue Beispiele dafür tagtäglich bekannt werden. Systeme werden in Frage gestellt, Heilslehren aus der Mottenkiste geholt und die Propheten haben Hochkonjunktur. Vor allem jene, die den bevorstehenden Untergang Europas vorhersagen. Aus meiner Kindheit kenne ich noch den Ausspruch, dass der, der mehr gibt als er hat, ein Schuft sei, ein Gauner, ein Trottel. Heute sollte man das eigentlich so ausdrücken, dass der, der nicht mehr nimmt, der Trottel ist, und alle die Schufte und Gauner sind normal.

Natürlich ist da auch wieder einmal der Kapitalismus schuld, vor allem dessen unanständigste Ausformung, der Neoliberalismus. Und die Weltbewahrer predigen an jeder Straßenecke, in jeder Sonntagszeitungsspalte ihre Heilslehren.

Der Ruf nach Ethik – vor allem in der Wirtschaft und in der Politik – ist unüberhörbar, und wer will es jemand verdenken, dass er in diesen Ruf einstimmt? Die Gier ist ein Schwein, sagen wir umgangssprachlich. Also, auf zur Eindämmung der Gier, zur Korrektur des Kapitalismus!

Stellen wir die Proportionen wieder her: Kapitalismus gründet auf der richtigen Erwartung der Nachfrage und einer möglichst effizienten Produktion. Dazu sollte, nein, muss man nüchtern, überlegt und unbefangen sein, keinesfalls gierig.

Mit Ethik kann man da mithelfen: Nicht lügen, nicht betrügen, - im Klartext: kein Finanzprodukt auflegen und aufschwätzen, das nichts Wert ist, nicht mehr Schulden machen, als man bedienen kann, die Liste ließe sich leicht verlängern, doch bitte ich jeden Leser dies für sich selber zu tun.

Es ist der Traum der Politiker jetzt zu zeigen, was sie „können.“ Sie zeigen halt leider deutlich genug, was sie nicht können. Und wenn man heute jemand fragt, warum er/sie in die Politik geht, dann kommt zu hundert Prozent die Antwort: Ich will gestalten können! Lassen wir das Gestalten den Bildhauern, lassen wir das Regeln den Thermostaten bei der Heizung! Dort funktioniert das, nicht aber am Markt. Wenn in unschöner Regelmäßigkeit die beiden mächtigsten Gestalter und Regler Europas in Berlin und Paris verkünden, dass die Lage zwar sehr ernst sein, aber die Instrumente vorhanden seien und ab sofort auch zur Anwendung kämen, dann liebe Bundesdeutsche und liebe Franzosen und damit nicht nur ihr, sondern wir alle in Europa, dann wird es Zeit, sich warm anzuziehen. Es ist zu befürchten, dass dann weder die Heizung und schon gar nicht der oder besser die Märkte funktionieren.

Was ist den die Aufgabe von Unternehmen? Fördern von Kulturveranstaltungen, Sponsoring für Fußballklubs betreiben? Das ist schön und ehrenwert, aber das kann man nicht einfordern, so nach dem Motto, auch die Wirtschaft soll ihren Teil beitragen! Es sind immer die anderen die ihren Teil beitragen sollen. Jetzt momentan ist es die Wirtschaft, sind es die Reichen, die ihren Teil beitragen sollen. Jedenfalls immer die ANDEREN.

Die Unternehmen, die Wirtschaft, die sollen Produkte herstellen, Dienstleistungen anbieten und Gewinne machen. Da sorgt dann schon der Staat dafür, dass die Steuern abgeschöpft und umverteilt werden kann. Das Schlagwort von CSR „Corporate social responsibility“ geisterte durch die Managementlehrbücher, sogar Zertifikate wurden dazu erworben und ausgestellt. Die Eigentümer, auch die ach so bösen Shareholder erwarten etwas ganz anderes (und es steht ihnen auch zu). Wenn sich Unternehmen dazu bereit erklären, so ist das deren Angelegenheit, aber es einzufordern, das ist unehrlich! Und mit immer neuen Regelungen einzugreifen versuchen, die Abläufe zu steuern, Entwicklungen gegenzuwirken, wie die Vorhaben alle umschrieben werden! Die Kirche und speziell die katholische, glaubt ja heute noch, alles im Leben der Christen vorgeben und regeln zu müssen. Und trotzdem (oder gerade deswegen?) gibt es immer Kinder, die unehelich zur Welt kommen – sind sie deswegen schlechter, haben sie mindere Startbedingungen? Die Absurdität von überbordeten Regelungen!

Der Manager, der eingestellt wird, einen Supervertrag erhält und ständig kontrolliert und in seinen Kompetenzen eingeschränkt wird, lehnt sich zurück und lässt die Dinge laufen. Jede Beschneidung in den Aufgaben führt dazu, dass immer weniger getan, immer weniger versucht wird. Und ohne das Vorantreiben stehen wir halt bald in der Sackgasse an.

 

Wir sollten wieder die Möglichkeit erhalten, Vertrauen in jene zu setzen, die wir beauftragt haben. In der Wirtschaft, in der Politik. Das wäre schön, wenn sich unsere Politiker zum Beispiel daran erinnerten, dass sie einen Eid auf die Verfassung abgelegt haben, auf die österreichische (nicht auf die griechische, portugiesische) und dass seinerzeit fast siebzig Prozent der Österreicher sie beauftragt haben, Europäer zu werden! Es ist ja bezeichnend gewesen, dass der jetzt wiedergewählte polnische Ministerpräsident Donald Tusk anlässlich der Übernahme der polnischen Präsidentschaft den nationalstaatlichen Hosenscheissern sagen musste, was die EU eigentlich bedeutet. Und allen jenen Regulierungswütigen vielleicht noch einen Satz: Insolvenzverschleppung ist in allen Staaten ein Delikt, das vor dem Strafrichter abgehandelt wird, und die durchgeführte „Rettung der Banken“ (und die vielleicht nochmals bevorstehende) ist eine eindeutige Insolvenzverschleppung. Regelungsfanatiker haltet euch an die Regelungen!

 

Da habe ich vor einiger Zeit gelesen, dass es notwendig ist oder wäre, unsere „türkischen Mitbürger“ in die Entscheidungen der Kommunen einzubinden. Das erinnert mich fatal daran, als es darum ging die „jüdischen Mitbürger“ zu beachten, mit ihnen zu kommunizieren. Warum diese Einschränkung der MIT-Bürger? Sind wir nicht alles Bürger? Ob österreichisch geboren oder aus Anatolien eingewandert und sich integriert, die Sprache erlernt, einen Beruf ergriffen, die Werte der neuen Heimat akzeptiert, was müssen wir dann noch von MIT Bürgern sprechen? Es sind doch alles Bürger – oder? Wäre nicht der Ausdruck, das Wort Bürger in unserer Zeit auch einmal zu überdenken? Das war doch einmal der freie Mensch, der keinem Grundherren untertan war, der in seinem Gemeinwesen mitgestaltete und sich sehr wohl um seine Freiheiten und Rechte kümmerte, der aber auch akzeptierte, dass Rechte ohne gleichzeitige Pflichten nicht vorstellbar sind. Und wo stehen wir da heute? Als Untertanen wurden jene bezeichnet, die zum Unterschied vom Bürger einer Stadt, der Grundherrschaft, dem absoluten Monarchen verpflichtet waren. Diese konnten nicht abgesetzt werden, da ja das Gottesgnadentum dafür sorgte, dass sie unangefochten thronen konnten. Erst der Bürger schuf die Möglichkeiten, die „Obrigkeiten“ auch auszutauchen und was tun wir heute? Wir haben immer wieder die selben Typen am „Gnack“ (österreichisch für Genick) und können wählen was und wie wir wollen, die sind nicht loszubringen.

Muss es wirklich in Österreich den Aufstand der Alten geben, um eine Bewegung in Gang zu bringen? In Spanien, in England, aber auch neuerdings in den USA gehen die Jungen auf die Straße, weil ihnen die Zukunft gestohlen wird. Müssen wir Alte in Österreich auf die Straße gehen, damit unsere Jungen auch noch eine Zukunft haben. Herrschaftsakra, man sollte nochmals xx sein !

 

Ach ja, die Alice Schwarzer, in Graz war sie auch! Der Thilo Sarrazin übrigens auch. Und beide haben ihre Bücher verkauft und Interviews gegeben. Die arme Schwarzer, ein wenig leid kann sie mir schon tun. Da kämpft sie Zeit ihres Lebens darum, dass die Frauen endlich befreit werden und ihr Leben in die Hand nehmen und selber gestalten, und dann das: In Berlin, im Schmelztiegel alles Linken (=Fortschrittlichen?) muckt eine Gruppe Junger auf, die sich die Politpackeleien nicht mehr gefallen lassen wollen, nennen sich die Piraten und erobern auf Anhieb 15 Sitze im Berliner Abgeordnetenhaus. Und haben eine einzige Frau darunter, wenn das nicht ärgerlich ist, liebe Alice Schwarzer, ich kann Sie verstehen! Es ist zum schwarz/gelb vor Ärger werden – mein Mitgefühl ist bei Ihnen – oder glauben Sie mir nicht? Ich täte es auch nicht – mir dies zu glauben!

Und da aller Guten Dinge bekanntlich Drei sind: Stephane Hessel kam in seinem Alter noch nach Graz um die Jungen zu überzeugen, dass was er mit 93 meinte, nämlich sich zu empören und sich nicht alles gefallen zu lassen, wirklich ernst gemeint sei. „Wir dürfen den Finanzmächten nicht erlauben, unsere Regierungen zu regieren!“ Und er warnte davor, den aktuellen Frust gegen die etablierten Parteien sei gefährlich, denn „so etwas führt zu großen Führern, die gegen alle Parteien auftreten“ und auch „das Ohnmachtsempfinden, man könne eh nichts machen, ist gefährlich, die Gleichgültigkeit hilft nur jenen, die die Macht missbrauchen.“

 

Reisender, bist du unterwegs in der Steiermark, und kommst nach Bruck/Mur, dann hast du es gut, du kannst dich drauf einstellen, denn in Kürze kommt Kapfenberg. Eine kleine Stadtautobahn verbindet die beiden Städte und dann bist du schon da. Und wenn du jetzt im Herbst 2011 nach Kapfenberg kommst, lieber Reisender, dann kannst du was erwarten! Das letzte internationale Aufbäumen Kapfenbergs ist noch zu erleben. Die Keramikbiennale 2011 ist noch im KUZ beheimatet – komm und schau und staune.

Wie es halt von vielen Kleinstädten mit Kleinbürgern und Kleinbürger „Räten“ und Kleinbürger „Meistern“ halt zu erwarten ist, hört man so Gerüchte, dass dies vielleicht die letzte Biennale in der Form gewesen sein könnte, denn man müsse ja sparen und die Erträge aus dem Finanzausgleich werden immer geringer und die Kosten und Pflichtausgaben steigen und es wird überall gespart. Und so weiter! Wer kennt diese Argumentationen nicht auch schon? Wenn ich aber daran denke, wie in einer Zeit, als Kapfenberg zerbombt war, die Infrastruktur danieder lag, 6000 Menschen in Baracken lebten, die Industrie von der Besatzungsmacht demoliert war, aber dann gab es damals mutige Kommunalpolitiker, die erkannten, Kapfenberg braucht nicht nur neue Straßen und Busverbindungen, Wohnungen und Investitionen, sondern auch eine Musikschule, eine Bibliothek, Kulturtage, Ankäufe von Bildern und Skulpturen, dann, meine verehrten Leser, dann bin ich halt wieder bei den anfangs erwähnten Kleinbürgern. Wo bleiben denn Menschen vom Schlag eines Alfred Mikesch in der Stadt, eines alten Krainers im Land? Wo bleiben diese Charismatiker? Biedere Verwalter eines Erbes haben wir und selbst das ist nicht mehr sicher, denn immer mehr Kulturleistungen der Vorfahren geraten in Vergessenheit, gehen in Verlust, verkommen.

Manchmal, wenn ich von Bruck kommend nach Kapfenberg fahre und die Tafel „Europastadt“ sehe, denke ich mir, diese könnte auch bald eingespart werden. Die Städtepartnerschaft mit Frechen ist seit dem Wechsel in Frechen vom SPD zum CDU Bürgermeister recht frostig geworden, der Europagedanke wird von ein paar Unentwegten hochgehalten, der Europa Literaturkreis Kapfenberg, der Filmklub, die schon erwähnte Keramikbiennale, aber dann? Die Fußballer – europareif? Die Basketballer – europareif? Die Eishackler – europareif? Lachhaft! Aber die Zuwendungen an diese Gruppierungen könnten der Kultur schon ein Stück weiterhelfen und die Keramikbiennale 2013 stünde überhaupt nicht zur Diskussion, die Kapfenberger Kulturtage könnten wieder belebt werden, die Kapfenberger Sommerakademie hätte nicht sterben müssen, aber, wenn das WENN nicht wäre!

 

 

  1. Erinnerungen, Gedenktage

Es gibt so viele heuer, dass die Gefahr besteht, wichtige zu übersehen. Liebe Leser dieser Zeilen, wenn Sie mit Recht jemand vermissen: es war keinesfalls böse Absicht von mir oder Überheblichkeit (der oder die ist es nicht wert, erinnert zu werden), nein einfach die Fülle.

Ich möchte auch darauf hinweisen, dass wir vom Europa Literaturkreis Kapfenberg in Zusammenarbeit mit dem ECE (dem größten Einkaufscentrum der Obersteiermark) eine neue Serie starten: Jeweils am 3. Montag im Monat stellen wir neue Bücher im Cafe „Klein und fein“ vor. Aber nicht nur neue Bücher, wir wollen auch die Gedenktage berücksichtigen. So wird am 17. Oktober bei der ersten Veranstaltung u. a. James Joyce (70. Todestag), Hilde Spiel (100. Geburtstag), Heinrich v. Kleist (200. Todestag), Johannes Nestroy (200. Geburtstag) erinnert werden. Und unsere Autoren, die daran mitmachen, werden in jedem Monat an einen wichtigen Dichter erinnern (natürlich, da ich oben schon die Frau Schwarzer erwähnte, auch an die Dichterinnen), Erich Fried, Max Frisch, um nur die nächsten zu nennen.

Liebe Leser! Wenn Ihnen jemand einfällt, an den gedacht werden soll, schreiben Sie mir bitte, vor allem jene Schriftsteller, die bei uns in Österreich nicht so bekannt sind – aus welche Gründen auch immer – aber z. B. in Deutschland wichtig waren und sind, wären uns willkommen. Stellen Sie diese auch unserem Reinhard Mermi für den Blog zur Verfügung, senden Sie mir den Namen und das, was den Schriftsteller (für Sie) so wichtig machte und ich sorge dafür, dass wieder einer weniger vergessen wird.

Heute möchte ich, um nicht allzu viele Seiten zu produzieren, mich auf die Hilde Spiel konzentrieren. Am 19. Oktober 1911 in Wien geboren, verstorben 30. November 1960 (Wien).

Eine großartige Erzählerin, eine Frau, die ihr jüdisches Schicksal meisterte, die rechtzeitig „entkam“, zurückkehrte, mit allen Großen der (österreichischen) Literatur zusammen kam. 1933 der, dann 1934 verbotenen, Sozialistischen Partei beigetreten, 1936 Doktor der Philosophie, heiratete den britischen Schriftsteller Peter de Mendelsohn und emigrierte noch im selben Jahr wegen der zunehmend antisemitischen Politik in Österreich nach London. Wurde 1941 britische Staatsbürgerin, 1946 als Korrespondentin erstmals wieder in Wien. Dieser Zeitraum ist auch in ihrer großartigen Autobiografie im ersten Band „Die hellen und die finsteren Zeiten“ beschrieben.  Die Stadt ihrer Geburt, ihrer Jugend hat sie geprägt, sie las z. B. mit einer Freundin am Telefon Schnitzlers „Reigen“ es sind aber keine Chronik der laufenden Ereignisse, es ist eine Zeugin des vergangenen Jahrhunderts, die hier spricht.

1955 einen Zweitwohnsitz in St. Wolfgang und 1963 endgültige Rückkehr nach Wien.

Nach dem Debütbuch „Kati auf der Brücke“ (1933) erschien  vor dem Krieg noch „Verwirrung am Wolfgangsee“ dann Pause bis 1947 „Flöten und Trommeln“. Von da an veröffentlichte Spiel fast ununterbrochen. Legendär ihr Zwist mit Friedrich Torberg, der auch dazu führte, dass sie aus dem österr. PEN austrat und zum deutschen PEN wechselte. Dort gründete sie u. a. auch mit Heinrich Böll das Komitee „Writers in Prison“

Der zweite Band ihrer Memoiren „Welche Welt ist meine Welt“ behandelt die Zeit von 1946 bis 1989. Der Emigrant ist für sie „der Prototyp des modernen Menschen“ und das 20. Jahrhundert  jenes, „das ununterbrochen an unseren Nerven zerrt“. Und ihre Zeit, die sie schildert spiegelt die Schizophrenie eines Daseins, das von der Zerrissenheit dieses Jahrhunderts betroffen ist.

Steigen Sie ein in diese Welt, Hilde Spiel wird Ihnen ein interessanter, weiser und spannender Führer dabei sein!

 

 

  1. Kleisttage in Frankfurt/Oder

Was zieht einen durchschnittlichen Steirer, konkreter sogar einen „Hochsteirer“ in das entlegenste Städtchen Brandenburgs? Nach Frankfurt/Oder?

Wenn man die Namensschwester am Main kennt, dann ist es schon ein wenig ernüchternd, anderseits, es ist ein wenig, wie wenn man heim kommt. Heim nach Kapfenberg. Ein Bahnhof in dem sogar internationale ICE Züge halten, ein weiter Weg vom Bahnhof bis zu den Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel, eine etwas desolate Straße, eben wie zu Hause. Eine Kleinstadt eben, nun nicht ganz so klein, wie unser Kapfenberg, doch rund doppelt so viele Bewohner. Und an einem großen Fluss gelegen, und jenseits des Flusses ein anderer Staat, Polen. Verbunden durch eine Brücke der Freundschaft, so hieß sie früher, nun aber ganz schlicht und einfach Stadtbrücke.

Ein Stadtbild im Zentrum, durchaus ansprechend, eine beeindruckende gotische Marienkirche in typischer norddeutscher Backsteinbauweise, mit inzwischen berühmt gewordenen Fenstern in der Art der Bilderbibel. Ein Kleistmuseum, ein imposantes Rathaus – auch ein schöner Backsteinbau, eine städtische Bibliothek, einen (unvermeidlichen?) Ratskeller. Und eine Vorsitzende des FDA Brandenburg, Hannelore Hofmann,  welche die Aufgabe übernommen hatte, den Jahreskongress des FDA auch als Veranstaltung im Rahmen des Gedenkjahres 200. Todestag von Heinrich von Kleist, zu organisieren und zu gestalten.

Gleich einmal vorweg, das gelang ihr zu  hundert Prozent. Das war eine hervorragende Veranstaltung! Inhaltlich, organisatorisch, gesellschaftlich. Hannelore, wirklich Spitze!

So, nun zum eigentlichen. Also, die Kleisttage haben uns Innerösterreicher, Hochsteirer in diese entlegene Ecke Deutschlands geführt. Kleist. Immer wieder Kleist, immer wieder „Der zerbrochene Krug“ (nun auch am Wiener Burgtheater), „Amphytrion,“ „Prinz von Homburg“ und nicht zu vergessen, die vielen Novellen, die Kleist zeit seines Lebens schrieb, um irgendwie zu überleben. Was ihm letztlich doch nur dank seiner Schwester gelang. Da sind wir schon beim nächsten Haltepunkt. Heinrich und Ulrike. Oder besser Ulrike und Heinrich? War nicht sie, die bestimmende in diesem Geschwisterpaar? Ein wenig erinnert mich dieses Paar an ebenfalls inzestiöse Geschwister: Ulrich und Agathe aus dem „Mann ohne Eigenschaften.“ Interessant, dass gerade diese so augenfällige Verbindung von den Rednern in keiner Weise hervorgehoben wurde. So, als ob das nach zweihundert Jahren noch immer Grund für Abscheu, Ablehnung und vor allem Verdrängung ist. Vor allem Verdrängung, habe ich den Eindruck. Es kann nicht sein, dass einer der hoch gelobten Dichter – ist er nun den Klassikern oder den Romantikern zuzurechnen? – eine Verbindung mit seiner Schwester hatte, die weit über das was unter Bruder und Schwester üblich ist, hinausging. Doch lassen wir diese Geschichte unter der Steppdecke (also dort, wo sie hingehört), es steht uns Heutigen nicht zu, darüber zu rechten und zu richten, wir sollten nur diesen Aspekt auch berücksichtigen, denn meiner Meinung nach, ist dies ein wesentlicher Grund für die ständigen Probleme des Dichters mit dem Leben: Der ausbleibende Erfolg seiner schriftstellerischen Arbeiten, damit die ständige Angst, im „zivilen“ Leben zu scheitern und die Furcht, des Entdecktwerdens, des Skandals. Denn dann wäre er wohl für alle (damaligen) Zeiten unten durch gewesen. Das wäre für die Gesellschaft  des königlichen Preußens wohl unerträglich gewesen: Ein Adeliger, ein Offizier und dessen Schwester in einem Liebesverhältnis. Dass unter diesem Zwang auch stärkere Naturen als Heinrich eine war, scheitern hätten müssen, nun dazu bedarf es wohl keiner ausführlichen Psychologiestudien.

Nun, was bleibt vom Kleist heute? Interessant, dass sich viele Vortragende, Textbeispiele usw. mit dem Zwist Kleist und Goethes beschäftigten. Versuche, Kleist Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne das unantastbare Denkmal Goethe zu sehr in Frage zu stellen. Das ist sicher eine Krux für alle, die sowohl als auch...

Im Rahmen des Kongresses wurde vom FDA ein Literaturbewerb ausgeschrieben „Kleist und ich“ – da gab es allein in der Sparte Prosa 106 Einsendungen!

Ich halte ihn doch eher für einen zweitrangigen Dichter, dessen Ideen und Ideale sich mir bei genauerem Lesen nicht und nicht erschließen wollen. Auch die Vorträge in Frankfurt/Oder konnten da nicht abhelfen.

Aber trotzdem, ich habe diese Tage genossen, konnte mir gar nicht vorstellen, dass dieses Städtchen so bezaubernd ist, so viele kleine Schönheiten aufzuweisen hat. In der Vorbereitung meinte ich einmal, es gibt eigentlich nur zwei Gründe für mich nach Frankfurt/Oder zu kommen: einen persönlichen und einen weiteren: sonst würde ich ja gar nie dorthin kommen!

 

Trotz oder nein, gerade wegen Kleist, es hat sich gelohnt, mit der ÖBB nach Wien zu fahren, von dort mit der Air Berlin nach Berlin zu fliegen, dann mit der DB nach Frankfurt/Oder weiter zufahren und wieder zurück, dann aber mit einem Zwischenaufenthalt in Berlin, wo uns vom FDA Berlin eine Lesung ermöglicht wurde. Und was für eine! In der Charitè Museumsruine, ein Wunderbau für Lesungen und kleinere Kulturveranstaltungen, da hat die Vorsitzende des FDA Berlin, Inge Beer, auch einen wunderbaren Rahmen für unsere Texte gefunden. Und der Abschluss mit dem Autor des Buches „Ich war Staatsfeind Nr. 1“ Wolfgang Welsch, bis lange nach Mitternacht, das war auch so ein Erlebnis, das noch lange nachwirken wird.

Entlegen, Kleist,  hin oder her: Frankfurt/Oder war eine Reise wert!

 

  1. Bücher

Verehrte Leser, lassen wir noch die Flut der Frankfurter Buchmesse ein wenig verebben und sichten wir die Neuerscheinungen in Ruhe.

Ich möchte Ihnen heute ein einziges Buch empfehlen, fast schon einen Klassiker. Ein Autor, der heuer 90 geworden wäre und Zeit seines Lebens Literatur gelebt hat, ich möchte fast sagen: ER war Literatur.

Hans Carl Artmann, H. C. wie er von seinen Fans genannt wurde. Geboren 1921, verstorben 2000. Nicht nur seine berühmten Gedichte „med ana schwoazzn dintn“ sondern seine unzähligen Gedichte, Kurzgeschichten, Übersetzungen, sein Werk ist einfach unfasslich groß. Daher heute nur ein einziges Bücherl empfohlen: „die Sonne war ein grünes Ei“ – die Schöpfungsgeschichte mit all dem, was uns Moses und Darwin verschwiegen haben, so wie es in den Wigwams und Iglus vielleicht erzählt worden war.

H. C. Artmann: „Die Sonne war ein grünes Ei“ – von der Erschaffung der Welt und ihren Dingen, Ullstein 1986

 

Wie immer: Diese Nachlese ist nicht das offizielle Organ des Europa-Literaturkreis Kapfenberg, es ist die alleinige Meinung des Verfassers. Abmeldungen bitte mit einfacher Mail an mich: baeck.ump@hiway.at

 

Wenn Sie anderseits Interessenten wissen, die diese Nachlesen gerne haben würden, geben Sie mir die E-Mailadresse bekannt und ich nehme sie sofort in den Verteiler auf. Achtung: es gibt keine Zustellung per normaler Post sondern ausschließlich als E-Mail.

 

 

Die Nachlesen erscheinen unregelmäßig, üblicherweise im Monats- max. 6 Wochenabstand.

 

Nachtrag

Wie der legendäre Steve Jobs immer sagte, „da wäre noch etwas“: Die Reibeisentexte sind bereits bei den Juroren in Arbeit. Es gibt auch schon einige abgeschlossene Beurteilungen (Lyrik 2x und Mundart). Die übrigen Juroren arbeiten  und stöhnen unter der Flut von hervorragenden Texten!

 

Mit den besten Grüßen für einen wunderschönen Herbst verbleibe ich

wieder einmal

 

Euer

Hans Bäck 


 

Nachlese Juli und August 2011 

Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert

Giuseppe Tomasi di Lampedusa „Der Leopard“           

Was es diesmal gibt:

  1. Klausur des Vorstandes Europa Literaturkreises Kapfenberg
  2. Peter Handke – und kein Ende(?)
  3. Nachruf Willi Kandlbauer
  4. Kleistjahr 2011
  5. Literaturworkshop - Schreibseminar

 

1. Klausur des Vorstandes

Im August traf sich der Vorstand des ELKK zu einer Klausur in Passau. Andere mögen während der Sommerhitze in den Fluten sich aalen oder auf sturmumbrausten Berggipfel das Glück suchen – wir wollten arbeiten und neue Gedanken für unseren Literaturkreis suchen und Tätigkeiten regeln. Ohne dem Bericht des Vorsitzendes an die Mitglieder des ELKK vorzugreifen, aber es ist tatsächlich Wesentliches beschlossen worden:

Wie fast alle Vereine leiden auch wir nicht unbedingt an Mitgliedern, aber an solchen, die sich aktiv an der Arbeit beteiligen. Und das Reibeisen, immerhin erscheint 2013 bereits das 30. Heft, d. h. seit 1983 gibt es jährlich ein Reibeisen, verlangt sehr viel Zeit und Kraft (und Geld). So sind unsere Kapazitäten weitgehend ausgelastet, dazu kommen noch die regelmäßigen Veranstaltungen wie die Lesungen und die Lesebiennale alle 2 Jahre bzw. der Literaturworkshop. Wir sind einfach mit unseren Kapazitäten und Ressourcen am Ende. Es ist daher ein Gebot der Stunde gewesen, die Aufgaben in der Reibeisenredaktion aufzuteilen. Und ab dem Heft Nr. 30 gibt es (endlich) eine zweite Redaktion – eine deutsche. Und damit wird unser Heft noch ein Stück europäischer. Reinhard Mermi wird den Aufbau und die Organisation der zweiten Redaktion in die Wege leiten und steuern. Doch eines können wir versichern, von unserer „Blattlinie“ werden wir nicht wesentlich abweichen: Das Schwergewicht wird immer die Literatur bleiben: Lyrik, Prosa und Mundart. Wobei wir diese auf die vielen Dialekte im deutschsprachigen Raum ausweiten wollen. Plattdeutsch hatten wir ja schon, neben der heimischen österreichischen Mundart (mit ihren vielen regionalen Ausprägungen), aber wir wollen weitere Dialekte und Mundarten in unseren Heften vorstellen. Das Feuilleton wird in Hinkunft gemeinsam mit der deutschen Redaktion gestaltet werden. Lasst euch überraschen, wartet die Mitteilung von Sepp Graßmugg ab, bzw. werde ich in der nächsten Nachlese darüber im Detail berichten, was sich ändern und wie die zweite Redaktion arbeiten soll.

 

2. Peter Handke und kein Ende

Irgendwie bin ich es leid, ständig eigenartige Interviews des Hrn. Handke zu lesen.

Dass Dichter aneinander oftmals kein gutes Haar lassen, kommt vor, muss aber nicht die Regel sein. Jedenfalls, wenn Handke Thomas Bernhard als „Sand, unnützen Sand“ bezeichnet, dann stelle ich für mich schon die Frage, welche Kriterien verwendet Herr Handke, um die Werke von Kollegen zu beurteilen. Man muss schon Handke heißen, um ein Buch wie „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ bei einem Verlag „unterzubringen.“

Da stellt sich auch die Frage nach der Literarizität dieser Texte in dem Band. Sand, unnützer Sand?

Was mich aber zutiefst schockierte war eine Passage in einem Interview in dem Handke bedauerte, dass die Mauern und die Grenzen gefallen sind und fallen. „Europa braucht Schwellen, Stolpern“ Nein, mein verehrter Dichter, was wir brauchen, das sind genau keine Schwellen, keine Mauern! Und der Dichter sollte eigentlich dafür eintreten, dass die Grenzenlosigkeit zur Tatsache wird, und nicht danach rufen, abzugrenzen, einzugrenzen.

Das sind Aussagen eines Dichters, der anscheinend seine Große Zeit schon hinter sich hat. Auch und obwohl das Salzburger Festspielpublikum sein Theaterstück „Immer noch Sturm“ bejubelte. Aber das sagt ja nix, denn dort wurden seinerzeit auch die Karajanschen Klangbreie bejubelt.

 

3. Willi Kandlbauer

Ein weiteres Gründungsmitglied unseres Literaturkreises hat uns verlassen. Ich will gar nicht auf seine Tätigkeit für unseren Kapfenberger Literaturkreis eingehen, ich will mich dem Dichter Willi Kandlbauer widmen.

Nach dem Gedichtbändchen „Vier Junge Kapfenberger“ im Jahre 1954 – gemeinsam mit Hannelore Valencak, Otto Eggenreich und Herbert Zinkl schrieb Willi Kandlbauer unermüdlich an seinen Texten. Fallweise eine Veröffentlichung in den „Lichtungen,“ Beiträge in namhaften Anthologien, Rundfunksendungen, aber sonst ein Stiller im Verborgenen. Willi war der Erste, der im neuen Kapfenberger Literaturkurs der Volkshochschule sein profundes Wissen einbrachte. Und wie er uns „nervte“ mit seiner Art, um ein besseres Wort zu ringen und dieses dann durch ein noch besseres zu ersetzen, bis es – selten genug – gelang, das BESTE zu finden. Das war Willi: Nie mit einem Text zufrieden, auch und schon gar nicht mit seinen eigenen! So ist es nicht verwunderlich von diesem Dichter im „Literaturbetrieb“ nix zu finden. Textbeiträge zu Ausstellungskatalogen seines Sohnes „Helmut Kand – Das Tagtraumbuch“), und dann ein schmales Bändchen mit Texten aus 6 Jahrzehnten: „Brandung des Lebens – Treibgut und Träume“ Und es ist bezeichnend, dass die Herausgabe dieses Werkes durch seinen langjährigen Arbeitgeber (Willi war mehr als 40 Jahre als Spectro-Chemiker in der Stahlindustrie tätig) Böhler Edelstahl gefördert wurde. Der Lyrikpreisträger der Stadt Graz des Jahres 1956 war der Öffentlichkeit keinen müden Schilling (damals noch) an Förderungen wert – auch ein typisches Schicksal für Einen, der sich nicht vordrängt, der einfach nur präzise arbeitet.

Willi hat uns gelehrt, an den Texten zu arbeiten. Wie er sagte: „Zuerst mit der groben Schleifscheibe, dann mit der Schruppfeile, dann mit der Schlichtfeile und zuletzt mit der Nagelfeile.“ Willi, das und vieles andere aus deinem Munde merken wir uns!

So sanftmütig Willi war und keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte (ist wörtlich zu verstehen), so grimmig und unerbittlich konnte er werden, wenn es darum ging, Natur zu schützen. Sein jahrelanger Kampf zur Unterschutzstellung des Orchideenvorkommens in der Karlschütt, wo er sich mit steir. „Schotterbaronen“ anlegte und dies auch durchstand wird ebenfalls unvergessen bleiben!

 

4. Kleistjahr 2011

Natürlich gilt es heuer dieses Dichters zu gedenken. Der FDA macht dies sogar im Rahmen seines Jahreskongresses, der zur Gänze unter dem Motte Heinrich von Kleist steht. Der Kongress findet vom 16. – 18. September 2011 in Frankfurt/Oder statt. Hat Kleist heute noch etwas zu sagen oder wird er maßlos überschätzt? Ich erlaube mir, ein wenig am Heiligenbild Kleist zu kratzen.

Wo soll ich beginnen? Mit seinen Gedichten an Germania? Lieber nicht, breiten wir darüber den Mantel des Vergessens, auch wenn nun viele kommen werden und dies mit der aufkommenden Romantik bemänteln, inzwischen wissen wir ja, dass die so gelobte und gepriesene Romantik der unheilvolle Vorläufer des Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts war, heute bemühen wir uns verzweifelt daraus einen Europäismus zu machen.

Ich gehe weiter zum „volkstümlichsten“ Stück des Dichters, zum Dorfrichter. Natürlich eine Paraderolle für jeden Erzkomödianten. Aber, was geschieht denn wirklich? Einer missbraucht seine Amtsgewalt, versucht sich an junge Frauen heranzumachen mit einer Mischung aus Schläue und Brutalität. Das sind die Stoffe, die für das Bauerntheater landab und landauf geschrieben wurden und werden. Und heute noch von Hinterhaxenhausen bis Oberstinkenbrunn bespielt werden. Und dann kommt der elegante Gerichtsrat Walter daher, der auch um das Ansehen der Staatsmacht besorgt ist, nur weil dann zu guter (oder schlechter) Letzt der einfache Bauer doch sein Mädchen bekommt, weil seine moralische Gediegenheit bewiesen ist – das wäre ein revolutionäres Stück? Ich weiß nicht ob es 1806 als revolutionär aufgefasst wurde – ich meine eher nein, denn sonst hätte sich der Herr Geheimrat aller deutschen Geheimräte nicht für das Stück und dessen Uraufführung eingesetzt. Nein, Dorfrichter – Fehlmeldung. Lustig ja, aber aufregend? Nein danke.

Was soll an einem Dichter nonkonformistisch sein, der im Chaos eines Erdbebens und danach die Liebenden unter einem Granatapfelbaum flüchten, sie dort ihre Liebesspiele und das Wiedersehen genießen lässt? Wie konventionell die Wendung, dass „wie viel Elend über die Welt kommen musste, damit sie glücklich würden!“1Und es ist dem Dichter nur einen Bericht wert, dass in den Ruinen der Kathedrale eine Messe gelesen wird, die Mönche Kruzifixe schwingend herumrennen, und als es zum Ende kommt, überlebt der „göttliche Held Don Fernando, stand jetzt den Rücken an die Kirche gelehnt; in der Linken hielt er die Kinder, in der Rechten das Schwert und mit jedem Hieb wetterstrahlte er einen zu Boden.“2Der Pöbel wird besiegt, die edlen Adeligen ziehen sich in ihr Unglück zurück. Dabei kommen die trefflichen Damen und der mütterliche Schmerz zu ihrer gebührenden literarischen Erwähnung. Der preußische Junkerdünkel?

Die Marquise von O, ein alter Stoff, der immer wieder in der Literatur3auftaucht: Eine Frau lässt sich im Rausch so weit gehen, dass sie nicht merkt, dass irgendeiner der Saufkumpane sie schwängert. Natürlich handelt es sich bei Kleist um eine ehrbare Witwe vom Stand, also muss nach vielen Irrungen und Verwirrungen ein junger Bauer herhalten, der ihre Ehre retten soll. Bevor es aber so weit ist, bekommt sie doch den russischen Grafen und alles geht in Wonne und Grießschmarrn auf. Courths Mahler hat sich dieses Werk sicher als Lehrstück genommen.

Dann der Michael Kohlhaas! Was ist das für ein „edler Kämpfer für sein Recht!“ Und wie elendiglich muss er scheitern! Das Establishment ist stärker, die Staatsraison setzt sich durch, es kommt wie es kommen muss: Der Rebell Kohlhaas bekommt seine verdiente Strafe unter dem Schafott. Als letzte Genugtuung bleibt ihm nur noch, den geheimnisvollen Zettel mit der noch geheimnisvolleren Weissagung zu schlucken. Und der arme Kurfürst von Sachsen bleibt, „zerrissen an Leib und Seele“4in Dresen zurück. Nein, selbst dem Kohlhaas kann ich nichts an Rebellentum abgewinnen. Einer der sein Recht selber in die Hand nimmt, weil es ihm von den zuständigen Stellen nicht gewährt wird und dann von der Obrigkeit doch der, wie der Dichter unverhohlen ausdrückt seiner gerechten Strafe zugeführt wird (und diese auch widerspruchslos annimmt), und wie gnädig: die Kinder des ‚Exekutierten werden zu Rittern geschlagen und in einer Pagenschule erzogen. Womöglich wieder zu preußischen Junkern. Ein Witz!

Unerträglich wurde es dann bei der Verlobung in St. Domingo. Der Wilde Haufen der Aufständischen, denen jedes Recht auf ihre Erhebung abgesprochen wird, in der Einleitung sogar der Neger Congo Hoango seine „Undankbarkeit“ auf das schändlichste demonstriert, indem der seinen Wohltäter, dem natürlich adeligen Herrn Villeneuve eine Kugel durch den Kopf jagt, dessen Anwesen in Brand steckt usw.5Es bedarf der jungen wilden Toni, die einen edlen ju