Christine Teichmann

„Gaukler“

Roman, Keiper Graz

ISBN 978-3-903144-26-2

 

Lange mussten wir warten, die „Raubtiere“ sind schon längst verhungert, immerhin erschienen sie bereits 2009, aber das Warten hat sich gelohnt.

Inzwischen sind auch in der Zirkuswelt Veränderungen eingetreten, es dürfen beispielsweise in den Manegen keine Wildtiere vorgeführt werden. Also bleiben die Clowns, die Artisten aller Sparten. All jene, die uns Illusionen vormachen, etwas vorgaukeln – eben die Gaukler.

Christine Teichmann schildert in ihrem neuen Roman an Hand des Zirkuskindes Dora, das sich längst vom „Milieu“ emanzipiert, den Zirkuswagen, das Wanderleben hinter sich gelassen und eine ganz normale Familie begonnen hat.

Erfolgreichen Gatten im Mittleren Management, sie selber ein abgebrochenes Psychologiestudium (no na, gerade Psychologie) aber einen guten Job als Personalreferenten in der Human-ressources Abteilung in der selben Firma, zwei Kinder im besten, d. h. im schwierigsten Alter der Pubertät, den schon längst überfälligen Seitensprung souverän hinter sich gebracht und nun am Höhepunkt der Krisis, wo die Überlegung ansteht, mit einem Maximilian dem Großen einen Neuanfang, ein neues Verhältnis, ein irgendwas-nur-was-Neues zu starten. Natürlich der Rettungsversuch durch den Ehemann, und dann das entscheidende Ereignis: ein schwarz umrandetes Kuvert langt ein, der Tod der Mutter wird gemeldet und das Begräbnis bereits für den Folgetag angesetzt. In aller Eile organisiert Dora eine Platz im ICE nach Graz, für die Kinder zu einem Schulfest eine Feuershow – immerhin hat sie das ja jahrelang gemacht, ihre Abwesenheit im Büro, all das was eine berufstätige Frau und Mutter eben bei überfallsartigen Ereignissen zu machen hat oder was von ihr klischeehaft erwartet wird.

Langsam rollt das Leben vor der Zeit im Großraumbüro vor ihr ab, wie der berühmte Film, den jeder Leser kennt, wenn Protagonisten in Lebensgefahr ihr Leben im Zeitraffer nacherleben. Die erste Begegnung mit Erich, dem späteren Ehemann, die gemeinsamen Bergtouren, aber auch die Kindheits- und Jugenderlebnisse in der Welt der Eltern, die als Artisten, Clowns, Akrobaten, Jongleure durch die Lande ziehen. Anfangs noch in Hallen, dann später bei den Bier- und Feuerwehrfesten, eben das Leben jener Gaukler, die nie bei Roncalli engagiert wurden, auch nicht in Monaco auftreten konnten. Aber es war immerhin soweit, dass die Eltern die Familie oftmals mehr schlecht als recht ernähren konnten. Das Erdäpfel-Mittags und –Abendmahl kommt oft genug vor. Als der Vater urplötzlich stirbt – standesgemäß in der Manege – hält die Mutter eisern die Familie so lange zusammen, bis ... nein, als Rezensent darf man nicht alles verraten. Jedenfalls, irgendwann ist die Truppe am Ende, in alle Winde zerstreut – bis eben die Nachricht vom Tod der Mutter bei Dora im fernen Nordrhein-Westfalen einlangt und das soeben beginnende Chaos (siehe oben: pubertierende Kinder, beginnende Entfremdung der Eheleute Dora und Erich, auftauchen des Maximilian des Großen usw) gehörig durcheinanderbringt. Der Satz vom Chaos, das die Regel ist, von welcher die Ordnung die unwahrscheinlichste Ausnahme darstellt (Peter Sloterdijk) findet seine schönste Bestätigung in diesem Roman.

Man mag vielleicht einwenden, das kennen wir ja alles aus ungezählten Entwicklungsromanen der letzten 30 Jahre, das wurde ja, seit es üblich wurde, von Ehekrisen und Kindheitsentwicklungen zu schreiben, immer wieder in allen nur denkbaren Milieus geschildert, auch die Welt der Zirkusmenschen und Artisten, der Clowns und Gaukler ist oft genug verwendet worden, um genau diese Probleme darzustellen und zu schildern. Warum also noch ein Entwicklungsroman?

Warum also nicht, lautet die Gegenfrage. Es könnte ja sein, dass sich jemand interessiert, wie das bei den Feuerschluckern nun wirklich funktioniert, was ein Untermann an Aufgaben hat, welche Rolle die Frisur spielt und vor allem, wie die Psychologie im Aufbau einer Nummer angewendet wird. Dass und viele Kleinigkeiten, die uns und ganz besonders den Kindern den Mund offen bleiben lässt, das können wir auf den knapp 220 Seiten der „Gaukler“ von Christine Teichmann erfahren.

Und, lass uns nicht wieder acht Jahre warten, liebe Christine!

 

Hans Bäck

Kapfenberg

PEN Trieste


 

Milan Ráček

„Die Wiedergänger – oder Lenins zweite Revolution“

Roman aus dem Jenseits

Edition Roesner

ISBN 978-3-903059-12-2

 

Einst sagte Marcel Reich-Ranicki nach der Lesung von Herman Burger in Klagenfurt (1985) „Ja, hätten wir einmal was“ und dieser Satz fiel mir ein, nachdem ich das Buch, eigentlich das sehr schmale Buch (was sind schon 157 Seiten für einen Roman aus dem Jenseits!) von Milan Ráček gelesen hatte. Das kleine Paket vom PODIUM, das mir Hannes Vyoral zugesandt hatte – im heißen August des Jahres 2017 – geöffnet und hineingeblättert und dann umgehend zu Lesen begonnen. Gut, 157 Seiten sind an sich bald gelesen, aber...

dann habe ich bedauert, dass nicht mehr Seiten sind, dass „es“ so rasch endet, aus ist usw. Was gibt es Besseres über ein Buch zu sagen, nach einem Lesesommer, der durchaus mit interessanter Lektüre beschickt war und zum Ausklang dann diesen Roman aus dem Jenseits bescherte.

Da muss ein Präparator mit 70 doch einmal in Pension gehen, fürchtet die Leere danach und beschließt eine sehr sorgfältig geplante Methode seines Abschieds von dieser Welt. Und, siehe da, er wird „drüben“ (oder „oben“ oder „dazwischen“) bereits sehnsüchtig erwartet, geht es darum einer Reihe von Mumien, den später so definierten „Erhaltenen“ fehlende oder abhanden gekommene Körperteile fachgerecht zu ersetzen. Warum das im Jenseits notwendig sein sollte? Nein, das verrate ich nicht, es ist unstatthaft alle Ereignisse eines spannenden Buches in der Rezension vorweg zu nehmen, der Leser soll ja auch den Genuss des Entdeckens haben. Jedenfalls der Präparator findet eine Unmenge an Arbeit vor, hat alle Hände voll zu tun, um einfache mumifizierte Mönche aus Palermo, Soldaten des Ersten Weltkrieges, aber auch Prominente, von denen man als Leser (und auch der Protagonist) nicht erwarten würde, sie in dieser Zwischenstufe der Seligkeit, vor der Entscheidung nach „Oben“ oder nach „Unten“ anzufinden. Wer hätte gedacht, dass derjenige, der Millionen von Opfern, den Mord an der Zarenfamilie, die Teilung der Welt usw. zu verantworten habe, „noch“ in der Zwischenstufe anzufinden sei. Auch der Präparator hätte ihn zumindest in den Regionen des „Unten“ vermutet, doch wird er von der „Obrigkeit“ des Besseren belehrt und er beginnt sein Restaurierungswerk auch an Lenin, trotz der ursprünglichen Ablehnung der Person und der Lehre. Die Gespräche zwischen den Beiden sind indes ein Meisterwerk des dialektischen Materialismus, den hatte der Autor ja während seiner Universitätszeit in der damaligen CSSR ja studieren müssen, es macht Vergnügen zwanzig Jahre nach dem Ende des Real Existierenden Sozialismus das noch einmal in so geschliffener Form nachzulesen. Doch es ist ja nicht nur Lenin, der den Künsten des Präparators anvertraut wird, es folgen eine Reihe bekannter (Vlad III genannt Dracula, Eva Peron um zwei Extreme zu nennen) und unbekannter Mumien. Dabei ist höchst interessant zu erfahren, was denen bei der Mumifizierung angetan wurde, welche Körperteile beschädigt wurden, und ganz spannend, welche Methoden derzeit angewendet werden, wie auch hier die Entwicklung fortgeschritten ist, was heute möglich ist, um Körper für eine „Ewigkeit“ die ja so ewig nicht sein wird, zu erhalten.

 

Genug der Hinweise und Vorwegnahmen, es gibt nur einen Ratschlag: Du lieber Leser, kauf das Buch, die € 24,90 sind gut angelegt, und vor allem, Du wirst das Buch immer wieder zur Hand nehmen (und nicht nur dann, wenn Du wissen willst, wie es in der Ewigkeit zugeht).

Milan Ráček, hat hier eine Kostbarkeit, eigentlich von einem Autor seines Ranges zu erwarten, vorgelegt. Schön, dass es das gibt!

 

 

Hans Bäck

Kapfenberg

PODIUM Mitglied,

PEN Trieste

 


 

Isuf Sherifi

„Die weiße Filzkappe“

Gedichte, Waldgut Verlag, CH-8500 Frauenfeld

ISBN 978-3-03740-118-7

€ 20,- CHF 24,-

 

Es traf sich ausgezeichnet, dass ich vor wenigen Tagen von einer umfassenden Erkundigungsreise in die Länder des Westbalkans zurückkehrte und vom Waldgut Verlag ein weiterer Gedichtband vorliegt. Diesmal von einem Poeten, der in Tetovo in Mazedonien geboren und zur albanischen Minderheit gehörig, uns Gedichte vorstellt. Mein Interesse war dementsprechend groß und ich begann, wie bei Gedichtbänden üblich, einmal zu blättern. Irgendwo in der Mitte anfangend, fand ich das Gedicht „Labyrinth“:

Unter der Haut des Menschen

Als warte da ein traumhaftes Meer von Tönen –

Ernährt sich der Tag mit der endlosen Weite des Herzens

Ohne aufhören zu können.

 

Und damit hatte mich der Dichter bereits gefangen genommen: ich konnte nicht mehr aufhören! Blätterte nach vor, zurück, blieb hängen, las nochmals, zum dritten mal, gab den Band eine Lyrikfreundin weiter  „was sagst du dazu?“ Wir waren einig, ein Traum an Gedichten, an Lyrik. Ja, es stimmt, was vor 180 Jahren geschrieben wurde: Poesie ist die Aufhebung der Beschränkungen des Lebens (Franz Grillparzer).

Damit ist dem Verlag Waldgut wieder ein Werk von durchaus europäischer Bedeutung gelungen: Die gewohnt sehr gute Machart des Buches (inklusive Druck und Bindung), das genaue Lektorat, die ausgezeichnete Übersetzung.

Es ist schwer aus der Fülle, nein es ist keine Fülle, es sind 54 Gedichte, keines zu viel, keines zu wenig. Eine hervorragende Auswahl, wobei ich mir denken kann, dass der Dichter einen großen Fundus zur Verfügung hätte – wäre das eine Hoffnung für später?

 

Isuf Sherifi, geboren 1967 im damals noch intakten Jugoslawien (Tetovo, Republik Mazedonien), begann in Priština zu studierenund im Zuge der Nationalitätenwirren, er schrieb albanisch und setzte sich für die Rechte der Albaner im Kosovo ein, kam er mit der serbischen Mehrheit in Konflikt wurde verhaftet. Es gelang ihm die Flucht und seither lebt er in der Schweiz, organisiert schweizer-albanische Dichtertreffen und eine Lyrikreihe, die jeweils einem Schweizer Autor gewidmet ist.

 

Das Buch mit den Gedichten Sharifis ist eine echte Kostbarkeit, es sind keine „lieblichen“ Gedichte, es sind Auseinandersetzungen mit den großen Fragen der Immigration (10 Variationen über Heimat), des Lebens mit einer Vergangenheit, wie im Gedicht „Emotion“ oder der Suche nach Orientierungen „Gerücht“.

 

Schön, dass es solche Gedichtbände noch gibt!

 

Hans Bäck

PEN – Trieste

Im Dezember 2016

 


 

Peter Miniböck

„Das Bukranion“ eine Niederschrift

edition libica ISBN978-3-903137-04-2

 

Ich gebe zu, ich musste nachschlagen. Nun ja, ich habe gefunden, und außerdem ist es auch auf Seite 3 erläutert. Gut, soll ich nun den Leser neugierig machen und ihn selber suchen lassen, was es mit dem Titel auf sich hat?

Ja, lieber Leser, suche und finde selbst heraus, was damit gemeint ist und vor allem: finde selbst heraus, wohin uns der Autor da führen will. Er legt Spuren aus, denen man nachgehen kann, um dann vielleicht hinzufinden. Da wird im Vorwort Cioran zitiert, mit einem Satz der so allgemeingültig ist, dass es fast schon abgedroschen ist, davon überhaupt zu reden/schreiben. Nur, das ändert nichts an seiner Gültigkeit: „ein Buch ist nur schöpferisch und von Dauer, wenn es mehrere unterschiedliche Deutungen zulässt. Die Werke, die man eindeutig definieren kann, sind dem Wesen nach vergänglich. Ein Werk lebt dank der Missverständnisse, die es hervorruft“ (Cioran, Cashiers S 53).

Ich persönlich zitiere in solchen Fragen gerne Paul Klee, weitaus kürzer aber um nichts exakter: „Kunst soll nicht Sichtbares darstellen, sondern sichtbar machen“

Soweit ein Versuch, sich dem „Bukranion“ anzunähern. Doch bevor ich mich in die Lektüre stürzen konnte, nein, mit der Lesearbeit beginnen konnte, stolperte ich, ein „vermeintliches“ Ärgernis. Im sehr schön gemachten Buch (gute Handwerksarbeit der Druckerei und Buchbinderei!) dachte ich gleich am Anfang einen ärgerlicher Fehler zu finden: Da wird ein Satz aus einem Essay von Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahre 1987 zitiert, da war der Herr schon lange tot und zwei Zeilen später wird auf einem Vortrag des Dichters im Jahre 1896 verwiesen. Das dürfte nicht passieren. Ich weiß schon, man achtet beim Korrekturlesen auf alles Mögliche, Rechtschreibung, Satzzeichen, Satzbildung und was weiß ich noch alles, da gehen Jahreszahlen gerne einmal daneben – trotzdem ärgerlich. So dachte ich verärgert: aber siehe da: der Autor und der Verlag haben mich korrigiert: Der Essayband ist im Jahre 1987 erschienen – also ich entschuldige mich für das in diesem Fall zu flüchtige Lesen!

Nun aber zum Buch. Peter Miniböck legt uns Spuren an. Weh dem, der diesen Spuren leichtgläubig folgt. Bald führt ihn die GROSSE STRASSE DER STADT hinaus, dann wieder hinein oder du gleitest mit der Montgolfiere langsam diese entlang, nicht ohne den Hinweis anzubringen, dass du auf solche Art niemals in den Katakomben ankommen wirst. Wer zeigt Möglichkeiten auf, den eigenen Standort zu bestimmen, um in DIE FERNE zu schauen, und so DIE WEITE WELT zu sich heran zu holen... den EIGENEN STANDPUNKT akkurat zu bestimmen? ... Gleichzeitig bietet der Autor Alternativen an, denn „von der Existenz des BUKRANIONS nichts ahnen, weil ...(Seite 5) weil Gedichte über den Mond (was eigentlich? Schon geschrieben sind?)

Die Niederschrift, so die Klassifizierung des Werkes durch den Autor, gliedert sich in jeweils XXII Protokollauszüge („Aus den Protokollen“) und Anmerkungen die sich „Aus den Aufzeichnungen“ ergeben. Diese sind teilweise äußerst prägnant, teilweise sehr ausschweifend – eben, wie es der Inhalt der Protokolle oder der gefundenen Aufzeichnungen verlangt. Wobei diese nach der Angabe auf Seite 76 nur einen Teil darstellen, da insgesamt vierzig Aufzeichnungen gefunden wurden. Diese Zahl wird dem Leser nicht so ohne weiteres hingeworfen, der Autor macht sich die Mühe, diese Symbolzahl auch zu erläutern. Man dankt dafür.

Im Schlussteil des Buches (Seite 78) legt der Autor eine neuerliche Spur, die dazu verführt, nochmals von Vorne zu beginnen: „Wir haben nicht, was uns gehört, nur Worte, wenigstens die. ...“

„Worte, eben, sonst nichts.“

 

Peter Miniböck ein produktiver Autor, der regelmäßig mit Neuerscheinungen auf sich aufmerksam macht. Wenn er, in Eigendefinition, u. a. auch als „kultureller Nahversorger“ tätig ist und so daran arbeitet das „Unwahrscheinliche, als das Wahrscheinliche“ sichtbar zu machen, darzustellen, nahezubringen, dann ist diese Buch, diese Niederschrift ein zwar eigenwilliger, aber wichtiger Beitrag dazu.

 

Hans Bäck, Kapfenberg

 


 

Peter Weibel

„Nachricht an das Leben“

Gedichte, Waldgut Verlag, CH8500 Frauenfeld

ISBN 978-3-03740-256-6, € 28,- CHF 30,-

 

Günter Eichberger schrieb vor Kurzem in einem Aufsatz „Vom Untergang der Literatur und dem Triumph der Poesie“ (Die Presse, 17. Dezember 2016). Das fällt dem Rezensenten ein, wenn er den neuen Gedichtband von Peter Weibel liest. Es ist schon so, dass Literatur ständig vom Untergang bedroht scheint – eine Bedrohung, die sie mit dem sprichwörtlichen Abendland teilen muss – seit Jahrzehnten wird das heraufbeschworen und es findet (noch) nicht statt. Was sehr wohl stattfindet, sind jene Ereignisse, welche Peter Weibel (und andere) dazu bringen, sich hinzusetzen und daraus Poesie zu machen. Und was für eine! Peter Weibel stellt seit Jahrzehnten, als er beim Klagenfurter Bachmannpreis-Wettlesen seinen Auftritt hatte, seine Wortgewalt unter Beweis. Fragt man sich, kann „engagierte“ Literatur poetisch, ja lyrisch, sein? Kann, soll Poesie zu Fukushima, Lampedusa, Köln, Sprengstoffattentaten, Flucht und Vertreibung Stellung beziehen? Wenn es so gekonnt ist, wie von Peter Weibel, dann JA! Die Poesie Weibels ist auch in diesen Situationen in der Lage, Farben in die graue Traurigkeit zu bringen, sie fordert auch auf, einzugreifen, nachzudenken, gegen zu steuern. Diese Leitgedanken, dieses Motto steht als Programm, als Einleitung in der Umschlagklappe:

 

Ohne diese Worte?

 

Und gebe es

diese Worte nicht

in denen die Hoffnung wohnt

und alles Dunkel zurücktreibt:

Wer würde uns sonst

auf dem Rücken tragen,

wer führte uns

durch die Meerengen, die Wälder,

an den Wölfen vorbei,

wer malte

die Farben der Träume,

wer

riefe?

 

Der Verlag Waldgut und der Autor haben da den Lesern wieder ein prachtvolles und wichtiges Buch gegeben. Vom Verlag ist es der Rezensent schon gewohnt, dass die Bücher mit Sorgfalt und großem handwerklichem Können „gemacht“ werden, es ist dies neuerlich ein Beweis dafür, wie ein Verlag die Arbeit der Autoren ernst nimmt und dem Werk jene Wertschätzung widmet, die ihm zu kommt. Zusammen mit den Texten des Autors, den man nun ja schon seit vielen Jahren verfolgen kann, ist hier ein Werk vorgelegt, dass einen besonderen Platz in der Bibliothek bekommen wird.

Es ist verwunderlich, nein, erstaunlich, dass Peter Weibel zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Arzt, mit schöner (und mit Freude erwarteter) Regelmäßigkeit, neue Bücher heraus bringt. Man freut sich nach der Lektüre der „Nachrichten an das Leben“ bereits auf das nächste Buch! In diesem Sinne, verehrter Peter Weibel: Auf viele Jahre!

 

Hans Bäck

Europa-Literaturkreis Kapfenberg

PEN – Trieste

Im Dezember 2016

 


 

Dina Sikirić

„Was den Fluss bewegt“

Erzählung, Waldgut – zoom CH 8500 Frauenfeld

ISBN 978-3-05740-115-6, CHF 24,- € 22,-

 

Ein etwa fünfjähriges Kind mitsamt Mutter aus dem heimatlichen Kroatien „herausgerissen“ und auf Fahrt in ein neues, fremdes Ankunftsland. In einem Nebensatz erfährt man, dass die Mutter anscheinend vor einer Liebe flieht und im Ankunftsland ein neues Leben beginnt. Die Mutter muss arbeiten, das Mädchen muss „aufbewahrt“ werden. In der Eile und unter dem Druck der Verhältnisse landet die Kleine bei Klosterschwestern in einem Heim. Erfährt dort das neue Land, die neue Sprache, auch die neue Religion – die Familie ist muslimischer Religion – mit allen Problemen, die so ein radikaler Wechsel von Zagreb nach Basel für Mutter und Kind mit sich bringt.

Nun ist hier ein Einschub notwendig:

Wir kennen seit dutzenden von Jahren die Erzählungen, Romane, Beschreibungen vom Leben in Klosterschulen, jede Autorin, jeder Autor der Jahrgänge 1945 bis 1960 hatte irgendwo die Erlebnisse der Klosterschule, musste diese dann literarisch verarbeiten und breit treten. Eigenartig, dass trotz aller dieser Klagen, oft sogar Beschimpfungen der Klosterschulen, des Lebens in solchen „Aufbewahrungsheimen“ der Drang zu derartigen Institutionen ungebrochen ist. Gerade jene, die eigentlich ganz anders sozialisiert wurden, trachten heute mit Vehemenz, ihre eigenen Kinder in den kirchlichen Privatschulen unterzubringen, nehmen die oft enormen Kosten gerne in Kauf, nur um dem Kind, na ja was denn eigentlich? Da werden solche Berichte dann doch hinterfragenswert.

Doch verlassen wir den Einschub, kehren wir zur Erzählung von Dina Sikirić zurück. Es fehlt dem Kind jede Form von Liebe und Zuwendung im klösterlichen Heim, die (üblichen) Wasch- und Baderituale werden auch in dieser Erzählung ausführlich geschildert, ja wir kennen die Leibfeindlichkeit der katholischen Ordensschwestern nun schon zur Genüge, eine neuerliche Aufzählung macht diese Geschichte nicht spannender. Penibel schildert die Autorin den langen, ganz in Weiß gehaltenen Schlafsaal, den Verschlag hinter dem die Aufsichtsschwester schläft oder vielmehr wacht. Die Stimmung ist bedrückend und es ist verständlich, dass in den zweiten großen Ferien, die das Kind im neuen, im Ankunftsland erlebt, endlich die Reise in das Herkunftsland mit großer Begeisterung erfolgt. Die Freude aller, auch des geschiedenen Vaters, das Erleben eines Sommers mit Sonne, Meer, Zärtlichkeiten, Umarmungen, Küssen lässt die schwarzen Vögel im Heim vergessen. Nach dem Ende der Ferien, die Rückkehr in das Ankunftsland, und diesmal nicht mehr in das klösterliche Heim, sondern in eine öffentliche Tagesheimstätte. Alles wird anders, farbenfroh, schöner, lebendiger, doch die Frage des Kindes, was denn nun den Fluss wirklich bewegt, bleibt ohne gültige Antwort.

Die Autorin verwendet eine sehr schöne, gepflegte Sprache für die Schilderungen aus der Sicht des Kindes, sie erinnert sich sehr genau an ihre Erlebnisse, reflektiert diese und versucht sie ohne Verurteilungen darzulegen. Natürlich, es bleibt nicht aus und wird auch vom Rezensenten nicht weiter beanstandet, dass die heimatliche Situation oder, um in der Sprache der Autorin zu bleiben, die unvergleichlich schöneren Gegebenheiten im Herkunftsland in den glühendsten Farben gemalt werden. Es ist köstlich und entbehrt auch nicht einer gewissen Komik, wenn das kleine Mädchen den Besuch in der heimatlichen Moschee mit dem Kirchgang der Klosterschwestern vergleicht. Da, das Knien auf den harten Kirchenbänken mit gefalteten Händen und unverständliche Formeln der fremden Sprache mitmurmeln, dort, das „Verschwinden zwischen den Hügeln, die ihre Hintern bildeten, wenn sie sich gemeinsam nach vorn beugten“ (S 20) und dabei „die Düfte all der Körper und Stoffe, die mich umgaben, einsog“ Nun ja, lassen wir die kindliche Erinnerung der Autorin gelten, wer einmal erlebte, wie die eng aneinander gereihten Menschenmassen nach Schweiß und anderem gerochen haben, wird von den Düften nicht mehr schwärmen. Doch, wie gesagt, lassen wir dem Kind die Freude. Wie wird es werden, mit den unterschiedlichen Kulturen des Herkunfts- und den Ankunftslandes? Das Kind hin und her gerissen, denn niemand kann ihm sagen „was den Fluss bewegt“ Fremdsein, Anderssein, gerade heute wieder von hoher Aktualität, kann und muss nicht nur bedrohlich und schmerzhaft sein. Es kann auch zu neuen Perspektiven führen, Türen aufstoßen zu neuen und anderen Welten.

Die Autorin, 1955 in Zagreb geboren, in Basel aufgewachsen, an der Schauspielakademie in Zürich studiert, eine Kosmopolitin im umfassendsten Sinne (Sprachen: persisch, spanisch, portugiesisch, italienisch, ...) lebt seit 2007 wieder in Basel, in ihrem damaligen Ankunftsland.

Der Waldgut Verlag hat auch diesen Band wieder mit der dem Verlag eigenen Sorgfalt ausgestattet bzw. hergestellt. Der Rezensent hatte nun schon mehrere Bücher des Verlages bekommen und ist immer noch (oder immer wieder) von der handwerklich gediegenen Ausstattung, und Gestaltung begeistert. Es ist immer schön, solche Bücher in der Hand zu haben!

 

Hans Bäck

Europa-Literaturkreis Kapfenberg

PEN – Trieste

Im Dezember 2016

 


 

Ivo Ledergerber

Von der Liebe

Waldgut Verlag CH 8500 Frauenfeld

ISBN 978-3-03740-112-5

 

Ich mag Gedichte.

Ich mag Gedichte, wenn sie in schön gearbeiteten Büchern aufscheinen.

Ich mag Gedichte, wenn sie von der Liebe sprechen.

Ich mag Gedichte, wenn sie den Vollmond beschwören.

Ich mag Gedichte, wenn sie in einem schmalen Band wie dem vorliegenden verlegt werden.

Dann kann es schon einmal sein, dass ich mir denke, da gibt es irgendwo in der Schweiz einen Verlag, der Gedichte im Handpressendruck und Fadenheftung herausgibt, der sich mit Sorgfalt der Umschlaggestaltung widmet, dann könnte es schon einmal sein, dass ich bei einem oder anderem Gedicht ein Auge zudrücke.

Aber wenn ich den Gedichtband von Ivo Ledergerber aus dem Waldgut Verlag in der Hand habe, dann ist meine Zufriedenheit vollkommen. Da stören keine Satzfehler, da stören keine blöden, unnötigen Grafiken am Umschlag, da ist einerseits das vollendete, gut gemachte Gedicht, und anderseits eine handwerkliche Gestaltung, die man heute suchen muss. Glücklich ein Dichter, der für seine Gedichte einen Verlag findet, der mit solcher Sorgfalt und Respekt vor dem Text an die Arbeit geht.

Da ist nun die Einführung schon länger geworden, als die gesamte Rezension?

Nein, liebe Leser! Es ist noch nicht zu Ende. Da warten Köstlichkeiten und auch die eine oder andere Kostbarkeit auf euch! Wenn beispielsweise genau im ersten Gedicht der Torso als die Leere die großen Gesten der Peinlichkeit entlarvt. Oder wenn in den folgenden, vielen Liebesgedichte jede Peinlichkeit ausgeklammert ist. Oder, Ist es nicht peinlich, wenn sich ältere Menschen ihre Liebe gestehen? Ist es nicht peinlich, wenn das Clementinengefühl am Gaumen Gewöhnliches hinterlässt, weil es keine Mandarine war?

Ist es nicht peinlich, wenn dir gesagt wird, dass du bald alt, aber immer noch schön bist, besonders, wenn du entspannt liegst? Nein, das ist nicht peinlich, das ist schön!

Kann man von den wollenen Strümpfen schreiben und den scheußlichen Röcken, den weißen Socken, Lachsdessous, wenn man schon älter ist, als es unsere Eltern waren?

Man kann alles, wie sagte schon Erich Fried: Es ist, was es ist, sagte die Liebe!

 

„Anzurufen

hat keinen Sinn,

sie ist nicht dort.

Wo soll nun hin,

dass ich sie liebe,

sie hat keinen Anrufbeantworter,

aber jetzt, genau jetzt,

möchte ich ihr sagen

ich mag dich sehr,

ich muss es ihr sagen,

genau jetzt!“

 

Ich könnte noch Vieles zitieren, doch soll das Büchlein ja gelesen, gekauft werden. Ich werde daher keine weiteren Beispiele mehr geben, ich möchte aufmerksam machen, lieber Leser, da gibt es etwas, das es so eigentlich gar nicht mehr geben sollte. Natürlich, es gibt moderne Lyrik, auch moderne Liebeslyrik, sogar „modernere“,aber verzeihen Sie, es ist schön, so gute und im besten Sinne „altmodische“ Gedichte voll Farben, Ausdruck und Können zu lesen.

Ivo Ledergerber, Schweizer, Autor vieler Bücher, studierte Theologie, Deutsche Literatur und Erziehungswissenschaften und arbeitete auch als Mittelschullehrer. Ein vielsprachiger Autor mit Kontakten zu Dichtern in Mazedonien, dem Kosovo, Albanien, Italien, den Maghreb, Spanien, Frankreich und Polen vielleicht auch bald zu Österreich, wenn dieser Gedichtband auch hierzulande seine begeisterten Leser finden wird.

 

Hans Bäck, Europa Literaturkreis Kapfenberg

 


 

Klemens Renoldner

Der Weisheit letzter Schuss

Sonderzahlverlag ISBN 978-3-85449-454-6

 

Klemens Renoldner legt nach Romanen, Erzählungen und vor allem Arbeiten u. a. zu Stefan Zweig wieder einen köstlichen Band mit Erzählungen vor. Doch stockt der Rezensent, sind Kurzabrisse von knapp 2 Seiten Erzählungen? Nach der klassischen Definition sicher nicht. Was dann? Nun, über Klassifizierungen, Einreihungen, Ordnungskasteln mögen sich andere den Kopf zerbrechen. Halten wir uns an das, was da ist. Von wankelmütigen Weltbürgern, fadenscheinigen Biotopen und gutartigen Bühnenschönheiten steht im Untertitel. Auch werden im ersten Teil des Bandes 23 Romane angekündigt, die kein Ende finden. Das sind, ich bleibe bei Miniaturen, wer andere Bezeichnungen mag, soll sie sich suchen. Der Autor führt uns aufgrund seiner langjährigen Tätigkeiten rund um die Welt in diese hinaus, lässt uns skurille Typen erleben. Ob es die letzte Weihnachtsfeier des totkranken Joseph Roth 1938 in Paris ist, ein Verkauf eines renommierten Champagnergutes an einen internationalen Konzern oder die Uraufführung von 14 Orchestersuiten nach den Gärgeräuschen in den Flaschen des heranreifenden Champagners war – Renoldner legt seine Finger an die Stelle, auf die es ankommt, legt sein Ohr an jene Wand, hinter der genau das zu hören ist, was unwichtig aber hörenswert ist. Er scheut auch nicht den Aufstieg auf den oberösterreichischen Traunstein, um so nebenbei mitzuteilen, dass dort oben in der Gmundnerhütte die Portion Schinkenfleckerl € 4,50 kostet. Kleinigkeiten eben, sorgfältig aneinander gereiht, poliert und aufbereitet, sodass der Leser, jedesmal nach den zwei Seiten denkt, warum endet das jetzt? Allerdings, ein wenig Kritik sei auch gestattet. Wenn wir weiter lesen, zum zweiten Teil „aus fremden Städten und Ländern“ kommen, wird es etwas beliebig. Die Schilderung der Linzer Luft, des Stiftungsfestes im Internat in Kremsmünster, ja das sind Geschichten, die dem Leser unterkommen, untergekommen sind. Dazu braucht es doch noch einer Wiederholung? Anderseits die Wege mit Friedrich Heer, das Wachrufen der Erinnerung an diesen Großen Österreichs, das ist ganz bestimmt notwendig und verdienstvoll. An Friedrich Heer sollte mehr und öfter gedacht werden, als in ein paar schmalen Seiten eines Erzählbandes – vielleicht regt der Autor damit jemand an? Wünschenswert und notwendig wäre es!

Bei der weltweiten Tätigkeit des Autors bleibt es nicht aus, dass er die Leser mit Detailschilderungen aller möglichen (und auch unmöglichen) Stationen überfällt. Ob es die Museen sind (es ist gut zu wissen, in welchen gottvergessenen Nestern es Museen gibt), natürlich die Theater, ob diese in Paris, Bern, Italien, in den Weiten der USA sind, ob es zur Waldheimzeit in London war, Renoldner lässt uns wissen: Er war dort, er war dabei. „Kyselak war hier“ fällt einem unwillkürlich ein. Na klar, die „Diktatur der Anständigkeit“ in der Schweiz und da ganz besonders in Bern, ist für einen Österreicher schon eine gewisse Herausforderung – eigentlich erzählt jeder, der einige Jahre in diesem Land verbrachte, Ähnliches. Das ist Bedienen von Klischees, jedoch und das gesteht der Rezensent gerne zu, gut gemacht und amüsant geschrieben. Die Berliner Szenen gefallen sehr, auch weil sie die Abrissmanie gezielt aufs Korn nehmen und dem sinnlosen Wiederaufbau verschiedener historischer „Notwendigkeiten“ gegenüberstellen. Allerdings, damit komme ich zum Schluss, die Ausflüge in die Salzburger Provinz, ob Anthering oder im unmittelbaren Festspielbezirk, wären m. E. verzichtbar. Ebenso die Anekdoten aus dem Theaterleben, zu sehr erinnern einige an den drittklassigen Schauspieler, der in der kommenden Saison bei der Neuinszenierung von „Schneewittchen“ den vierten Zwerg hintergründig anlegen wird. Aber zu Füllung des Bandes und als heitere Zwischendurchlektüre sind auch diese Texte weit besser als vieles, was uns da unter diesem Sujet oft angeboten wird.

 

Hans Bäck

Europa Literaturkreis Kapfenberg 

 


 

Warten auf Beckett

Sprachminiaturen von Rudolf Kraus

(Verlagshaus Hernals, ISBN978-3-902975-37-9)

 

Gut, dass im Anhang Hinweise sind, wer die Personen waren/sind, welche in den Miniaturen vorkommen. So ist es auch Maturanten der österreichischen Schulen möglich zu erfahren, wer beispielsweise Wislawa Szymborska, Giordano Bruno oder Johannes Urzidil waren. Der Rezensent hatte im Jahre 2015 erlebt, dass sechs Maturanten aus fünf Klassen einer Handelsakademie mit dem Namen Rainer Maria Rilke nichts anzufangen wussten. So ist es begrüßenswert, dass auf diese Art Nachhilfeunterricht erteilt wird. Wobei zu befürchten steht, dass jene, welche die Nachhilfe brauchen würden, diese Sprachminiaturen gar nicht in die Hand bekommen. Als nächste Befürchtung äußert der Rezensent, dass die Damen und Herren mit einem Text wie „wenn die fackel brennt/blenden die wahren heuchler/mit sanfter zunge“ gewidmet Karl Kraus auch nicht viel anfangen könnten. Na ja. Lassen wir das, das Jammern über das Niveau der österreichischen Schulbildung ist nicht Gegenstand einer Rezension eines Werkes von Rudolf Kraus.

Fünfunddreißig „Sprachminiaturen“ legt Kraus nun vor. Für Geister, Widmungen, Dedikationen, zu gedichtet und Freundschaft überdauert die Zeit (amicitia vincit horas) ist einmal eine „grobe“ Einteilung – darf man bei diesen Texten überhaupt von „grob“ schreiben oder auch nur daran denken? Aber ja, Kraus spricht aus, was es ist – beispielsweise in der Widmung an Giordano Bruno: „Unhörbar schrie er/zum himmel/aufblickend/als man ihn verbrannte. Diese Sprachminiaturen sind geschliffen, aber nicht glatt, abweisend. Geschliffen im Sinne von bearbeitet, und gerichtet. Zielgerichtet, wie es eigentlich in der Lyrik kaum mehr vorkommt. Es ist nichts im Nebel der Wörter verborgen, aber es sind wunderbare und kraftvolle Bilder welche der Dichter uns anbietet: „der schlaf hat innere augen/und mit welchem auge du dann siehst/entscheidest nicht du/etwas kommt unerwartet/unermesslich einzigartig/gespenstisch/wie ein nie erlebter/nie dagewesener/kuss (der Beginn einer „Zudichtung“ an Henry Miller).

Da haben wir schon etwas in der Hand, das einmal über die Lektüre eines Sommerabends hinaus geht.  Ein Bändchen, das man gerne liegen lassen kann, es nicht sofort in den Bücherschrank einordnen muss und immer einmal zur Hand nimmt. So an einem ruhigen Abend, mit einem Glas Wein oder im Gedanken an Vergangene, Vergangenes wie den Klub der 27.

Rudolf Kraus, kraushaarrudi auch genannt, ein höchst produktiver Autor aus Niederösterreich in Wien und Bad Fischau lebend, erfreut und überrascht immer wieder mit Miniaturen, wie er bereits einmal in einem Band angekündigt hatte: „Ein Ende ist nicht abzusehen“ Fein, lieber Kollege! Wir warten drauf!

 

Hans Bäck, Kapfenberg

 


 

Yves Rechsteiner

Und dann fängt die Vergangenheit an

Erzählungen

Verlag Waldgut zoom

ISBN 978-3-03740-111-8

 

Natürlich, früher schrieben wir von unseren Urlaubseroberungen in Bella Italia oder im längst vergangenen Jugoslawien. Heute sind die Eroberungen und damit auch die Verluste (oder das Verlassen werden) weltweit gestreut. Man aber auch Frau nimmt ihren Rucksack und macht die Türe hinter sich zu und das war es dann auch – meistens wenigstens. Man/frau bummelt einige Wochen, wenn es hoch hergeht einige Monate durch die Welt, billigst, schaut voll Abscheu auf jene Touristen, welche die internationalen Hotels, Strände, Sehenswürdigkeiten frequentieren, erlebt dafür das bereiste Land hautnah, bis hin zum lästigen Guide, der dich unbedingt durch Tanger führen will und dir alles Mögliche an Erlebnissen zusichert. Gut, das passiert dem 08-15 Touristen auch, was ist nun so anders an den Erzählungen Rechsteiners? Zwölf sind es, sie bewegen sich von der heimatlichen Schweiz über den gesamten Erdball um wieder zurück zu kommen.

Und doch, es sind keine Reiseberichte, es sind keine Erinnerungen an exotische Liebschaften (das vielleicht auch), es sind grauenhafte Erlebnisse anderer oder solcher, an denen man/frau selbst beteiligt war. Die Frau aus der Jugend, die verschleppt, gedemütigt, vergewaltigt wurde, der Freund, der sich nach Jahren mit den Klassenkameraden trifft, „auf ein, zwei Biere“ und dann nachsieht, wie die Kumpel verschwinden. Die Überlegung ob es ein nächstes Mal geben soll, erübrigt sich. Wie sich so vieles erübrigt in diesen 12 Erzählungen. Wie so vieles offen bleibt, wie so vielem auch gar nicht nachgefragt wird. Tränen bleiben, Erinnerungen, vielleicht einmal eine Verbitterung, ein schlechtes Gewissen für ein paar Augenblicke. Türen werden hinter sich zugeknallt. Zigaretten in Unmengen geraucht, Rum mit Cola gesoffen, enge Tops über braun gebrannte Oberkörper hochgeschoben. Eigentlich alles sehr klischeehaft möchte man nun meinen. Wenn da nicht etwas wäre.

Ja, wir haben solche Erzählungen schon gelesen, haben von Nelke, von Joaquin gewusst. – Doch dazwischen in den kleinen Räumen zwischen den Zeilen, zwischen den Sätzen, ja sogar zwischen den Buchstaben verbirgt sich der Autor, verbirgt sich die Welt, die er in Übermaß gesehen und erlebt hat. Er muss nicht anhand von GoogleEarth die Straßenpläne exotischer Städte schildern, das hat Yves nicht nötig, er nimmt uns an der Hand, lädt uns seinen Rucksack auf (mit Schweizer Pass reist es sich tatsächlich leichter!!) und dann haben wir plötzlich den Duft von Orangen in der Nase, wenn wir über einen heimischen Markt gehen, wenn du fällst, dann fällst du schon richtig, so auf die Fresse, wie es sich gehört, keine halben Sachen und so. Es ist die Vergangenheit, es sind die Vergangenheiten, die immer schon da waren, die uns nicht loslassen, und wenn du selber noch nie in Saigon mit einem französischen Mädchen unterwegs warst, so ist es doch, dass es dich erinnert, wie es damals ... Maxine muss sie nicht geheißen haben, auch nicht Anne,  oder Joan. Erinnere dich einfach, wie es damals war, als du mit ... in ...

Dann beginnen auch deine Vergangenheiten und sie sagen dir, flüstern dir ins Ohr (ich komme wieder, ganz bestimmt) und du weißt, auch das war eine Täuschung, sie/er kam nicht wieder. Dabei ist es egal, ob er/sie in Tanger, in Bibione, Trieste oder Crkvenica wartet(e). Es sind teilweise bedrückende Erinnerungen, Vergangenheiten, die der Autor da ins Gedächtnis zurück ruft, aber so ist/war das Leben und Yves schildert ein pralles Leben, nicht nur und ausschließlich an exotischen Schauplätzen, auch die heimische Bierkneipe hat ihren Platz.

Nun ziehe ich einige Vergleiche zu einem Band mit Erzählungen eines anderen Schweizer Autors vor einigen Wochen. Ist es eine Schweizer Gemeinsamkeit, die Suche nach der Stärke im Partner, in der Partnerin? Oh ja es gibt nicht nur sprachliche Parallelen zwischen Yves Rechsteiner und Martin Stankowski, es ist so eine Schweizer Eigenheit zu lesen oder bin nur ich als Rezensent darauf fixiert. Eine Eigenheit, abseits vom Käse, den Schweizer lt. Yves schon zum Frühstück essen, den glücklichen Kühen bei Martin, den Schokoriegeln beider, die das gewisse Etwas der Schweizer Literatur ausmacht. Und das zu erleben, zu erlesen ist spannend, über die Spannung der vorgelegten Erzählungen hinaus! Ja, ein Leseerlebnis sind die Vergangenheiten, in die uns Yves Rechsteiner einlädt.

Yves, ein Weltenbummler, seit vielen Jahren auch immer wieder mit Beiträgen im Reibeisen des Europa Literaturkreises vertreten, lebt jetzt (einmal) in Basel, wenn er nicht gerade irgendwo weltweit unterwegs ist. Er ist Musiker („zwei Wochen später trat er durch die Tür der Zweizimmerwohnung, in der Hand einen Koffer und eine Gitarrentasche“), Dichter, liebt das unkonventionelle Leben des Bohemiens rund um den Erdball. Yves schreibt Hörspiele, Theaterstücke, Gedichte. Sein Romandebüt gab er 2015 mit „Als läge dort tot der Vater“ (Marta Press).

Ich freue mich auf ein nächstes Buch von Yves oder sollte ihn sein Weltenbummel gar im Oktober zur Literaturbiennale nach Kapfenberg bringen, wäre das ein Hit!

 

Hans Bäck

 


 

Wetterleuchten

Gedichte von Friederike Krassnig

ISBN-978-3-9500299-7-0

 

Es ist ein Abenteuer, 2015/2016 einen Band mit Gedichten herauszubringen. Und es ist noch mehr Abenteuer, wenn diese Gedichte keinesfalls dem „Mainstream“ entsprechen. In einem persönlichen Briefchen erläutert die Autorin auch ein wenig ihre Beweggründe. So ist zu entnehmen, dass dies auch ein persönliches Geschenk zu ihrem eigenen 85. Geburtstag sei. Dazu, liebe Friederike Krassnig, einmal vorab die herzlichsten Glückwünsche und senden Sie uns für das Reibeisen noch recht lange Ihre sehr geschätzten Gedichte, wir freuen uns jedesmal darüber.

Eingeleitet wird der Band von einem Gedicht der Enkelin, die hiemit auch bezeugt, dass die sprichwörtlichen Äpfel nicht weit von den Stämmen fallen – schön, dass hier womöglich eine Tradition weiterlebt. Wir sind gespannt auch von Mira Jana Krassnig weiteres zu lesen!

Natürlich, der flüchtige Leser wird womöglich die Nase rümpfen - ‚das sind doch Gedichte aus einer fernen, vergangenen Zeit!’ Na und? Wenn sie so gut gemacht und gekonnt sind, wie diese Sammlung von Texten der Autorin, die ja aufeine reiche Schaffenszeit zurückblicken kann, liest man gerne ein wunderschönes Gedicht über die Mondraute oder die Kugeldistel, die Trauerhasel. Wenn Friederike Krassnig den Reim verwendet (selten genug), dann kann der Leser sicher sein, „sie kann es“ das ist kein hilfloses Reimgeklingel, sondern da stimmt Rhythmus, Silbenzahl und Metrik. Meist aber schreibt die Autorin in freier Sprache und doch gelingt es ihr dabei, die Poesie z. B. eines Tatoos, eines Piercings einzufangen und wiederzugeben. Die verwendete Strophenform ist keine, um dem Leser eine Poesie  vorzutäuschen, da werden keine Prosasätze aneinander gereiht und durch willkürliche Zeilenschaltungen Gedichte vorgetäuscht. Nein, diese Art von Leserbeschwindelung hat Friederike Krassnig nicht nötig. Ihre Poesie, geschöpft aus einem langen erfüllten Leben als Schriftstellerin, begründet aus einem genauen Hinschauen und Hinhören in die Natur, ist ohne gekünstelte Modernität, sie ist aber trotzdem von einer atemberaubenden Aktualität. Wenn ihr auch das bildliche Wahrnehmen der Natur durch ihre fortschreitende Erblindung immer weniger möglich wird, so kann sie aus einem reichen Bilderfundus schöpfen und dies dem Leser vorlegen. Stellvertretend für viele Texte in dem schmalen Bändchen, möchte ich ein Gedicht hier vollständig wiedergeben, dass meines Erachtens die Sprache und Bildkraft der Autorin beispielhaft wiedergibt:

 

Vogelleicht

 

Federnblitze

Im Wandschatten

Zaubern in

Mauerrisse

Nester

Meiner Gedankenbrut.

 

Sie skizziert

Im Zeitraffer

Noch Leben

In den Nachthimmel

Im Zeichen des Widders

Der traumhaft

Sichtbar wird

Für tagblinde Augen.

 

Mögen die tagblinden Augen der Friederike Krassnig noch lange viel aus dem Inneren schöpfen und uns in so schönen Texten vorlegen. Und möge die Enkelin Mira Jana der Großmutter noch gerne zur Seite stehen und helfen, dass wir von Beiden zu lesen bekommen!

 

Hans Bäck

Kapfenberg

 


 

Martin Stankowski

„Vom Ganzen des Glücks“

united p.c. Verlag, ISBN 978-3-7103-2308-9

 

Vier Novellen als Variationen zum Thema Frau und Mann

Vier Novellen, mit Vornamen von Frauen übertitelt (bis auf eine) und mit musikalischen Ausführungsangaben versehen:

Bianca – Allegro assai

Kordula – Allegro cantabile

Madeleine – Andantino espressivo

Ungenannt – Lento ma non troppo

 

Der Autor weist selbst darauf hin, dass er sich in der Tradition von Erich Kästner, Jeremias Gotthelf oder des weitgehend unbekannten Ulrich Bräker stehen sieht. Das ist bei den ersten Zeilen schon unverkennbar: Ha! da haben wir es mit einem Schweizer zu tun! Damit ergeben sich schon einmal einige Leseprobleme, die der Autor aber durchaus selbstkritisch ebenfalls in der Startnovelle anführt (um nicht davon zu schreiben, dass er sie zugibt). Es ist immer noch etwas leicht Exotisches in der Schriftsprache unserer westlichen Nachbarn und das hat durchaus seinen Reiz. Wobei ich gerne zugebe, es ermüdet auch mit der Zeit. So ist die ständige Vermischung der Wörter „als“ und „wie“ – sagen wir einmal so: anstrengend und schreit unwillkürlich nach einem Korrektor. Wie überhaupt das Buch leider unter dem Manko leidet, dass einige Fehler bei der Korrekturarbeit übersehen wurden (Seite 6 und 263). Ein professionelles Lektorat hätte das nicht durchgehen lassen. Wobei sich die Frage stellt: verfügt der ausführende Verlag über eine derartige Institution oder übernimmt dieser die Manuskripte, so wie sie eingereicht werden. Wir kennen das Problem, das die Autoren mit Kleinverlagen haben. Eine Betreuung, wie sie im klassischen Verlagswesen früher einmal üblich war, wird heute kaum mehr wahrgenommen. Wenn, dann nur in den Großverlagen und selbst bei diesen nur mehr für die Großschriftsteller. Es ist so, als Autor musst du dich heute um das komplette Lektorat kümmern, ebenso alle anderen Verlagsaufgaben bis hin zur Vermarktung übernehmen. Dabei sind gerade die Kleinverlage nicht bereit (oder auch nicht mehr in der Lage), die Honorare für die Autoren entsprechend anzupassen. Es ist nichts bekannt, dass beispielsweise die Provisionen welche die Verlage üblicherweise für die Vertreter kalkulieren, den Autoren zu gerechnet werden, falls diese den Vertrieb selbst in die Hand nehmen.

Doch von den üblichen Beschwerden über den Literaturbetrieb zurück zu den vier Novellen, beginnen wir mit Bianca.

Eine ländliche Idylle irgendwo im Alpenvorland tut sich auf. Der biedere Arnold (Hallo, Schweizer, wir kennen ja den Willhelm Tell „unseres Friedrich Schiller“ da gibt es den Arnold von Melchtal, der sich auflehnt und zum Aufstand bereit ist), bewirtschaftet seinen Hof, so recht und schlecht gemeinsam mit seinen Eltern und dem Appenzellerhund Arnim. Ja, es stimmt, auch der Kuhreigen kommt vor, die Probleme des Hofübernehmers, der vor lauter Tagesarbeit kaum dazu kommt, sich nach „jemand umzuschauen“. Es ist daher unausweichlich, dass gerade Arnold einmal bei einer Exkursion der Landjugend seiner Gemeinde mitmacht und in die Disco verschleppt wird. Und das in der Disco der berühmte Blitz einschlägt verwundert auch nicht, auch wenn Schweizer Blitze mit Verzögerung zünden und es Wochen, ja Monate dauert, bis endlich Arnold sich seiner Angebeteten nähert. Doch zuviel sei nicht verraten, nur soviel: sie stammt aus gänzlich fernem Milieu: Landschaftsarchitektin, Einstieg in das väterliche Architekturbüro fix eingeplant, Amerikaaufenthalt dazwischen, Studienabschluss, alles plangemäß und Arnold siedet inzwischen im Saft seiner Sehnsucht. Biancas Vater fordert vehement die Mitarbeit der Tochter im Unternehmen, keine Chance je auf den Hof Arnolds zu leben. Wenn nicht, ja wenn nicht die Liebe wäre. Mehr sei nicht ausgeplaudert.

 

Da ist die Kordula anscheinend aus anderem Holz geschnitzt. Auch sie, eine Zufallsbekanntschaft, auch sie eine einzige Tochter eines reichen, erfolgreichen Elternpaares, das für Kordula jede Menge Pläne hat. Doch diese geht sehr bald ihre eigenen Wege lernt dabei den ehemaligen Schulfreund näher kennen, doch dabei bleibt es viele Jahre hindurch. Auch wenn der Schulfreund aus ihm selbst unverständlichen Gründen von Kordula-Conny als Trauzeuge zu deren Hochzeit eingeladen wird. Auch hier das Aufeinandertreffen mit dem dominanten Vater, der von dem zufälligen Trauzeugen noch weniger hält als vom frischen Schwiegersohn. Wie gesagt, lange Jahre vergehen bis zum nächsten Kontakt. Und da ist das Zusammentreffen so fürchterlich, das Maurus tatsächlich den Boden unter den Füßen verliert. Kordula-Conny hat sich von der jugendlichen, knusprigen, attraktiven Frau in eine fette Vettel gewandelt. Alles an ihr wabbelt und schwabbelt, man sieht direkt auf den folgenden Seiten die Fettgebirge dahin wogen! Maurus bleibt nur die Erinnerung! Das war „seine Conny“? die damals, die so, die ... Ein Briefwechsel entsteht und nach geraumer Zeit erhält er von Conny eine Einladung zu einem Geburtstagsfest seiner Kordula-Conny in der Villa der Eltern hoch über dem Rhein gelegen – also sehr nobel, sehr teuer, sehr reich und erfolgreich. Und siehe da, Conny-Kordula hat sich in der Zeit des intensiven Briefwechsels neuerlich verändert. Und das sicher zu ihrem Vorteil. Lassen wir aber das Lesevergnügen offen, verrate ich nichts, was Conny für Metamorphose durchmachte. Es kommt, was kommen musste: Das Bett natürlich – nach langer, langer Anlaufzeit, Maurus und Kordula, die Probleme mit dem Vater (natürlich), alles überwindet die Liebe – wenn man sie lässt!

 

Mit Madeleine lernen wir eine Frau kennen, die von sich selber sagte, dass sie nicht NEIN sagen könne. Da hat sie zum Glück in Thomas einen Wohnungsnachbarn, der die Zuvorkommenheit in Person ist. Es ist fast übermenschlich, was Thomas alles unternimmt, um seiner Nachbarin helfen zu können. Seitenweise denkt man als Leser, nun trägt der Autor aber schon sehr dick auf, da hätte ich schon längst, was weiß ich alles getan, zumindest den sprichwörtlichen „Hut draufgehaut“. Doch nein, Thomas macht auch das noch, organisiert auch jenes noch, nimmt Madeleine auf seine Geschäftsreisen mit (selbstverständlich mit getrennten Zimmern!), hilft ihr aus der Scheisse heraus. Aber die Liebe, sie hält einfach durch und sogar bei Schweizern, welche die Korrektheit in Person darstellen, kommt sie zum Durchbruch. Das nächste Happyend einer Novelle, wobei der Autor korrekt darauf hinweist, dass er gegen den Mainstream anschreibt und seine Novellen alle mehr oder weniger „gut ausgehen,“ er schildert sehr wohl grausliche Vergangenheiten seiner Protagonisten, aber es gibt keine Leichen. Weder in den Kellern noch in den diversen Flüssen. Ja, die Novellen haben ein etwa gleiches Grundmaß, sie weichen vom Schwarz-Weiß Schema insoferne ab, als sie immer einen neuen Blickwinkel für das Geschehen darstellen.

 

Die letzte Novelle verrät den Namen der betreffenden Person, der Frau erst in der zweiten Zeile des letzten Absatzes. Hier wird eine Frau aus sehr einfachen Verhältnissen geschildert, die tief unten landet und trotzdem „hochkommt“ auch wieder mit Hilfe des großen Helfers, diesmal heißt er Joachim, der für die ungenannte ihr ein und alles darstellt. Man könnte meinen, das ist nun genug an selbstloser Hilfe, mehr kann man nicht mehr erwarten, mehr darf und kann man nicht mehr schreiben. Fallweise drängt sich sogar ein bösartiger Vergleich beim (männlichen) Leser auf: Diese beschriebenen vier Männer sind alle ausnahmslos so grundgütig, selbstlos und was weiß ich noch alles, dass dies fast wie eine ganz subtile Art von Machismo klingt. Nein, das ist sicher nicht die Absicht des Autors, das will ich keinesfalls unterstellen. Aber ein wenig so, dass die drei letzten Frauen ohne die helfende, liebende, beschützende Hand des Mannes ganz schön blöd aussehen würden, dieser Eindruck lässt sich nicht so ohne weiteres verdrängen. Ohne dabei dem Autor unrecht zu tun, aber einmal mit der Faust auf den Tisch zu hauen, würde auch einem biederen Schweizer gut anstehen.

 

Martin Stankowski lebt in St. Margarethen in der Ostschweiz und in St. Florian in Oberösterreich. Er kommt eigentlich aus der Architektur und fand spät zur Literatur, auch als Vermittler von Architektur im ländlichen und zwischen-städtischem Bereich. Erste literarische Arbeiten in Zeitschriften, Anthologien (auch im „Reibeisen“ des Europa Literaturkreises Kapfenberg) bis zu einem Roman im Jahre 2010 „Die geöffnete Tür“.

Martin Stankowski teilt das Schicksal vieler „spätberufener“ Autoren, sie treten in einem Alter an die Öffentlichkeit, wo die Verlage dankend abwinken und sagen (mehr oder weniger deutlich oder verklausuliert) „in ihrem Alter lohnt sich eine Investition in einen Autor als Newcomer nicht mehr“ Damit sind sie auf oftmals obskure Verlage angewiesen, deren Leistungen in keinem Verhältnis zu den Kosten und Erwartungen stehen. Das ist wirtschaftlich begreiflich, literarisch aber ein Verlust von wertvollen Autoren und Werken.

 

Hans Bäck

Europa Literaturkreis KAPFENBERG

Jänner 2016

 


 

Insa Segebade

Im Licht der fünf Monde

Fantasyroman, ISBN 978-3-943271-06-5 Verlag Kikue (Kinder an der Küste)

 

Oh Gott, ein Fantasy-Roman! So war meine erste Reaktion als ich den Band erhielt. Wir haben alle in unserer Jugend die Sciencefiction Romane gelesen, die damals aktuell waren, ich erinnere mich an Hans Dominik „Atom Gewicht 500“ und andere. Natürlich Jules Verne, aber der liegt wohl in einer anderen Liga.

Jedoch Fantasy, womöglich „Herr der Ringe“, „Harry Potter“ nein, das kam nicht in meinen Stapel der noch zu lesenden Bücher. Nun aber, „Im Licht der fünf Monde“ und zeitgleich eine Einladung zur Arbeitstagung des FDA in Mülheim/Ruhr, die sich mit dem Thema „Fantasy – Genre zwischen Mythos und Manga“ beschäftigen wollte. Die Bahnfahrt von der Steiermark ins Ruhrgebiet sollte mir die Zeit geben, mich mit dem Buch von Insa Segebade zu beschäftigen. Sollte. Ich gestehe, ich habe stattdessen Umberto Ecos „Null-Nummer“ gelesen.

Dann kam die Tagung.

Überraschung: Das ist eine Nische der Literaturwissenschaft, mit der „man“ sich bereits an Unis beschäftigt. Schau schau!

Doch ein wenig mit System: Was fehlt bei Insas Buch? Nun, es gibt keine Schwerter in Raumschiffen mit denen Außerirdische bekämpft werden müssten – ein Pluspunkt!

Was gibt es bzw. was fehlt nicht:  Nun, sie schafft und beschreibt eine Welt, in der durchaus menschliche Gefühle, Emotionen, Empathien usw. vorkommen, auch Hunger, Durst, Schlaf spielen eine Rolle und trotzdem ist es eine andere Welt. Eben, eine fantastische Welt, eine exotische Welt, die den Rahmen für die Entwicklung von Beziehungen, Hierarchien, Gesellschaften bildet. Das Personal ist einerseits durchaus menschlich (Prinzessin Prinama, der Held Trajor) und entwickelt auch überaus menschliche Gefühle füreinander, anderseits wimmelt es von Wesen die eben jenen anderen Welten zuzuordnen wären.  Sie entwickelt eine interessante „Ökonomie von Gut und Böse“, sie spielt mit den uralten Mythen der Menschheit. Es wäre natürlich möglich, den Interessenten von derartiger Literatur an die Schriften des europäischen Mittelalters zu verweisen, doch wer hat schon Zugang zu diesen kostbaren Pergamenten. Da ist es schon  einfacher, der Leser nimmt beispielsweise ein anderes Buch von Umberto Eco zur Hand und vertieft sich in den „Baudolino“. Da gibt es alles, was die moderne Fantasy-Literatur braucht: Basilisken, Wesen mit einem Bein, die sich rasch und hüpfend fortbewegen (Skiapoden, Schattenfüssler), die Blemmys, das sind die Wesen, welche keinen eigenen ausgeprägten Kopf haben (der Mund ist am Bauch angesiedelt) und viele andere mehr. Alles Wesen, welche die Menschen des Mittelalters in den fernen, für sie unerreichbaren Ländern angesiedelt hatten. Wir kennen das, entweder aus der Lektüre  des genannten „Baudolino“ oder aus den unglaublichen Mosaiken des Fra Pantaleone in der Basilika von Otranto in Apulien. Jene fernen, unbekannten Welten wimmeln von Wesen, die wir uns in den (Alb-)Träumen vorstellen. Sie leben, hausen, vegetieren in weiteren Zwischenwelten, die uns unzugänglich sind, aber bevölkert von Zwergen, Elben, Fischmenschen, usw. das gesamte mittelalterliche Bestiarium steht ja den Autoren der Fantasy-Literatur zur Verfügung.

Und Professore Eco bietet ja genügend Stoff, Material und Personal.

Doch zurück zum „Licht der fünf Monde“ Es ist alles vorhanden, was der eingeweihte Leser derartiger Literatur erwartet: Die unvermeidlichen Konflikte zwischen Protagonisten und Antagonisten, der Imperator auf der fernen, uneinnehmbaren Burg, die aus erlesenen, kostbaren Gestein erbaut wurde und trotzdem verwundbar bleibt. Sie hat Geheimgänge, Falltüren, geheimnisvolle Mechanismen, die sogar die Naturgesetze außer Kraft setzen können und trotzdem spielt die Vernunft, das rationale, logische Überlegen des Helden eine entscheidende Rolle im Kampf mit den Zweifeln, den Schwierigkeiten die sich auftürmen (im wahrsten Sinne des Wortes). Die gekonnte Verschachtelung von Erzählsträngen bietet der Autorin die Möglichkeit ihre perfekte Beherrschung des handwerklichen zu demonstrieren. Sie kann mit dem Mobiliar das von ihr angesammelt, verwendet wird, durchaus geschickt umgehen. So gelesen, macht es direkt Spaß „Im Licht der fünf Monde“ zu wandeln, an der Hand von Insa Segeb