Literaturtheorie und andere Feinheiten

 

 

Die Kurzgeschichte

in Kurzform

 

Der Begriff "Kurzgeschichte" ist eine Lehnübersetzung des amerikanischen Gattungsbegriffs Short story, mit diesem jedoch nicht deckungsgleich, da im Unterschied zum Amerikanischen im Deutschen die Kurzgeschichte gegen andere Formen der Kurzprosa, insbesondere Novelle, Anekdote und Skizze, abzugrenzen ist. Kennzeichen der Kurzgeschichte sind vor allem:

 

1. sie ist in der Regel kürzer als die Novelle des 19. Jahrhundert
2. meistens beginnt sie ohne Einleitung 
3. sie ist straff komponiert, nicht immer linear, oft sogar montiert
4. sehr komplizierte Schichtungen des Aufbaus sind möglich
5. sie stellt einen bedeutsamen Moment des Daseins dar; einen entscheidender Lebensabschnitt, eine "Lebenssekunde" eines typisch, nicht individuell gesehenen einzelnen
6. Gegenstände des Alltags erhalten die Funktion von Dingsymbolen – (z.B. „Das Brot“ von Wolfgang Borchert oder „Die Waage der Baleks“ von Heinrich Böll u.a.)
7. die Tendenz zur Verknappung bis hin zur Aussparung, so dass der Leser ständig zum Deuten, zum Lesen zwischen den Zeilen, gezwungen wird 
8. nebenordnenden Satzbau (Parataxe), Reihung von Hauptsätzen (epischer Stil)
9. meist fehlen Erzählerkommentare
10. schlichte, der Umgangssprache angenäherte Sprache, die sich jedoch als zeichenhaft erweist
11. sie bevorzugt das "Understatement" (Untertreibung), sie unterspielt, indem sie das Wesentliche karg darstellt, oft nur andeutet, damit der Leser nachsinne; 
12. darum sind Kurzgeschichten oft auf den Schluss hin gebaut und können nur von ihm aus erschlossen werden (sie fordern sehr konzentriertes Lesen und sind interpretationsbedürftig)
13. sie hat einen offenen, unerwarteten Schluss

 

Mit der Verwendung moderner Erzähltechniken, der Vorliebe für Außenseiter der Gesellschaft, dem Bestreben, den Leser zu provozieren und zu aktivieren, folgt die deutsche Kurzgeschichte allgemeinen Tendenzen der modernen Literatur.

 

Die Kurzgeschichte im engeren Sinn entstand in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Ihre Themen waren zunächst der Aufarbeitung der Vergangenheit gewidmet (W. Borchert, H. Böll, E. Langgässer), Nachkriegszeit und Wirtschaftswundermentalität bestimmten noch lange die Inhalte (G. Eich, I. Aichinger, M. L. Kaschnitz, W. Schnurre), dabei standen psychologisch-existentielle Handlungselemente im Mittelpunkt.

 

Der große Erfolg der neuen Gattung hat neben soziologischen (neue Medien, Änderung des Lebensverhaltens) auch literarische Gründe, etwa die Einfachheit, die Unverbindlichkeit des Erzählens, die Eignung als Experimentierfeld und nicht zuletzt die Scheu vor größeren Formen.

© Karin Graf-Braun              Quellen: UTB Literaturwissenschaft - Internet