Literaturtheorie und andere Feinheiten

 

 

Dialoge schreiben

Eine kleine Hilfestellung

 

Gute Dialoge schreiben, ist nicht ganz einfach. Schließlich haben die Dialoge diverse Aufgaben zu erfüllen, die über die reine Vermittlung von Handlungsinformationen weit hinausgehen.

 

 

Geschichte des Dialoges (in Kürzestform):

 

Zur Kunstform wurde sie durch Platons Werke erhoben. Wissenschaftliche Abhandlungen wurden in Form von Wechselgesprächen (Frage, Antwort, Widerlegung) mündlich weitergegeben.

Im Mittelalter wurde das Streitgespräch als Dialogart noch oft angewandt.

Die europäische Aufklärung setzte den Dialog als Instrument der vernunftbedingten geistigen Auseinandersetzung ein. (Eindrucksvoll dazu ist Lessings Kanzeldialog im „Anti-Goeze“.).

Im 19. Jh. werden Dialogabhandlungen selten, es wurde der kunstvolle Dialog bevorzugt.

 

 

Das sollte man beim Dialogschreiben bedenken:

  • der Dialog sollte bezeichnend und informativ, knapp und prägnant sein

  • lange Monologe und professorale Zeigefinger vermeiden

  • zu wenig Dialog wirkt distanziert, trocken und unlebendig

  • zu viele Dialog kann einen Roman oder Erzählung aufgeblasen erscheinen lassen, besonders wenn zu viele Leerformeln darin enthalten sind

  • Autorenhintergrundwissen, um die Leserschaft zu belehren, sollten nicht in den Dialogen vorkommen (z.B. Wir sahen Amadeus, der Film, der acht Oscars bekommen hat. Regie Milos Forman. Nach einem Stück von......)

  • die Dialoge sollen natürlich und lebendig sein, Menschen sollten so sprechen

  • sie müssen spannend sein; die Beziehungen zwischen den Sprechern sollten sich während des Gesprächs verändern (Konflikt – Bewegung)

  • bei verbalen Höhepunkten in einer Auseinandersetzung sollten die Sätze ganz nach dem Motto „Parade und Gegenangriff“ geschrieben werden – kurz und knapp

  • jede Figur, bzw. SprecherIn in einem Dialog sollten eine eigene unverwechselbare Ausdrucksnote haben. Figuren sollten nicht wie die AutorInnen selbst sprechen.

  • Unterbrechungen, Pausen müssen durch direkte Angaben gezeigt werden (...sie hielt inne... – er fiel ihr ins Wort....)

  • zum Dialog gehören auch alle nonverbalen Signale (Mimik, Gestik, Körperhaltungen), die beschrieben werden sollten

  • wenn der Sprecher des Dialoges klar erkennbar ist, sollte man –sagte er, fragte sie usw. – einfach weglassen

  • alle Formen der Verdoppelung sind zu vermeiden (- „Hahaha“, lachte er ... sagte sie witzig)

  • im Dialog sollten die Figuren mehr Witz zeigen, mehr Charme, Bildung, Beredsamkeit, Klugheit mehr Feuer als der/die Autor/in selbst.

 

Direkter Dialog

Er drückt genau das aus, was im Kopf der Figur vor sich geht, ohne das er zögert. Es werden keine Ausflüchte, Witz o.ä. eingesetzt.

 

 

Indirekter Dialog

Er drückt den Willen der Person aus. Eine mit Maximalkapazität agierende Figur wird im Dialog klug, lebhaft und wird indirekt vorgehen.

 

 

Dialogschreiben für ein Drehbuch

(Diese Anregungen und Tipps sind auch sehr gut für Prosaerzählungen geeignet)

 

Vorarbeit

Bevor man beginnt, die Dialoge zu einer bestimmten Szene zu schreiben, sollte man sich erst einmal absolut klar sein über die Struktur der gesamten Filmgeschichte und die Dynamik und Bedeutung der Szene innerhalb dieses Zusammenhangs. Im Idealfall sollte das Buch recht weit gediehen sein, so dass lediglich noch die Dialoge fehlen. Dann nämlich wird die Geschichte wie es sich für einen guten Film gehört, in ihrem Kern durch Handlung und Bilder erzählt und nicht wie bei vielen schlechten Filmen, fast ausschließlich durch sprechende Köpfe.

Testen wir es doch einfach mal vor dem Fernseher. Wir wählen einen Film aus und drehen den Ton weg. Können wir der Geschichte trotzdem weitgehend folgen, oder wird sie ausschließlich über Dialoge erzählt?

 

Situation

Wenn wir an einer konkreten Szene arbeiten, stellen wir uns am Besten zunächst die Frage: In welcher Verfassung befinden sich die Figuren an diesem Punkt der Geschichte, was sprechen sie aus, was denken sie sich nur. (Subtext) Wohin bewegen sich die Figuren nach dieser Szene und generell während der Filmhandlung?

Wollen wir gute Dialoge schaffen, sollten wir unsere Filmfiguren unbedingt in interessante Konstellationen und Situationen hineinbringen. Dann werden auch automatisch die Dialoge reicher und interessanter.

 

Funktion vor Inhalt ?

Das Gespräch der Filmfiguren muss gar nicht zwangsläufig mit der Handlung zu tun haben. Sie können sich über Fischmärkte, Astronauten oder Babywindeln unterhalten. Wichtig aber ist, dass das Gespräch die Funktion der Szene erfüllt. Sollen zwei Dialogpartner sich in der Szene zerstreiten, so ist das Thema nicht unbedingt von Bedeutung. Das Augenmerk liegt auf den gegensätzlichen Standpunkten, die immer mehr auf einen Eklat zusteuern. Allein das Ergebnis (Streit) und die Emotionen zählen.

Möchte man betonen, wie unsinnig der Streit oder wie zerbrechlich das Verhältnis der Personen zueinander ist, so kann man dies durch die entsprechende Auswahl des Streit-Themas unterstreichen. Das kann über die Unkultiviertheit brauner Schnürsenkel in schwarzen Schuhen genauso wie etwa über falsch erinnerte Backzutaten aus Jugendzeiten geschehen.

 

Sprache

Die hohe Kunst der Dialoge beginnt jedoch nicht bei den Inhalten, sondern bei Klang, Farbe und Duktus der Sprechenden. Welcher Charakter spricht wie? Schließlich verfügt jeder Mensch nur über seine eigene Art zu sprechen. Und in unserem Drehbuch sollen schließlich nicht alle gleich klingen. Der Bankier nicht wie der Straßenjunge, die Kioskverkäuferin nicht wie die Konzernchefin.

Es ist wichtig, den Filmfiguren eine individuelle Stimme zu geben, an der man sie auch eindeutig erkennt. Die persönliche Geschichte der Figur, ihr soziales Umfeld und der Charakter prägen maßgeblich ihre Ausdrucksweise und beschreiben sie gleichermaßen.

 

Zuhören

Ein Weg, seine Fähigkeiten in dieser Richtung zu erweitern, ist zuhören. In der U-Bahn, im Kino, in Kaufhäusern, überall, wo Menschen sich unterhalten. Sogar Talk-Shows können zur Inspiration dienen und helfen, die Figuren mit der passenden Sprache auszustatten. Es genügt natürlich nicht, das Gehörte einfach mitzuschreiben, oder aufzunehmen und dann einfach niederzuschreiben. Drehbuchdialoge sind anders. Sie sind stilisiert. Sie sind komprimiert, sind prägnanter, vieles vom Alltagsgeschwafel wird weggelassen, selbst wenn man in einer Szene den Eindruck von “Geschwätzigkeit” vermitteln möchte.

  

Dialoge testen

Es ist sehr hilfreich, sich die Dialoge selbst vorzulesen. Oder, noch komfortabler, sie gemeinsam mit Anderen zu lesen. Ideal ist er, wenn man am Dialog selbst erkennt, wer ihn spricht. Wenn der Dialog eine Seite des Charakters transportiert, die einem sonst vielleicht gar nicht offenbart würde.

Am guten Dialog kann man erahnen, was die Filmfigur uns vielleicht nicht preisgeben möchte. Was sie von ihrem Innersten verbergen, was sie statt dessen behaupten will. Oder denken Sie an Schwindel und Lüge.

 

Wie tragisch kann es wirken, wenn jemand, der zutiefst unglücklich ist, in seinen Dialogen vorschwindelt, wie gut es ihm/ihr geht.

 

 

Hier ein Beispiel aus dem Drehbuch “Liebe, Leben, Tod”:

 

Pauls Wohnung                                                                                         INNEN / TAG

 

Leyla und Paul telefonieren miteinander. Paul rauft sich die Haare, ist unbeholfen, angesichts ihrer Traurigkeit.

Paul (sanft):

“Jeder lässt mal den Kopf hängen. Das vergeht! Möchten Sie darüber sprechen?”

Leyla (ruppig):

“Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns was zu sagen haben. - Außer der Schuhgröße.”

Paul:

“Also wenn es mir schlecht geht, dann denke ich ans Frühstück. An Kaffee und frische Brötchen. Da geht es mir gleich wieder besser!”

Leyla (grob):

“Ich weiß nicht, wie sie darauf kommen, es ginge mir schlecht. Und wenn es so wäre, würde ich es Ihnen bestimmt nicht erzählen!”

Paul

“Ich hatte den Eindruck, sie seien unglücklich...”

Leyla (bemüht, die Tränen zurückzuhalten):

“Keine Spur. Es geht mir gut! Heute Mittag war ich in ein französisches Restaurant eingeladen. Und gestern Abend war ich auf einem herrlichen Fest. Das hätte Ihnen bestimmt auch gefallen, all die schönen Schuhe, die spitzen Absätze...!”

 

 

© Karin Graf-Braun             Quellen: UTB Literaturwissenschaft, Literaturlexikon, F. Gesing "Kreativ Schreiben"