Hans Bäck

 

 

 

 

 

 

 

Es ist so still geworden...

In meiner Grillparzerstraße! Und das nicht nur deswegen, weil die Wohnbaugesellschaft langsam aber beständig unsere Häuser absiedelt, nein, das wäre eine andere Geschichte.

Es ist so still geworden, weil nix mehr los ist! Kaum ein Mensch spaziert von der Grillparzerstraße in die Johann Nestroygasse, keine Mopeds stören die Nachtruhe, weil ja niemand zur Schicht fahren muss. Einzig die Müllsammler sind pünktlich unterwegs und sorgen für eine saubere Umwelt (was die Mitmenschen leider weniger machen – aber auch das wäre eine andere Geschichte), sowie der Nachschublieferant für das Pensionistenheim, der seinen Motor laufen lässt. Und natürlich, die Glocken unserer Pfarrkirche zur Hl. Familie, die sorgen pünktlich um 7h früh für den gewohnten Weckruf. Nur vorne, an der Ecke, da staut es sich, da ist auch der Eingang zur Apotheke!

Doch sonst?

Schau ich von meinem Balkon auf die Raimundgasse, das selbe Lied, nein, die selbe Stille. Nicht einmal die Kinder aus der Volksschule sind zu hören. Weder in den Pausen noch während der Nachmittagsbetreuung. Alles schweiget ... man könnte ohne weiteres den wunderbaren Kanon anstimmen und singen lassen. Doch wer singt denn heute noch? Und schon gar einen uralten Kanon! Nein, lassen wir es lieber beim Schweigen, bei der Stille in der Grillparzerstraße.

Ist es das Virus, das uns die Stille in der Gasse beschert? Wo sind die Frauen geblieben, die morgens ins Geschäft eilen oder zum Wochenmarkt um frisches Gemüse zu kaufen und am Weg dorthin mit der Nachbarin ein Tratscherl beginnen? Wo ist der Pensionist, den ich immer wieder gesehen habe, wie er sorgfältig mit seinem Hund die Straße entlang ging, jedes Häuferl anständig aufhob, mit seinem Dackel oder Pudel oder Mischling, was weiß ich welchen Hund er führte, beruhigend sprach, wenn ein Auto vorbei fuhr. Heute muss man schon aufschauen, wenn überhaupt ein Auto durch die Gasse fährt. Hat sich der verirrt? Was will der da?

Ja, da ist vorne die Nestroystraße, dann die Grillparzerstraße, dahinter die Raimundgasse, also ein Dichterviertel könnte man meinen. Doch was ist daraus geworden? Ich bin einer jener geworden, der als Literat die Literaten als Literaten beschimpft, weil sie das Virus zum Anlass nehmen, um darüber zu schreiben? Nun hat mich einer der Literaten, noch dazu fernab von meiner Grillparzerstraße, im sehr weit entfernten Solingen dazu gebracht, über Corona zu schreiben. Warum ich auch noch? Weil es mein lieber Kollege Kay so angeraten hat? Oder weil ich es satt habe, soviel über das Virus zu lesen?

Ich schaue aus dem Fenster, von meinem Balkon in die Stille. Ungewohnt. Bar oder Café haben wir in unserer Gasse nie gehabt, dadurch fällt eine normale Lärmquelle schon weg, aber so gespenstisch still wie es jetzt ist! Nicht einmal um 18h eine Musiknummer wie zu Beginn der Coronazeit in Italien noch üblich. Nix da. Lediglich ein Nachbar sorgt für Abwechslung. Gott sei Dank, die Familie hat einen kleinen Buben, der, wenn er vom Kindergarten zurückkommt, in der Wiese hinter dem Haus spielt und dann ein wenig zu hören ist. Doch wenn es so wie heute, als ich diesen Text für meinen Freund Kay schreibe, Regenwetter hat, ist unser kleiner Maurice auch nicht hinter dem Haus. Fast erinnert mich diese gespenstische Stille an das berühmte Gedicht von H. C. Artmann über „de sundog in bradnse“ (Nachzulesen „Med ana schwoazzn dintn“ Otto Müller Verlag 1958).

Wenn nur irgendwann wieder einer mit dem Moped vor sechs Uhr früh „in die Schicht“ zur Arbeit fahren müsste!

 

Hans Bäck, Kapfenberg, in der 10.Woche der Corona Zeit!

 


 

Da war doch einmal etwas...

 

Ja, richtig! Eine Buchhandlung. Jetzt wurde wegen Corona die auch geschlossen. Nur der große anonyme Krake von jenseits des Atlantiks bleibt, der jetzt Bücher ausliefert?

Oder war da auch etwas?

Warum wird denn plötzlich der Interessent auf das ebenfalls dort erhältliche e-book verwiesen?

Will ich denn mit Kindle meine Lektüre verbringen?

Wie geht das nun?

Ein e-book zu machen, nun da braucht es nicht mehr viel. Keine Zulieferer wie Druckerei, wie Buchbinder, wie Layouter für das Cover, es braucht kein Lager und daher auch keine Lagerkosten, das ist doch tatsächlich die eierlegende Wollmilchsau geworden!

Die Autoren? Was bekommen die vom verkauften e-book? Lächerlich, den %-Satz wie für die Druckversion!

Und der stationäre heimische Buchhandel muss geschlossen halten, dafür darf Amazon alles liefern. Nicht nur Bücher, klassisch oder als e-book, nein, die liefern alles!

Vom „Duftbad für Zwei“ über den „Akku-Bohrer“, den „Jogginganzug“. Egal, da ist ja kein Laden geschlossen, es geht alles on-line. Direkt ins Haus geliefert. Und frag nicht, wie die Zusteller dabei zum Handkuss kommen. Ob die in Zeiten des Virus sich dabei gefährden, ob sie mit den jämmerlichen Gebühren, die dafür abfallen, auskommen? Das interessiert den Kraken nicht! Und die DHL Flieger heben jeden Morgen am Flugplatz Leipzig-Halle ab, vollgestopft mit Dingen des „täglichen“ Lebens, die wir beim Händler ums Eck nicht bekommen dürfen, weil geschlossen – siehe Covid 19.

Dauerts noch länger, dann hat Amazon auch den letzten Buchhändler überlebt. Aussitzen nennt man das in der Fachsprache, um lästige Mitbewerber zu vertreiben. Mit seiner Marktmacht einfach abwarten, bis auch der letzte Sortimenter aufgegeben hat.

Überlegen wir doch: Wozu brauchen wir Amazon? Für WC-Papier, Trockenfrüchte, Duschgels brauchen wir das einmal nicht, denn die Supermärkte und Drogerien haben offen, dazu brauchen wir den On-Line Händler aus Amerika nicht! Und für die Bücher schon gar nicht! Denn, das was der kann, das kann das heimische Büchereck in Aflenz, die Morawa Buchhandlung in Bruck/Mur oder Leoben, aber natürlich auch die Thalia und wie sie alle heißen, das können die alle und wie ich glaube, sogar weitaus besser!

Eine Bitte, nein eine Frage an viele Autorenkollegen (auch an meinen Freund jenseits des Atlantiks am herrlichen Strand von San Salvador), muss es sein, dass Du Dein Buch als e-book bei Amazon erstellst und von dort aus vertreibst?

Überlege einmal, ob Du damit nicht die Wüstung und Ausdünnung unserer Städte vorantreibst. Was dann, wenn die letzte Buchhandlung zusperrt und Du nur mehr auf das angewiesen bist, was Dir der unersättliche Krake übriglässt?

Ich sage einmal Danke an meine persönliche Buchhandlung „Büchereck Freidinger“ in Aflenz/Kurort aber auch an die Filialen der größeren Händler, die noch standhalten.

Und alle haben sie Möglichkeiten gefunden, uns mit jenen Büchern zu versorgen, die wir uns aussuchen und die wir lesen wollen - und uns nicht aus einer Liste „andere interessieren sich auch für ...“ vorsortiert werden.

Denkt daran, Bücher sind genauso wichtig, wie Duftkerzen, Akku-Schrauber, Jogginganzüge...

 


 

 

Autoren im Würgegriff des Virus

Keine Lesungen, keine Gespräche, und die neuen Bücher bleiben liegen, außer...

 

Ja, außer Du bist ein so genannter „Großschriftsteller“ für den der Verlag alle Zeitungen von „Die Zeit“ bis hinunter zu den Provinzblättern mit Rezensionsexemplaren versorgt. Aber die vielen anderen Schriftsteller, die nicht in jedem Jahr ein neues Buch „herausschießen“ sondern jahrelang am Manuskript arbeiten und dann auf die Verlagssuche gehen, sich freuen, wenn ein kleiner ambitionierter Verlag zugreift und das Buch „macht“.

Ein Auftritt bei der Buchmesse in Leipzig wird geplant, eine Mini-Lesereise im Anschluss daran, Lesungen in der Heimat, Buchpräsentationen, all das mit hohem persönlichen Einsatz des Autors, da der Kleinverlag einfach nicht über die Ressourcen verfügt, eine groß angelegte PR Aktion zu starten.

Und dann schlägt Corona zu! Alles was geplant war, fällt aus. Beginnend mit dem heiß erwarteten Auftritt auf der Buchmesse in Leipzig. Stornomails an die bereits gebuchten Hotels, an die für eine Lesung gewonnenen Veranstalter, Versuche bei ÖBB, DB, AUA usw. die gebuchten Tickets zurückzugeben.

Weit und breit keine Möglichkeit eine Ersatz-Lesung zu organisieren. Ausgangssperre, Absage aller Veranstaltungen. Aber gut gemeinte Aufrufe in den Zeitungen, endlich die Zeit zu nützen und zu lesen. Sogar das e-book kann plötzlich größere Käufermengen ansprechen. Öffentliche Stellen laden ein, das Lesen zusätzlich zu fördern (sperren gleichzeitig die Büchereien zu).

Doch wie soll nun der Autor sein Buch bekannt machen? Über die Social media erreicht er je nach „Freundeskreis“ eine bestimmte Gruppe von Interessenten, aber auch da bleibt das Echo eher bescheiden. Und nun beginnen die Versuche bei den einheimischen Zeitungen, den Provinzblättern, eine Rezension zu bekommen. „Schicken Sie uns ein Rezensionsexemplar!“ Gerne, liebe Kulturredakteure in Graz, Klagenfurt, Wien, Linz, Salzburg usw. Aber bitte bedenkt: Der kleine Autor (der ja gar nicht schlecht schreibt, aber eben nicht jährlich einen Wälzer herausbringt) bekommt von seinem Verlag vielleicht 5 oder wenn es hoch hergeht 10 Freiexemplare, die weggehen wie die warmen Semmeln, denn dem heimischen Kulturfunktionär muss er eines geben, der Tante sowieso, dem guten Freund der schon darauf gewartet hatte und so fort. Wohl wissend, gelesen werden diese eh kaum einmal. Dann nimmt der Autor hoffnungsvoll weitere Freiexemplare und sendet sie an jene Zeitungen, die regelmäßig über Literatur in den Wochenendausgaben berichten. Und wer kennt in den großen Redaktionen diesen Verfasser, der vor einigen Jahren ein Buch herausbrachte, in Anthologien veröffentlich hatte, oder in einigen Literaturzeitschriften? Jedenfalls sind die Freiexemplare bald weg. Und nun kommt die Provinz-Kulturredakteurin und will ein weiteres Freiexemplar. Gut, macht der Autor, schickt ab und wartet. Und es kommt nix. Keine Rezension in der Zeitung, keine Erwähnung in den Lese- und Literaturbeilagen die regelmäßig erscheinen. Fragt der Autor dann nach –erhält er als  Antwort: „Platz ist so beschränkt, wir müssen jene Werke bringen, die am Markt ...“

Außer Spesen nichts gewesen. Keine Rezension, dafür ein Buch verschenkt, das im Verkauf dem Autor wenigstens 40% vom Verkaufspreis gebracht hätte, Porto bezahlt, denn in Österreich gibt es keineErmäßigung für Bücherversand. Und natürlich auch keine Unterstützung durch die heimische Presse (um den diskriminierenden Ausdruck Provinzblattl zu vermeiden). Der Autor bleibt auf seinen Büchern sitzen, der Verlag ist sauer, weil keine Verkaufszahlen vorliegen und überlegt es sich, diesen Autor beim nächsten Buch „wieder zu nehmen“.

Frage eines betroffenen Kleinautors: Müssen die Kulturredaktionen wirklich auf ein Gratis-Rezensionsexemplar bestehen? Könnte man das nicht als kleine Literaturförderung ansehen und eine gezielte Aktion für die bemühten Kleinautoren starten? Natürlich, so ein Autor lebt nicht vom Schreiben, er muss nicht jährlich einen Fast-Bestseller herausbringen! Wobei alle wissen, Bestseller werden nicht geschrieben, sondern gemacht.

Die Arbeit, das Veröffentlichen im Kleinen, das reicht alles nicht, um die Großverlage auf den armen Kerl aufmerksam zu machen und auch nicht, um die heimischen Kulturredakteure zu bewegen, sich einmal um die vielen kleinen Literaten in den versteckten Winkeln unserer Heimat zu kümmern. Ja, in den Bezirksausgaben der größeren Blätter kann es sein, dass eine derartige Buchneuerscheinung erwähnt wird.

Was soll man nun als Klein-Autor machen? Jährlich ein Buch schreiben, wohl wissend, das geht genauso unter? Irgendein großkopferter Großkritiker sagte einmal in Klagenfurt, dass eine Ingeborg Bachmann auch heute wieder entdeckt würde.

Als langjähriger Besucher des Wettlesens in Klagenfurt und genauer Beobachter der Abläufe im Literaturbetrieb bezweifle ich genau das! Wenn ein „hoffnungsvoller“ Autor nicht bereits von einem Verlag nach und in Klagenfurt gepusht würde, hätte er/sie keine Chance.

So, und nun sitze ich auf einigen Büchern und warte darauf, dass sich das Virus verzieht und ich wieder an freundliche Veranstalter herantreten kann, um diese zu bewegen eine Lesung mit mir zu veranstalten. Dann kann ich auch die Kulturredaktion des Provinzblattls anschreiben und um zumindest eine Ankündigung bitten.

War die Situation vor Corona schon beschi.... für uns Kleinautoren, jetzt ist sie trostlos.