Alexander. Roman der Utopie

Von  Klaus Mann.

Und ein Roman der Maßlosigkeit. Unvorstellbar ist das Ziel des Alexander: die Eroberung der gesamten Welt. Vom nordgriechischen Makedonien bricht er auf und erringt das größte Reich der Geschichte. Und scheitert dennoch an sich selbst. Verliert seine Freunde, als er sich vom jugendlichen Kriegshelden zum unnahbaren Großkönig, dem die persischen Edlen näher sind als seine Makedonen. Maßlos wird er auch in der Liebe mit seinen männlichen Favoriten, seiner Ehefrau, der Amazonenkönigin Roxane, verweigert er die Hochzeitsnacht. Maßlos auch seine Idee der Massenhochzeit zu Susa, die ihm ein erstes Wahnerlebnis beschert. Schließlich das Fieberende in Babylon, wo er zuvor noch die Angst kennenlernen muss / darf und er im Fiebertraum durch den Engel mit den verbundenen Händen sein Scheitern erkennt.

Bonus 1: Das Gilgamesch-Epos ist als Erzählung des Kleitos in den Text eingearbeitet.

Bonus 2: Das Vorwort von Jean Cocteau aus der französischen Ausgabe und ein Nachwort von Dirk Heißener, in dem die Umstände der Werksentstehung sowie die Reaktionen darauf geschildert sind.

Die Frage des Schlüsselromans, in dem sich das Verhältnis zum Übervater Thomas Mann in der Beziehung Philipp – Alexander spiegelt, die Homosexualität Alexanders zu der von Klaus, die Entstehung dieses Buchs zeitgleich mit dem ersten Jakobsroman des Vaters Thomas, dies alles ist 2013 nicht mehr von Belang. Erworben habe ich dieses Buch 2010 im Ausstellungsshop der Kunsthalle Leoben.

Karl Forcher


 

Zwei Bücher über die Zeit nach dem ersten Weltkrieg – zwei Welten, die sich auftun:


Den ersten Roman schrieb ein Mann, den zweiten eine Frau. Der eine Roman ist zeitgenössisch, der andere wurde im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends verfasst.

Einmal ist der Schauplatz Amerika, dann Wien.

Der Amerikaner will sich seine große Liebe nach dem Krieg weiterträumen, der Wiener kehrt zurück zu Frau, Kind und Beruf.

Der amerikanische Roman wurde mehrfach verfilmt, u. a. mit Robert Redford und Leonardo di Caprio in der Titelrolle. Den österreichischen gibt es derzeit nur im Kopfkino.

 

Zweimal aber: große Literatur auf 190 bzw. 380 Seiten: F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ und Bettina Balàkas „Eisflüstern“.

 

Jay Gatsby, nach dem Krieg auf verschlungenen Wegen zu Reichtum gekommen, setzt alles dafür ein, um Daisy Buchanan, seine große Liebe vor dem Gang an die europäische Front und mittlerweile verheiratet, wieder zu gewinnen. Er scheitert letztlich auf allen Linien, da sein Traum der Realität nicht standhalten kann. Sein idealistisches Bild der großen Liebe ist ebenso falsch wie seine angenommene Identität, daher scheitert er tragisch in doppelter Weise an seinem Rivalen Tom Buchanan.

 

Balthasar Beck kehrt nach Jahren der russischen Kriegsgefangenschaft zurück ins heimatliche Wien, zurück zu seiner Frau Marianne und seiner Tochter Aimée. Zurück auch zu seiner Arbeit als Beamter der Kriminalpolizei.  Marianne hatte auf ihn gewartet und doch auch einen geheimnisvollen Verehrer. Seine Tochter, gezeugt während eines Fronturlaubs, kennt ihn nicht. Bei der Polizei erwartet ihn neben seinem Vorgesetzten, einst Rivale um Marianne, ein junger eifersüchtiger Kollege. Und eine Mordserie, Offiziere eines  russischen Gefangenenlagers treffend, die einst einen Fluchtversuch verrieten. Nur einer dieser Offiziere ist noch am Leben – Balthasar Beck!

 

Zwei Romanfiguren – hier ein Träumer, der seine große Liebe nicht vergessen konnte, da ein Realist, der sich jeden Traum verbot, das Bild seiner Frau vergrub, um überleben zu können.

 

Zweimal große Literatur, so mein Urteil. Bilden Sie sich Ihr eigenes!

 


 

Ich bin so knallvergnügt erwacht. Die besten Gedichte

von Joachim Ringelnatz

 

Am stillen Orte
ertönen Worte
von Poeten und anderen Schreiberlingen
um die Sitzungszeit weiterzubringen.
Auch Handke schrieb vom stillen Orte,
Hans Bäck schrieb drüber kritisch Worte
in seiner Nachlese.
Ich, ohne Späße,
lese laut Dichterwerke in einem fort,
wenn länger die Sitzung am Abort.

Jüngst fand ich bei Morawa
in der Ecke der Billigwar'
einen ganz speziellen Schatz
von Joachim Ringelnatz:
„Ich bin so knallvergnügt erwacht“
da wird sehr oft herzhaft gelacht,
doch sind nicht billig diese Scherze,
sie gehen, ich gesteh's, oft wohl zu Herze.

Darum, ihr Leser, nicht verweilt,
zum nächsten Bücherladen eilt,
um knallvergnügt dann zu erwachen
beim Ringelnatz'schen Reimemachen.

 


 

Die Entdeckung der Langsamkeit

von Sten Nadolny

 

„John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte“

So beginnt Sten Nadolnys Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit.“

Was kann aus einem solchen Jungen wohl anderes werden als ein Versager?

Doch weit gefehlt: Dieser Junge, John Franklin, wird Seefahrer und kämpft mit der britischen Marine bei der Schlacht von Kopenhagen 1801. Dieser Junge, der in seiner Bedächtigkeit so stark und beständig ist, macht sich mit zwei Schiffen auf die Suche nach der legendären Nordwestpassage. Ihm gelingt nach Aufgabe der Schiffe der Marsch durch die eisige kanadische Wildnis, das Überleben trotz widrigster Umstände.

Dieser Junge wird in reifen Jahren Gouverneur der Sträflingskolonie Tasmanien. Zu guter Letzt bricht er nochmals auf, um die Nordwestpassage zu finden – und verschwindet spurlos im ewigen Eis.

 

1983 veröffentlichte Sten Nadolny seinen Bestseller. Gemäß dem Motto Langsamkeit habe ich das Buch im Dezember 2008 bei Donauland gekauft und 2012 gelesen – und war begeistert. Wenn Sie es noch nicht gelesen haben – tun Sie es! Aber lassen Sie sich Zeit, überstürzen Sie nichts! Bestaunen Sie Nadolnys Sätze auf der Spur des tolpatschigen Jungen, der zum Helden wurde, in angemessener Langsamkeit. Hudeln Sie nicht!

 


 

Vom Ende einer Geschichte

von Julien Barnes

 

Tony Webster, pensioniert und geschieden, hat eine mehr oder weniger erfolgreiche Berufskarriere hinter sich, als ihn eine Erbschaft zwingt, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Sarah Ford, die Mutter seiner Jugendliebe Veronica, vererbt ihm 500 Pfund – und das Tagebuch seines Jugendfreundes Adrien Finn. Die Freundschaft endete einst, als Adrien, erfolgreicher Cambridge-Student, eine Beziehung mit Veronica einging und Tony darauf mit einem höchst beleidigenden Brief an beide reagierte, obwohl er bereits zuvor mit ihr Schluss gemacht hatte. Kurze Zeit später hatte Adrien aus Lebensüberdruss Selbstmord begangen.

Tony, der Sarah Ford in längst vergangenen Studententagen bei einem Wochenendbesuch in Victorias Elternhaus kennenlernte, will das Tagebuch natürlich haben. Doch das hat Veronica – und will es nicht herausgeben. Über Veronicas Bruder Jack kommt Tony zu ihrer Emailadresse, schließlich kommt es zum Treffen und er erhält eine kopierte Seite aus Adriens Tagebuch. Immer weiter steigert er sich in diese längst vergangene Geschichte – und muss zum Schluss sehr überraschende Tatsachen zur Kenntnis nehmen.

Julian Barnes erzählt aus der Sicht Tony Websters, der sich im ersten Teil seiner Jugend erinnert. Aber mit jeder neuen Erfahrung muss er feststellen, dass vieles nicht so war, wie er sich zu erinnern glaubte. Sowohl ihn selbst, als auch das sich über den gewöhnlichen Menschen erhebende Genie Adrien Finn, betreffend.

Spannend und großartig erzählt. Ich habe das Buch in zwei Zügen über die Osterfeiertage gelesen.

 

Vom Ende einer Geschichte

Julien Barnes

Verlag Kiepenheuer & Witsch