"Zündschnüre"

von Franz Josef Degenhardt,  Kulturmaschinen Verlag Berlin,  ISBN978-3-940274-43-4

 

Am 14. November 2011 starb der deutsche Autor und Liedermacher Franz Josef Degenhardt.

Im vergangenen Frühjahr wurde im Verlag Kulturmaschinen Berlin damit begonnen, sein Gesamtwerk neu heraus zu bringen. Nun, das konnte er nicht mehr erleben, die ersten beiden Bände „Zündschnüre“ und „Brandstellen“ liegen jedoch seit der Frankfurter Buchmesse bereits vor.

Natürlich, wer sich mit der Biografie des Autors  befasst – geboren 1931, studierte Jus, wurde Rechtsanwalt, verteidigte u. a. Mitglieder der Baader-Meinhof Gruppe sowie anderer Angehöriger der APO in den 1960 und 1970er Jahren – wurde von der SPD ausgeschlossen, da er zur Wahl der DKP aufrief, aktives Mitglied der deutschen Friedensbewegung – wird verstehen, dass sein literarisches Werk von seiner politischen Überzeugung geprägt ist. Und wenn einer aus seiner Überzeugung kein Hehl macht, so ist das zu achten, auch wenn man selbst, so wie der Autor dieser Zeilen, diese Überzeugung nicht teilt oder nicht teilen kann.

Es ist ja leider eine verdrängte Tatsache, dass gerade die Kommunisten, die nach den Juden wahrscheinlich den höchsten Blutzoll im Braunen Terror ablieferten, von den Änderungen nach dem Krieg am wenigsten profitieren konnten. Vom Sonderfall DDR einmal abgesehen.

Doch genau das ist die Not der Kommunisten, die im Buch „Zündschnüre“ zwischen den Zeilen so deutlich hervortritt: „Dreißig Jahre Arbeit umsonst, am liebsten würde ich alles hinschmeissen“ oder „über dem Kopf von Heini Spormann hing das Bild von Stalin, und Großmutter Niehaus schüttelte nur den Kopf als sie hinsah, und das war all ihre Hoffnung gewesen und nun blieben sie an der Elbe stehen...“

Ein natürlich höchst politisches Buch, ein agitatorisches meinetwegen und trotzdem unglaublich literarisch und spannend außerdem. Die Geschichte von Jungen, in den letzten Kriegswochen in einer Kleinstadt am Rande des Ruhrgebietes. Wie heißt es gegen den Schluss des Buches: „Ihr müsst euch erst wieder an die Väter gewöhnen“

Eine außergewöhnliche Lektüre, zugegeben, aber spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Auch wenn manche Ruhrgebiets-typische Namen und Ausdrücke für Österreicher gewöhnungsbedürftig sind (wenn  eines der Mädchen Sugga, einer der Buben Fänä genannt wird), es ist auch ein wichtiges Buch, gerade für jene, die diese Zeit schon wieder zu vergessen beginnen.

Das Buch wurde übrigens auch fürs Fernsehen verfilmt. 

 


 

"Brandstellen"

von Franz Josef Degenhardt,  Kulturmaschinen Verlag Berlin,  ISBN978-3-940274-44-1

 

Die Jungen von damals haben den Marsch durch die Institutionen angetreten, sind Staatsanwälte, Rechtanwälte geworden. Erinnern sich der „alten Zeiten“ Es geht bei diesem Roman um den vergeblichen Kampf einer Kleinstadt (und der dort verbliebenen Alten Kämpfer) gegen einen geplanten NATO-Truppenübungsplatz. Noch einmal versuchen sie, die alten Ideale hochzuhalten, die „Massen zu mobilisieren“ Das gelingt auch – bedingt – doch das Establishment ist stärker und die Bewegung scheitert kläglich.

Die Sprache ist eine andere geworden, klar, sind doch auch die handelnden Personen älter geworden, angepasster. Kurze Reminiszenzen an vergangene glorreiche Zeiten werden wach, wenn die Alten versuchen nochmals ihr Agitationsrepertoire auszupacken. Aber allein daran, dass diejenigen, die nunmehr das Handeln haben, der Rechtsanwalt (der vor allem) aber auch der Staatsanwalt, mehr saufen als ihre Alten im ganzen Leben, dabei ohne weiteres Porsches zerlegen und weitermachen, zeigt, wie der „Marsch durch die Institutionen“ die Menschen verändert, geprägt hatte. Das zu erkennen, das „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ abgelöst wurde von Songs wie „John Brown’s body lies a-mould’ring in a grave ...“ oder „street fighting man“ gehört halt auch dazu, zu den „Neuen Zeiten“ wie die Schlagzeilen der BILD.

Auch – natürlich – ein Buch Zeitgeschichte.

Auch dieser Roman wurde verfilmt – diesmal von der DEFA der DDR. 

 


 

Martin Walser: „Muttersohn“

Einer der „Großschriftsteller“ hat wieder zugeschlagen! Und wie! Martin Walser „Muttersohn“ ein Buch, das mich von der ersten Seite an faszinierte, und bei rd. 500 Seiten Text ist es schon schwer meine übliche Leseweise von mich faszinierenden Büchern aufrecht zu halten: In einer Nacht, in einem Zug kann ich das Buch nicht auslesen. Aber, wenn ich dabei bin, kann ich nicht so leicht aufhören.

Ja, es ist ein wilder Roman, wie der Klappentext verspricht, zugleich ein Roman der zeigt, wozu die Sprache, nein, was mit der Sprache möglich ist. Pralle Texte, Stellen auf jeder Seite, die ich anstreichen möchte, die mir so bemerkenswert erscheinen, dass ich sie zu Zitaten abrufbereit haben möchte (leider ist meine Merkkapazität auch schon ein wenig eingeschränkt). „... dass etwas weder der Fall noch nicht der Fall sein muss und trotzdem existiert!“ „Auch wenn sie eine dumme Gans war, sie spürte in sich eine Umarmungskraft, eine Aufnahmebereitschaft, einen Hingabemut, ihr konnte doch, obwohl sie eine dumme Gans war, nichts und niemand widerstehen.“ Und viele andere Sätze mehr. Allein der Satz „schreiben ist schöner als telefonieren“, Freunde und Leser dieser Buchtipps, schreiben wir wieder Briefe!

Der Roman breitet eine Welt vor dem Leser aus, es kommt der Jakob Böhme vor, „ich sage nicht was ich weiß, ich sage, was ich bin.“

Das Buch ist ein Erlebnis!

Wenn man als Schreibender dieses Buch gelesen hat, meint man, selber aufhören zu müssen. Bei den vielen Büchern die ich gelesen habe und lese, kommt dieses Gefühl etwa einmal in 10 Jahren vor. Diesmal ist es wieder soweit. Ja, ich denke mir, nach diesem Buch kann ich selber nix mehr schreiben, das kann alles nur mehr Schall und Rauch sein.

 


 

Ludmilla Misotic: „Die Grenzgängerin“

Im Böhlau – Verlag habe ich ein Büchlein entdeckt, das ich hier erwähnen möchte: Ludmilla Misotic „Die Grenzgängerin“ ein Leben zwischen Österreich und Slowenien.

Ein bewegendes Frauenschicksal, das in keiner Weise mit den üblichen (und üblen) „Schicksalen“ der so genannten modernen Frauen übereinstimmt. Eine Kindheit zwischen den beiden Weltkriegen in einem abgeschiedenen Grenztal zwischen Kärnten und Slowenien. Ein Schicksal mit Krieg, mit Liebe und Trennung, mit Verschleppung nach Sibirien, Spätheimkehr und das alles in einem einzigen Leben. Keine schöne Lektüre, aber eine wichtige.

Erschienen in der Reihe „damit es nicht verloren geht“ des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien.

 


 

Das literarische Gesamtwerk des Schriftstellers Franz Josef Degenhardt

Der Verlag „Kulturmaschinen“ in Berlin, das ist jener der auch mein Buch „Lautsprecher in den Bäumen“ verlegt, hat nun das Gesamtwerk des Schriftstellers Franz Josef Degenhardt zur Neuherausgabe erhalten. Ich mache gerne auf diese verlegerische Großleistung aufmerksam, auch weil ich der Meinung bin, Degenhardt sollte mehr gelesen werden, auch von jenen, die ihn wegen seiner pronouncierten linken Gesinnung bisher ablehnten. Aber wenn Degenhardt einer jener ist, die der Ansicht sind, dass Veränderungen nur von unten möglich sind, dass man geforderte Anpassungen nicht nur verweigern kann, sonder muss, so trifft er als beute 80-jähriger die aufgestaute Wut all jener, denen es reicht. Die nicht mehr mitmachen wollen, wie über sie hinwegbestimmt wird, die aber nicht bereit sind, die Gewalt der früheren APOs anzuwenden. Dann wird dieser Autor plötzlich verdammt aktuell.

Die ersten beiden Bände des Gesamtwerkes von Degenhardt erscheinen bereits im kommenden Oktober! Vergewissert euch auf der HP des Verlages!

Übrigens, Kulturmaschinen Verlag in Berlin: auch von meinem Buch sind noch immer einige Exemplare nicht verkauft! Es besteht die Möglichkeit dies nachzuholen, entweder in eurer heimischen Stammbuchhandlung, direkt über den Verlag www.kulturmaschinen.deoder natürlich auch über Amazon.

 


 

Margit Schreiner: „Die Tiere von Paris“

Eine Schriftstellerin, die (fast) Jahr für Jahr ein Buch auf den Markt bringt, Margit Schreiner, hat mit ihrem neuen Buch „Die Tiere von Paris“ einen Treffer bei mir gelandet. 180 Seiten, das ist in einer Nacht zu schaffen und ich habe es auch (locker) geschafft. Warum, was ist an dem Buch dran?

Der x. Aufguss der Probleme die Alleinerziehende Mütter mit ihrem Kind, ihrem Ex, mit der Arbeit, der Karriere, der Zeiteinteilung usw. haben? Man könnte meinen – und das mit gutem Grund – alles schon gelesen, in Romanen, in Beiträgen mehr oder weniger kluger Frauen, jede bessere Frauenzeitschrift muss sich mit diesem Thema befassen. Und dann kommt eine erfolgreiche und großartige Schriftstellerin daher und walzt auch noch dieses Thema aus. Und da ist nix wesentlich Neues dran, wie gesagt, das haben wir alles schon vielfach gelesen, sogar in Rundfunksendungen gehört in jeder dritten Talkshow miterlebt. Und doch ist etwas an dem Buch, das mich faszinierte. Da ist einmal der Erzähltrick, den die Autorin anwendet. Sie schreibt in der zweiten Person EZ. Du wirst also deinen Mann verlassen müssen. Und das ist von der Technik des Erzählens her einmal was Anderes. Da wird kein Zeigefinger des ER und SIE erhoben, da wird kein klagendes ICH bemüht. Und Schreiner meinte einmal „Literatur ist nichts für Rechthaber!“ Sie ist eine Autorin, die es nicht langweilig findet über das Werk von Kollegen zu sprechen ohne dabei krampfhaft darauf zu schielen, wie sie die Kurve zum eigenen Werk schafft.

Und der Titel? Die Tiere von Paris? Liebe Leser, auch das ist ein Vergnügen, das herauszufinden!

 


 

Max Frisch: „Mein Name sei Gantenbein“

 

Zum hundertsten Geburtstag von Max Frisch am 15. Mai sei auf einen seiner wichtigsten Romane hingewiesen, gleichzeitig eine Einladung zum Wiederlesen. Was haben wir doch nach dem Erscheinen dieses Buches im Jahre 1964 diesen Roman verschlungen, nein gefressen! Und es loht sich immer noch, so viele Jahre später, dieses Werk wieder in die Hand zu nehmen und sich darin zu versenken!

Geschichten probieren, wie Kleider! Der Milchmann, der verrückt wird, weil seine Identität angeblich verbraucht ist, der Pechvogel, der seinen Lottogewinn lieber verfallen lässt, als sein Bild von sich selber verändern zu müssen. Da ist es nur logisch, dass der Erzähler beschließt, sich selber als Theo Gantenbein neu zu erfinden. Einer der nach einem Autounfall zu erblinden droht, und erkennt, nachdem ihm der Verband abgenommen wurde, dass davon keine Rede sein kann. Und trotzdem beschließt er, von nun an eine Rolle als Blinder zu spielen. Alles geht gut, bis zu jenem fatalen Abend, an dem das Licht ausgeht und alle im Dunkel sitzen und der vermeintlich Blinde nun tatsächlich auch „aufgeschmissen“ ist, und es geht weiter, als er mit Lila eine Beziehung hat und als Blinder nicht bemerken muss, dass diese Frau ihn mit einem anderen betrügt. Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung.

Interessant ist auch die Beurteilung durch die Kritik zum Zeitpunkt des Erscheinens des Romans. Von Ablehnung (Heinrich Vormweg, Werner Heißenbüttel) bis hin zu begeisterter Zustimmung (Reich-Ranicki) reichte die Spannweite.

Heute wissen wir aus der Rezeption und der Forschung, dass dieses Buch, entstanden in der Zeit der Beziehung des Dichters zu Ingeborg Bachmann auch im Zusammenhang mit deren Roman „Malina“ zu lesen und zu verstehen ist. Abgesehen davon und unbelastet von allen Vorkenntnissen und Forschungsergebnissen ist der „Gantenbein“ auch 47 Jahre nach seinem Erscheinen noch immer (oder schon wieder) eine Leseabenteuer und Lesevergnügen.

 

Hans Bäck


 

"Eine Überdosis Freiheit"

Daria Hagemeister

(Roman, arovell Verlag, 2011)

 

Eine Überdosis Freiheit? Man möchte der Protagonistin wünschen ihre Überdosis Naivität schon nach den ersten paar Seiten abzulegen! Eine Frau mit soviel Naivität, die muss einfach scheitern, muss Prügel beziehen.

Irene, eine Frau anscheinend in den „besten Jahren einer Frau“ wo einmal zu definieren wäre, worin diese besten Jahre bestehen, wodurch sie sich so auszeichnen, Irene also frisch geschieden, mit drei Kindern versorgt – die Diskussion um die gemeinsame Obsorge stellt sich nicht – sieht die Welt nur mehr himmelblau. Alles ist vorbei, ist zurück geblieben. Der Ex mit seinen Ansprüchen, seiner Welt und allem was einmal Gemeinsamkeit war. Von der Gemeinsamkeit ist zwar nicht das Gemein allein übrig geblieben, wie gesagt 3 Kinder, aber es waren anscheinend keine glücklichen Jahre gewesen. Sei’s drum. Irene badet im Himmelblau. Und bricht auf in das Gelobte Land, in „gods own country“ Und wie alles wunderbar ist, von der Ankunft, vom Neuanfang in San Diego. Alles ist wunderbar, frei und nicht so beengt wie zu Hause in old Europe. Geld ist verfügbar, der Ex zahlt ja, Appartement gefunden, Schulen für die Kinder, eigentlich könnte sie nun tagelang am Strand liegen, aber sie begnügte sich vorerst mit der Palme am Rande des Pools. Bis eines Tages der Bankomat anstelle Greenbacks auszuspucken, die Karte einzog. Der Ex in Österreich zahlte nicht mehr. Die naive Irene glaubte anscheinend, dass eine gerichtlich ausgesprochene Unterhaltsverpflichtung auch tatsächlich unendlich bares Geld bedeuten würde. Nix da! Arbeit suchen, Arbeitsbewilligung erlangen, von der Green card träumen. Obwohl die Wirklichkeit immer brutaler wird, lebt Irene noch immer ihre Naivität aus. Fast möchte man sagen, sie zelebriert sie. Keine weiteren Details der Handlung, es soll für den Leser auch noch einiges übrig bleiben.

Letztlich kommt es wie es kommen musste, so viel Naivität, nein ich weigere mich davon weiter zu schreiben, die Handlungen und Erwartungen der Protagonistin grenzen schon an Blödheit, jedenfalls, was immer es sei, soviel von dem wird auch gehörig bestraft. Kommt es nun zum Jammern über die Ungerechtigkeit der Welt den Frauen gegenüber? Auch das. Kommt es nun zur Anklage gegen das amerikanische System der so genannten Freiheit? Auch das. Es wird kein Klischee ausgelassen, krass überzeichnet und so dem Leser als absurde Auswüchse des american way of life vorgeführt. Das ist eine durchaus legitime Weise, literarisch auf Absonderheiten hinzuweisen. Und die Autorin macht dies sehr konsequent. Allerdings hat der Rezensent eine Einschränkung: Man verlangt von einem Autor immer, dass er, während er schreibt, seine Geschöpfe auch liebt. Und von der Liebe der Autorin zu ihrer Irene und deren Kindern ist aber gar nix zu spüren. Sie überlässt sie der vollständigen Brutalität des amerikanischen Alltags. Selbst die konstruierte Stütze des neuen Lebenspartners John erweist sich als nicht tragfähig, ja der braucht selber die Hilfe und Stütze durch Irene.

Nochmals, das Ende war ab Seite 22 vorauszusehen und das ist schade. Da wäre weit mehr drinnen gewesen.

Die verwendete Sprache ist einigermaßen gleichförmig. Ob Irene nun nach der Ankunft in San Diego im siebten Himmel schwebt oder total down ist, die Sprache bleibt gleich. Es sprechen auch die Personen im Roman alle in der gleichen Sprache, daran ändert auch die Verwendung von Jugendsprachausdrücken nichts, ob es sich, wie bei Irene um eine Einwanderin aus Österreich in den Westen handelt, ob es der Geschäftsführer eines $ 5 Shops ist oder ein französischer Austauschstudent (Irene könnte dessen Mutter sein), sie sprechen alle gleich. Bezeichnend ist eine Szene, in der Irene von einer Amerikanerin im Rahmen eines Jobverlustes vorgeworfen wird, ihr Akzent würde nicht akzeptiert. Da wäre vielmehr zu differenzieren gewesen, da hätte auch ein verantwortungsvolles Lektorat hilfreich zur Seite stehen können.

 

Resümee: Ein Roman, der durchaus seine spannenden Seiten hat, es gelingt der Autorin zusehend den Leser in den Bann zu ziehen, obwohl (oder gerade weil), die Protagonistin ein hoffnungsloser Fall ist und alles was ihr passiert – und das ist bei Gott nicht wenig, das könnte für drei Romane reichen – erwartet wird, keine Überraschung mehr darstellt. Die gedachte Abrechnung mit dem American Way of life ist durchaus erreicht und trotzdem kommt beim Rezensenten kein Mitleid mit Irene auf. Sie hat auch keines verdient!

 

Hans Bäck

Autor und Literaturvermittler

 


 

„Der Zimmervermieter“

 Carolina Danieli,

 Wieser Verlag, Klagenfurt

 

Die Autorin begibt sich mit diesem Roman auf eine nicht ungefährliche Gratwanderung: eine Frau schreibt über Erotik … Es gibt genügend Zeitgenossen, die der Ansicht sind, was bei einem Autor Funken sprühende Erotik sei, ziemt sich nicht für eine seriöse Schriftstellerin.

Danieli geht ihren Weg aber sehr konsequent und sprachlich spannend.

Wobei die Sprache als Stilmittel sehr vielseitig eingesetzt und gekonnt verwendet ist. Ob es der Zimmervermieter, ein bulgarischer Gastarbeiter in Friaul (auch das gibt es!), ein Triestiner Rechtsanwalt oder die Nachbarinnen im friulanischen Kleinstädtchen sind, sie haben ihre eigene Sprache und sind als solche unverwechselbar. Selbst in anscheinend heute in jedem Roman vorkommenden E-Mail Messages bleiben die Eigenheiten gewahrt und behalten ihre Komik. Diese mag sich vielleicht nicht auf dem ersten Blick offenbaren, jedoch ist das Buch voll mit versteckter, fast möchte ich schreiben: hinterlistiger, Komik. So rätselt der Leser mehrfach: haben sie schon oder träumen sie noch davon? Welche Spiele treiben sie miteinander? Gibt es derartige Spiele in unserer Zeit der One-Night Stands überhaupt? Darf soviel Romantik sooft vorkommen?

Ich bin der Ansicht, ja! Das darf alles sein! Wenn Texte gut gemacht sind, dann dürfen romantische Nächte auf schaukelnden Booten, erschlagene Gelsen mit Blutspur am Busenansatz, letzte Strahlen einer Aprilsonne ein Haus in mildes Gelb tauchen und noch vieles mehr.

Und dann geschehen Ereignisse, wo jede Romantik beim Teufel ist und der Leser frägt sich verwundert „ist das die gleiche Autorin?“ um sich selber die Antwort zu geben: „ja zum Teufel sie ist es und die hat mich jetzt schön an der Nase herumgeführt!“ und vergnügt weiter zu lesen.

Vergnügt, ja das ist das Resümee nach diesem Roman, außer einer Erkenntnis, welche die Autorin noch nach- bzw. mitliefert: Hüte dich vor Freundinnen namens Carla!

Ein wenig getrübt ist das Vergnügen durch Schlamperein im Lektorat. Und das dürfte eine „Spezialität“ des Verlages sein: Innerhalb kurzer Zeit hat der Rezensent in Büchern des Wieser Verlages Grund gefunden, das Lektorat zu beanstanden. So wie das auch in diesem Roman gehandhabt wird, erinnert es daran, wie die Zuschuss- und Bezahlverlage mit den eingesandten Manuskripten umgehen: Nämlich gar nicht lektorieren – und das ist sowohl dem Text gegenüber ungerecht, als auch dem Image des renommierten Verlags nicht zuträglich. Mehr Sorgfalt wäre angebracht!

 

Hans Bäck

Autor und Literaturvermittler

Pens. Unternehmensberater und Wirtschaftstrainer

Grillparzerstraße 8

A - 8605 Kapfenberg

 


 

Der alte König in seinem Exil

Ein Buch möchte ich, nein, muss ich, hier vorstellen:

Von Arno Geiger liegt „Der alte König in seinem Exil“ vor. Was ist wichtig, was macht unser Leben lebenswert? Arno Geiger erzählt von seinem Vater, aber auch von sich selbst. Dem Einen kommt der Erinnerung abhanden, der Autor bekommt sie zurück. Und es entsteht ein Buch über den Vater, dessen Orientierung sich langsam auflöst und gleichzeitig, wie der Sohn, der Autor zurückfindet und seinen Vater neu kennen lernt.

Unglaublich, mit welcher Liebe sich Geiger hier mit der Demenz seines Vaters auseinander setzt und großartige Literatur vorlegt.

Ein Leseabenteuer!

 

„Wenn einer nicht mehr denken kann wie früher, was ist das für ein Leben? Arno Geigers Vater hat Alzheimer. Die Krankheit löst langsam seine Erinnerung und seine Orientierung in der Gegenwart auf, lässt sein Leben abhandenkommen. Arno Geiger erzählt, wie er nochmals Freundschaft mit seinem Vater schließt und ihn viele Jahre begleitet. In nur scheinbar sinnlosen und oft so wunderbar poetischen Sätzen entdeckt er, dass es auch im Alter in der Person des Vaters noch alles gibt: Charme, Witz, Selbstbewusstsein und Würde. Arno Geigers Buch ist lebendig, oft komisch. In seiner tief berührenden Geschichte erzählt er von einem Leben, das es immer noch zutiefst wert ist, gelebt zu werden.“

 


 

Buchempfehlungen – passend zur Ausstellung IVO ANDRIC im KUZ Kapfenberg 

Ivo Andric, der großartige bosnische, oder soll man sagen: serbische Schriftsteller? Vor 50 Jahren erhielt er den Literaturnobelpreis, in Graz promovierte er 1924 zum Doktor der Philosophie, und am 13. März 1975 verstarb er.

 

Seine Bücher sind immer eine Leseentdeckung, immer neu und immer wieder. Was wurde nicht schon alles über serbische/bosnische Schriftsteller geschrieben und kommentiert! Die „typisch serbische Grausamkeit“ die „Blutrünstigkeit der Bosnier“ alle möglichen Klischees werden immer noch strapaziert, wenn es darum geht, über diesen Dichter nachzudenken.

Bleiben wir doch bei der Einschätzung, die von der Literaturgeschichte getroffen wurde: Andric gehört zum klassischen Realismus.

Und mit einem unglaublichen Realismus schreibt er. Fast immer schreibt er über sein Land, seine Heimat. Ob es seine Kurzgeschichten, seine großen Romane sind. Bosnien, Serbien, Herzegowina, Kosovo bilden den Rahmen für die Menschen, die er auftreten lässt. Und die Menschen, wie sie sich dem Leser stellen, sind solche, die auch von dieser Landschaft geprägt sind. Wenn der Dichter diese Landschaft schildert, so ist diese niemals als Kulisse zu sehen, sie ist integraler Bestandteil des Geschehens. Nehmen wir als Beispiel das erste Kapitel des Romans „Die Brücke über die Drina“. In einer atemberaubenden Darstellung zeichnet der Autor das Umfeld der Stadt Visegrad mit der berühmten Brücke. Und führt dabei das Leben der Menschen vor, wie es sich Jahrhunderte hindurch  auf und rund um diese Brücke abspielte.

Peter Handke fand es für notwendig in den vergangenen Jahren mehrmals nach Serbien zu reisen, sein Bericht über „Eine Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morava und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ sowie sein Besuch bei Milosevic im Den Haager Gefängnis führten bekanntlich zu ungeheuren Kontroversen, sogar zum Verzicht auf den Heinepreis. Es ist wichtig und notwendig, dass sich Dichter bei ihren Recherchen vor Ort aufhalten, die Menschen kennen lernen, und die Handlungen prägenden Einflüsse studieren, ich meine aber trotzdem, wer den Balkan verstehen will, sollte die Bücher von Andric lesen. Sosehr ich auch Peter Handke schätze und viele seiner Texte liebe, nach der wiederholten Lektüre der „Brücke über die Drina“ oder dem schmalen Erzählband „Die verschlossene Tür“ bleibe ich dabei, das sind Bücher, die mir die Augen öffneten und mir vieles begreifbarer machten, das wir alle im letzten Krieg auf den Balkan miterleben mussten. Das für uns damals so unbegreiflich  schien, dass Menschen im ausgehenden 20. Jahrhundert am Rande Mitteleuropas zu Handlungen fähig sind, von denen wir annahmen, wir wären davon endgültig geheilt.

Aber, nein, lesen Sie doch selbst nach! Er ist einer jener Erzähler, dem es gelingt den Leser glauben zu machen, nicht der Dichter spricht von Dingen, sondern diese selber sprechen zu uns!

Übrigens, die Stadtbücherei Kapfenberg führt einige Bände von Andric in ihrem Bestand!

 


 

Der fliegende Berg

Roman

von Christoph Ransmayr

Der Fliegende Berg 


Der fliegende Berg ist die Geschichte zweier Brüder, die von der Südwestküste Irlands in den Transhimalaya, nach dem Land Kham und in die Gebirge Osttibets aufbrechen, um dort, wider besseres (durch Satelliten und Computernavigation gestütztes) Wissen, einen noch unbestiegenen namenlosen Berg zu suchen, vielleicht den letzten Weißen Fleck der Weltkarte. Auf ihrer Suche begegnen die Brüder nicht nur der archaischen, mit chinesischen Besatzern und den Zwängen der Gegenwart im Krieg liegenden Welt der Nomaden, sondern auf sehr unterschiedliche Weise auch dem Tod. Nur einer der beiden kehrt aus den Bergen ans Meer und in ein Leben zurück, in dem er das Rätsel der Liebe als sein und seines verlorenen Bruders tatsächliches, lange verborgenes, niemals ganz zu vermessendes und niemals zu eroberndes Ziel zu begreifen beginnt. Verwandelt von der Erfahrung, ja der Entdeckung der Wirklichkeit, macht sich der Überlebende am Ende ein zweites Mal auf den Weg.

 

ISBN: 978-3-10-062936-4
€ 20,50  Verlag: FISCHER (S.), FRANKFURT

 

oder als Hörbuch:

8 Audio-CDs - Ungekürzte Autorenlesung. 565 Min.

ISBN: 978-3-86610-100-5 - Euro: 36,20


Erhältlich bei der Buchhandlung Leykam

Autorenportrait

Christoph Ransmayr wurde am 20. März 1954 in Wels, Oberösterreich geboren. Er wuchs in der Nähe von Gmunden am Traunsee auf.

Er studierte von 1972 bis 1978 Philosophie und Ethnologie in Wien und arbeitete danach als Kulturredakteur und freier Autor für verschieden Zeitschriften.

Ab 1982 lebte er dort als freier Schriftsteller. Er unternahm ausgedehnte Reisen nach Asien, Nord- und Südamerika und Irland. 1994 verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach West Cork in Irland. Er verbindet in seiner Prosa historische Tatsachen mit Fiktionen.

Auszeichnungen: 2004 Bertolt-Brecht-Literaturpreis der Stadt Augsburg, 2001 Nestroy-Theaterpreis, 1998 Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg, 1997 Kulturpreis des Landes Oberösterreich, 1997 Solothurner Literaturpreis, 1996 Prix Aristeion, 1995 Franz-Nabl-Preis, 1995 Franz-Kafka-Preis, 1992 Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 1988 Anton-Wildgans-Preis.