Rezensionen und Lesetipps

An dieser Stelle weisen wir Sie auf Bücher hin, die auf verschiedensten Wegen zu uns gefunden haben.

Vielleicht können wir mit unseren Besprechungen Ihr Interesse wecken, sie ebenfalls zu lesen.


Rezensionen eingrenzen




Stella und Claude

von Martin Stankowski
Rezension von Hans Bäck

Roman, Verlag tredition Hamburg

ISBN 978-3-347-19442-7

 

So einen herrlich unmodernen Roman gibt es ja heutzutage (fast) nicht mehr! Eine Wohltat nach der „Lektüre“ von div. „Dicht“heitsproblemen von Huf-, Sarg- und anderen Nägeln.

Über viele Seiten verfolgt den Rezensenten eine Erinnerung an lang zurückliegende Lesefreuden: Stifters „Witiko“ und dessen langjährige Annäherung an seine Braut Bertha und das sind ja keine schlechten Assoziationen! Eine Verbindung zu Stifter, nun, der Autor lebt ja zur Hälfte in Oberösterreich und als Schweizer steht es ihm auch zu, ein wenig „anders“ zu schreiben.

Wenn der Protagonist erzählt: „er hielt ihre leichte, gar nicht weiche Hand ein wenig länger in der seinen, sie wehrte nicht…“ dann ist das über weite Strecken der Höhepunkt der Erotik!

Claude Gutensohn, ein wohlbestallter Hochschullehrer für Kulturgeschichte kommt von einer Dienstreise nach Wien in seinen Wohnort zurück und beschließt noch auf einen Trunk in seine „Stammbeiz“ einzukehren. Der dort versammelte Gartenbauverein begrüßt den späten Gast herzlich, man freut sich über den prominenten und gebildeten Besucher, der immer wieder im Verein mit Vorträgen aufhorchen lässt und daher kein Unbekannter ist. Nach dem formellen Begrüßungstrunk beschließt Prof. Dr. Gutensohn aber, sich auf den Heimweg zu machen. Eine junge Frau, die am Rande des langen Tisches sitzt, bietet sich an, ihn zu begleiten. Und nun beginnt im Regen, im nächtlichen Nachhause-gehen eine Liebesgeschichte, vergleichbar eben der von Witiko und Bertha, oder Anna Plochl und Erzherzog Johann. Unendlich langsam! Obwohl beim Betreten des Wohnhauses die Beiden feststellen, darin gemeinsam zu wohnen und Claude seine Begleiterin für den nächsten Tag zum Frühstück einlädt, dauert es noch einige Dutzend Seiten, bis…

Stella, genannt Lia hat ein bewegtes Leben hinter sich und die aufkeimende Liebe der Beiden zueinander scheint ihre Vergangenheit zu überdecken. Schüchtern und zurückhaltend wie sie noch sind, schreiben sie sich ihre Vergangenheiten gegenseitig. Das hat immerhin den Vorteil, man kann nicht unterbrochen werden, wie es bei einem Gespräch, einer „Beichte“ zwangsläufig der Fall wäre. Stella erfährt dabei, in welch geordneten Verhältnissen Claude aufgewachsen ist, erfährt von seiner kurzen Jugendehe, seinem Studium und vor allem, wie dieses sein weiteres Leben und Denken beeinflussten. Es ist aufschlussreich, dass vom Autor auch ein Band mit Essays vorliegt, in denen er zu Gedenktagen von wichtigen Menschen – vor allem Künstlern – Stellung bezieht. Es bleibt nicht aus und ist aufgrund der Fülle des Materials verständlich, dass nun Claude in seinen Gesprächen – manchmal wäre man versucht von Belehrungen zu sprechen - mit Stella diese Erkenntnisse einfließen lässt. Lieber Martin, da wäre weniger oft mehr gewesen. Da stellt der Autor diese arme gequälte junge Frau auf eine arge Probe, wenn er seine akademischen Erkenntnisse zur Kultur vergangener Zeiten ausbreitet und Beziehungen und Verbindungen zur Gegenwart oder auch zur Vergangenheit von Stella herstellt. Ich vermeide bewusst den Ausdruck konstruiert, aber es ist fast ein Bauplan zu erkennen, wie die unbedarfte Stella, die einen Aushilfsjob in einem Supermarkt bekommt, in die Welt der „Kulturwissenschaft“ eingeführt werden soll. Claude nimmt seine Beziehungen zur Hilfe, um Stella auch zusätzlich eine Beschäftigung in einem Laden einer befreundeten Buchhändlerin zu verschaffen. Seine gute Fee, eine ältere Dame, die sich sehr kosmopolitisch gibt und bei seinen berufsbedingten Abwesenheiten seine Wohnung betreut, nimmt sich ebenfalls Stellas an. Anscheinend ist der gesamte Ort bestrebt den liebenswerten, etwas schrulligen Professor Gutensohn zu „versorgen“. Die Chefin des Supermarktes, die auch im Gartenbauverein des Anfangs tätig ist, veranstaltet Gartenfeste, mehr oder weniger zwanglose Zusammenkünfte in der Schrebergartenanlage, eigentlich alles, um gewollt oder ungewollt Stella und Claude zusammen zu bringen. Damit ist das „Hauptpersonal“ des Romans umrissen, die Nebenpersonen, die noch auftauchen spielen keine Rolle, außer dass eine Fabienne krampfhaft versucht den Claude für sich zu gewinnen und dabei ihre akademische Bildung gegenüber der Ladenaushilfskraft ausspielt. Doch, wie es sich für einen unmodernen Roman gehört, Claude meistert auch diese Anfechtungen souverän. Und trotzdem dauert es bis zur Seite – nein, die verrate ich nicht, sonst wird womöglich gleich dort aufgeschlagen – zur ersten Annäherung die fast in einer Katastrophe endet. Begründet durch die Vorgeschichte(n) Stellas, für die Claude volles Verständnis aufbringt und weiter …

Es dauert danach nur mehr knapp dreißig Seiten, bis die Beiden dann endlich (!) auch ihre so ersehnte körperliche Erfüllung finden, auch dabei bleibt der Roman angenehm unmodern!

 

Der Rezensent hat bereits einen Band mit mehreren Novellen des Autors gelesen. Es ist auffallend, wie sich eine Linie durch alle belletristischen Texte Martins zieht: Eine Hilfe zum Selbstaufstehen nach unendlich vielen Abstürzen, es gibt immer eine Hand, die entweder zugreift oder angeboten wird. Und alle, von denen zu lesen war, haben es geschafft. Die heile Schweizer Welt? Oder ein Versuch zu zeigen, was Liebe möglich macht?

Das mögen die Leser des Romans (und der übrigen Werke des Autors) selbst beurteilen.

Modern sind sie nicht, nicht einmal postmodern! Aber lesenswert immer. Auch um ein wenig mehr vom unbekannten Wesen, dem Schweizer, kennen zu lernen und deren Spezialausdrücke in der Alltagssprache zu erfahren. Denn was ein „erst vor wenigen Woche hierher zügeln“ bedeutet, geht aus dem Text zwar klar hervor, wäre aber für einen durchschnittlichen österreichischen Leser eher schwer verständlich. Ein „kurzes Znacht“ oder ein „Zmorgen bei mir“ erläutern sich von selbst, aber sie sind nette schweizerische Eigenheiten, die Gott sei Dank vom Hamburger Verlag nicht heraus lektoriert wurden.




Von Gestern?

von Martin Stankowski
Rezension von Hans Bäck

Essays zu Gedenktagen und kulturellen Fragen

tredition Verlag Hamburg

ISBN 978-3-347-19317-8

 

Es ist immer wieder faszinierend festzustellen, wie verdiente Schriftsteller über andere Kollegen schreiben, speziell wenn es sich um solche handelt, die schon lange oder zumindest länger nicht mehr unter uns sind. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage, wie wird ausgewählt? Nach dem persönlichen Empfinden des Autors, oder gibt ihm jemand vor, „darüber“ zu schreiben? Jedenfalls die Auswahl von Gedenktagen und den dazugehörigen Essays könnte schon eine spannende Geschichte ergeben. Darüber schweigt aber der Autor in seinem vorliegenden Band mit „Beiträgen zu 25 Gedenktagen“. Für den Rezensenten etwas befremdend erscheint, dass Theodor Fontane mit vier Beiträgen, Gottfried Keller auch mit zwei gewürdigt wird, dagegen aber viele andere gar nicht aufscheinen. Wie gesagt, die Auswahl der zu würdigenden Personen wird immer fragwürdig, d. h. im Wortsinn der Rückfrage würdig, bleiben. Gut, soweit zur Einleitung. Doch, nein, ich kann den Autor noch nicht entlassen. Pearl S. Buck, Emily Dickinson, und einige andere haben bei Durchsicht der Aufgelisteten doch ein wenig Verwunderung ausgelöst. Interessant wäre zu erfahren, was den Autor bewogen hat als Literat beispielsweise zu Maximilian I. oder J. J. Winckelmann Stellung zu beziehen. Wobei ich wieder bei der Frage der Auswahl bin. Doch bleibe ich kurz bei Winckelmann hängen. Dass die Aussage der „stillen Einfalt und edlen Größe“ so ohne Kommentar übernommen und weiter gegeben wird, hat bei mir Befremden ausgelöst. Immerhin wissen wir ja aus den zahlreichen überkommen und erhaltenen Zeugnissen der „alten“ Griechen, dass diese ein Volk von Betrügern, Schändern, Vertragsbrechern und vieles mehr waren. Und sie machten ja nicht einmal ein Geheimnis aus ihren Schandtaten – sie breiteten diese in aller Öffentlichkeit aus, waren noch stolz darauf.

Das wäre ein wenig ein sachlicher Einwand gegen diese Beiträge. Zu bewundern ist die Sorgfalt mit der Stankowski diese aufbereitet hat. Wahrscheinlich der doch langen Fahrzeit zwischen der Ostschweiz und Oberösterreich zu danken. Da kann man – wenn die WLAN-Verbindung in den Zügen der ÖBB funktioniert – tatsächlich in Ruhe arbeiten. Jedenfalls, die Genauigkeit der Recherche ist beeindruckend.

Es ist die Eigenart des Autors, sehr lange Sätze zu verwenden, da wäre „weniger sicher mehr gewesen“ und kann m. E. nicht als Schweizer Eigenart abgetan werden. Es ist oftmals anstrengend diese Sätze so nachzuverfolgen, dass die Sinnhaftigkeit gewahrt bleibt (Seite 180, Seite 254 aber auch sonst fast überall).

Was bleibt? Das Verwundern, dass beispielsweise ein Hermann Burger nicht vorkommt, obwohl Schweizer – wie der Autor – und ein Sprachkünstler sondergleichen. Auch fehlt mir jeder Hinweis auf die doch fulminante literarische Entwicklung in den 1960 - 1970er Jahren in Graz, mit Wolfgang Bauer, Alfred Kolleritsch, dem beginnenden Gerhard Roth und all den vielen anderen, die auf die Literatur der späteren Jahrgänge doch mehr Auswirkungen hatten als eine E. Bronte.

Ja, die Auswahl. Natürlich, an einem Robert Musil und einem Peter Rosegger kommt ein Schweizer Essayist auch nicht vorbei. Einen österreichischen Leser stört allerdings ein Begriff wie auf Seite 212 wenn davon die Rede ist, dass Rosegger seine SCHREIBE als deutsch verstand. Diesen Begriff, diesen Ausdruck, den hat Rosegger niemals verwendet.

Ergänzt wird der Band noch durch vier „Essays zur Kultur“. Das ist natürlich ein hoher Anspruch, den der Autor hier erhebt. Gleich als ersten Beitrag legt er ein Vortragsmanuskript vor, das sich mit nichts Geringerem als „Gelesen. Auf Deutsch. Über den Frieden.“ beschäftigt. Nun, dies in einem eineinhalbstündigen Vortrag abzuhandeln ist schon eine gewisse Herausforderung, wobei die (schriftlichen) Unterlagen dazu natürlich bei weitem nicht alles abdecken, was womöglich im gesprochenen Text vorhanden wäre. Diesem Thema, aber auch diesem Beitrag hätte eine redaktionelle Bearbeitung (Straffung) gut getan.

Die ewige Frage „wann, wen küsst die Muse?“ wird umfangreich, gespickt mit Beispielen aus vielen Bereichen der Künste, besprochen. Besonders freut sich der Rezensent darüber, dass in einer der Fußnoten sogar das heimische Reibeisen (Ausgabe 2014) angesprochen wurde: „ist Kunst auch Arbeit?“ No na, möchte man antworten. Wenn man daran denkt, wieviel Arbeit ein Autor erst hat, wenn das Manuskript „fertig“ ist! Wir alle wissen, was da erst an Arbeit auf uns zukommt.

Der abschließende Beitrag „Wenn selbst das Moderne bereits alt ist“ geht in unnachahmlicher Weise auf die Fragestellungen der professionellen Betrachter ein: Was ist “modern“ was ist postmodern“ (die architektonischen Leistungen der Post???). Die sich ständig beschleunigende Aufeinanderfolge, die Abfolge der wechselnden Nacheinander-Modernen (Seite 322) können belustigen, verärgern, sprachlos machen oder im besten Fall dazu verführen, auch das Allerneueste der Neuesten Bücher zu lesen. Und sich selbst ein Urteil bilden, und nicht den vorgekauten Rezensenten – Texten glauben (diesen eingeschlossen).




Die Telefonzelle am Ende der Welt

von Laura Imai Messina
Rezension von Josef Graßmugg

btb - Verlag, ISBN 978-3-442-75896-8

 

„Ein Haiku des Herzens…“

Ich glaube, es war dieses Zitat der Londoner „Times“ das den Ausschlag gab, mir das Buch zu kaufen.

Zuvor hatten bereits die Gestaltung des Covers und der Titel mein Interesse geweckt. Es war für mich offensichtlich, dass der Roman in Japan angesiedelt ist. Nicht im „Wirtschafts-Japan“, sondern im „Gefühls-Japan“ – und obenstehendes Zitat war die Bestätigung dafür.

Tatsächlich sind die rund 350 Seiten vollgefüllt mit Empfindungen jeglicher Art. Damit sind nicht nur die psychischen Zustände der Protagonisten gemeint, sondern auch, wie diese formuliert werden.

Würde man beim Schreibstil nach Vergleichen suchen: Beim Essen wäre es Sushi, keine Pizza. Beim Werkzeug wohl die Pinzette, nicht der Hammer und es wäre Erotik statt Pornografie.

Die in Rom geborene Autorin hat das Buch in ihrer Muttersprache verfasst, kennt aber seit Jahren die japanischen Gepflogenheiten. Bereits ihr Studium führte sie in das fernöstliche Land, in dem sie inzwischen als Dozentin an mehreren Universitäten tätig ist. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Tokio.

Die italienische Originalausgabe „Quel che affidiamo al vento“ erschien 2020 und wurde im März 2021 von Judith Schwaab in ein gefühlvolles Deutsch übersetzt.

Aufbauend auf den realen Hintergrund der Tsunamikatastrophe vom 11. März 2011 wird die Aufarbeitung der Traumata dieses Ereignisses versucht.

Die Radiomoderatorin Yui verlor damals ihre Mutter und ihre kleine Tochter. Direkt auf Sendung wird sie mit den Ereignissen von damals konfrontiert. Ein Anrufer berichtet von einer Telefonzelle hoch im Norden Japans, von der aus man Verbindung mit seinen verstorbenen Angehörigen aufnehmen könne.

Yui zögert nicht lange. Ungläubig, sich trotzdem an diesem Hoffnungshalm festklammernd, macht sie sich auf den Weg. Eine Tagesreise entfernt findet sie den erwähnten Garten mit der Telefonzelle. Eine technische Verbindung mit irgendjemand wäre schon deshalb nicht möglich, weil der Telefonhörer offensichtlich nicht angeschlossen ist.

Der Wind sei es, der die Verbindung herstellen würde. Aber sie wagt es nicht, es auszuprobieren. Noch nicht.

Andere Besucher dieses magischen Ortes versuchen das Unmögliche.

Yui lernt in Bell Gardia Menschen und deren Schicksale kennen. Einer von ihnen ist der Arzt Takeshi, der beim Tsunami seine Frau verlor und dessen Tochter seit damals kein Wort mehr spricht. Neben all den anderen Begegnungen ist jene mit Takeshi die intensivste.

 

Im Schmerz gefangen.

Überall herrscht Dunkelheit.

Dennoch ist Hoffnung!

 




Dicht

von Stefanie Sargnagel
Rezension von Hans Bäck

Aufzeichnungen einer Tagediebin

Rowohlt, ISBN 978-3-498-06251-4

 

Natürlich darf eine Frau über Schulerlebnisse schreiben, die ihr das junge Leben so unerträglich machten! Aber klar, das haben Hunderte vor ihr auch gemacht und da waren Autoren, Dichter und Schriftsteller darunter – und es ist oftmals dabei Weltliteratur herausgekommen. Das muss man ja nicht immer erwarten.

Natürlich darf eine junge Frau darüber schreiben, wie sie den Alltag eben nicht in der Schule verbringt, sondern mit gleich Leidenden in den div. Parks verbringt und sie nicht wissen, wie sie zum nächsten Bier und Joint kommen. Denn das Leben kann schon hart sein! Auch darüber haben aberhunderte Menschen geschrieben, sich beklagt und auch dabei ist manchmal große Literatur herausgekommen.

Natürlich darf eine junge Frau darüber schreiben, wie sie und die Freunde mit Kleinkriminalität versucht haben, diese geschilderten Situationen zu verbessern. Wie sie es geschafft haben, die Mutter, die ja so ahnungslos war, hinters Licht zu führen, die Fehltage in der Schule zu begründen, die ausbleibenden Lernfortschritte zu kaschieren. Ärgerlich ist nur, dass dies alles schon längst auch als Literatur bekannt geworden ist und eigentlich nichts Neues unter der Sonne darstellt.

Aber natürlich darf eine junge Frau schildern, dass ihr die Fernsehsendung mit den Simpsons sinnvoller erschien als den Tag in der Schule zu verbringen, und das muss als notwendig hingestellt werden. Blöd, dass auch andere vor ihr Ähnliches erkannt und niedergeschrieben hatten – auch damit einiges an Weltliteratur geschaffen.

Selbstverständlich darf eine junge Frau darüber schreiben, wie sie und ihre Clique eine junge Familie mit den notwendigen Möbeln von Ikea versorgten und an den Kassen ohne zu bezahlen vorbei kamen. All das ist zwar oft vorgekommen, jedoch zum Unterschied von den vorigen Schilderungen noch nicht so oft beschrieben worden und Weltliteratur wurde es auch bei der jetzigen Beschreibung nicht. Aber, natürlich, darf die junge Frau das auch schildern und schreiben, wir haben ja die Presse- und Redefreiheit, auch wenn die Junge und ihre Freunde es selber damit nicht so genau halten und Andersdenkenden sehr gerne das Wort abdrehen wollen.

Klar, mit der Zeit bewegen sich die Ereignisse weg von der Kleinkriminalität, sie werden größer, ärger, bedrohlicher. Auch das ist schon öfter zu lesen gewesen, ganz selten war da noch Literatur dabei, doch hin und wieder, auch als große Literatur, zu finden. Ja, in anderen Sprachen, wobei anzunehmen ist, dass die junge Frau, trotz fast geschaffter Matura davon noch nie etwas gehört, geschweige gelesen hatte.

Natürlich darf sich die junge Frau, als sie gemeinsam mit ihrem Freund bei einem Einschleichversuch in einem Möbelhaus von der Polizei gestellt werden, als Bonnie und Clyde fühlen, ohne zu wissen wer das sei. Erst nach der Polizeihaft fand sie das Taschenbuch „The strange history of Bonnie and Clyde“. Folgend waren einige Stunden Sozialarbeit bei Neustart mit der Erkenntnis, „Kriminalität lohnte sich“ (Seite 232).

Natürlich darf und kann und soll sie das alles schreiben, nochmals, ich würde ihr nie den „Mund verbieten“.

Was ich nicht verstehe, was ich nicht nachvollziehen kann, ist, dass ein Verlag dieses Manuskript annahm und ein „Buch machte“. Wobei, 2016 erhielt diese junge Frau den BKS Publikumspreis beim Bachmannpreis in Klagenfurt. Ohne von der Jury auch nur im Ansatz in die Shortlist aufgenommen zu sein, gelang es durch die Motivierung und Organisation ihres Freundeskreises, ihrer Community, das Quorum für die notwendige Anzahl der Publikumsstimmen zu erreichen. Und das sollte für den Verlag womöglich reichen, um die Marketingüberlegungen anzustellen und die literarischen Grundsätze abzustellen!

Dann ist es kein weiter Weg mehr, dass Schriftstellerinnen sich ins Zeug legten und plötzlich stellt eine Nobelpreisträgerin fest: „Dass es sowas noch gibt, ich glaub es nicht! Ein wirklich neuer Ton in der Literatur, hier ist er!“

Und dann müssen der ORF, die Zeitungen, das Feuilleton auf den Zug aufspringen, denn man will ja als Ablehnender solcher Machwerke nicht als Nazi hingestellt werden. Das ist das eigentlich Bedauerliche, dass man nicht mehr laut sagen darf, dass etwas ein Schmarrn ist, wenn es ein solcher auch tatsächlich ist.

Ärgerlich ist, dass im Klappentext eine Sybille Berg alle Leser dieses Buches, die damit nicht einverstanden sind, mehr oder weniger zu Nazis erklärt. Diese Überheblichkeit ist so abstoßend, dass ich fast versucht bin, eine Beschwerde beim Verlag einzubringen.

 

Hans Bäck




Im Sog der fliegenden Fische

von Friederike Krassnig mit Mira Jana Krassnig
Rezension von Insa Segebade

Zugegeben - viele Gedichte lese ich nicht. ich schreibe auch keine. Jedenfalls so gut wie keine. Einmal musste ich während meines Studiums des kreativen Schreibens einen kleinen Ausflug in die Welt der Lyrik unternehmen ... und erinnere mich noch gut an das leicht süffisante Lächeln, mit dem mein Dozent mir das Werk zurückgab. Ein anderes Mal fragte ein befreundeter Musiker, ob ich Texte für ihn schreiben könne. Ja, antwortete ich, aber nur französische Texte. Auf Französisch klingt eben alles gut. Poetisch halt.

Aber in diesem Jahr konnte ich bereits zweimal feststellen, dass es sie wirklich gibt: Lyrik, die einen packt. Lyrik, vor der man ehrfurchtsvoll niederknien möchte. Weil sie in 20 Zeilen das zum Ausdruck bringt, wofür ich durchschnittlich 300 Seiten brauche. Weil sie nicht von untergehenden oder aufgehenden Sonnen und fröhlich plätschernden Bächlein spricht, sondern neue und originelle Bilder findet, die doch einerseits so einfach sind und andrerseits die Geheimnisse unseres Universums entschlüsseln - des ganz großen Universums und des kleinen, ganz persönlichen Universums. Und das alles in einer Sprache, in einem Rhythmus, der einen von der ersten Zeile an mitzieht, hineinzieht in einen Strudel, aus dem man gar nicht mehr auftauchen möchte; von dem man sich wünscht, er möge länger sein als 20 Zeilen. Wie die Gedichte von Gabrielle Alioth in ihrem Band "The poet's coat" (der an dieser Stelle nur erwähnt wird) oder die von Friederike und Mira Jana Krassnig in dem Buch "Im Sog der fliegenden Fische", das mir jüngst von den Kollegen des Europa-Literaturkreises Kapfenberg zugeschickt wurde.

Die Sprache von Friederike Krassnig, die gebürtig aus der Steiermark stammt, verwandelt Worte in Musik, etwa wenn sie von Träumen schreibt, "die zum Himmel jagen und des Nachts an Sternen nagen" oder vom "Klingen der Ringe im Baum", von "Ästen, die knarren" oder dem "wurzeltiefen Ineinandertraum" von Pilz und Baum. Große Menschheitsthemen wie Sehnsucht, Trauer, Liebe oder die Endlichkeit des Lebens gehen immer wieder eine Symbiose mit der Natur ein, in der sie sich ausdrücken. Doch nicht alles ist metaphorisch zu sehen; etwa die Zeilen über den beginnenden Frühling oder der Abschied von Luna, der alt gewordenen Katze.

Auf den ersten Blick willkürlich wirkende Zeilenanfänge zerreißen die Sätze, wirbeln gewohnte Lesemuster durcheinander und setzen dadurch neue Schwerpunkte, lenken den Blick auf neue Sichtachsen, so dass Alltägliches an Gewöhnlichkeit verliert, an Tiefsinn und damit die Aufmerksamkeit des Lesers gewinnt.

"Im Sog der fliegenden Fische" wurde ohne Verlag publiziert, ist aber unter der ISBN-Nummer 978-3-9500299-8-7 zu bestellen. Gefördert wurde die Herausgabe des Buches vom österreichischem Bundeskanzleramt und der Stadt Kapfenberg.





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