Rezensionen und Lesetipps

An dieser Stelle weisen wir Sie auf Bücher hin, die auf verschiedensten Wegen zu uns gefunden haben.

Vielleicht können wir mit unseren Besprechungen Ihr Interesse wecken, sie ebenfalls zu lesen.


Rezensionen eingrenzen




Im Sog der fliegenden Fische

von Friederike Krassnig mit Mira Jana Krassnig
Rezension von Insa Segebade

Zugegeben - viele Gedichte lese ich nicht. ich schreibe auch keine. Jedenfalls so gut wie keine. Einmal musste ich während meines Studiums des kreativen Schreibens einen kleinen Ausflug in die Welt der Lyrik unternehmen ... und erinnere mich noch gut an das leicht süffisante Lächeln, mit dem mein Dozent mir das Werk zurückgab. Ein anderes Mal fragte ein befreundeter Musiker, ob ich Texte für ihn schreiben könne. Ja, antwortete ich, aber nur französische Texte. Auf Französisch klingt eben alles gut. Poetisch halt.

Aber in diesem Jahr konnte ich bereits zweimal feststellen, dass es sie wirklich gibt: Lyrik, die einen packt. Lyrik, vor der man ehrfurchtsvoll niederknien möchte. Weil sie in 20 Zeilen das zum Ausdruck bringt, wofür ich durchschnittlich 300 Seiten brauche. Weil sie nicht von untergehenden oder aufgehenden Sonnen und fröhlich plätschernden Bächlein spricht, sondern neue und originelle Bilder findet, die doch einerseits so einfach sind und andrerseits die Geheimnisse unseres Universums entschlüsseln - des ganz großen Universums und des kleinen, ganz persönlichen Universums. Und das alles in einer Sprache, in einem Rhythmus, der einen von der ersten Zeile an mitzieht, hineinzieht in einen Strudel, aus dem man gar nicht mehr auftauchen möchte; von dem man sich wünscht, er möge länger sein als 20 Zeilen. Wie die Gedichte von Gabrielle Alioth in ihrem Band "The poet's coat" (der an dieser Stelle nur erwähnt wird) oder die von Friederike und Mira Jana Krassnig in dem Buch "Im Sog der fliegenden Fische", das mir jüngst von den Kollegen des Europa-Literaturkreises Kapfenberg zugeschickt wurde.

Die Sprache von Friederike Krassnig, die gebürtig aus der Steiermark stammt, verwandelt Worte in Musik, etwa wenn sie von Träumen schreibt, "die zum Himmel jagen und des Nachts an Sternen nagen" oder vom "Klingen der Ringe im Baum", von "Ästen, die knarren" oder dem "wurzeltiefen Ineinandertraum" von Pilz und Baum. Große Menschheitsthemen wie Sehnsucht, Trauer, Liebe oder die Endlichkeit des Lebens gehen immer wieder eine Symbiose mit der Natur ein, in der sie sich ausdrücken. Doch nicht alles ist metaphorisch zu sehen; etwa die Zeilen über den beginnenden Frühling oder der Abschied von Luna, der alt gewordenen Katze.

Auf den ersten Blick willkürlich wirkende Zeilenanfänge zerreißen die Sätze, wirbeln gewohnte Lesemuster durcheinander und setzen dadurch neue Schwerpunkte, lenken den Blick auf neue Sichtachsen, so dass Alltägliches an Gewöhnlichkeit verliert, an Tiefsinn und damit die Aufmerksamkeit des Lesers gewinnt.

"Im Sog der fliegenden Fische" wurde ohne Verlag publiziert, ist aber unter der ISBN-Nummer 978-3-9500299-8-7 zu bestellen. Gefördert wurde die Herausgabe des Buches vom österreichischem Bundeskanzleramt und der Stadt Kapfenberg.




Fernweh sucht Heimweh

von Anneliese Merkač-Hauser
Rezension von Ruth Barg

Fran Verlag, Klagenfurt Celovec

ISBN 978-3-902832-20-7

 

Starke Worte stecken in jedem dieser Gedichte:

Seite 23:     Schutzlos / hängen / Sinn und Bedeutung / auf den Ästen / der Bäume

Seite 14:     Rechts weinen / links Schweigen / vorne Beten und Zittern

Seite 35:     Erinnerungsreste / streifen die Haut

Seite 28:     …die hängen den Traum / auf Halbmast

Seite 16:     Gebrochene Speichen / bohren / ins Herz / Fernweh sucht Heimweh

 

Gelungenes Poemwerk

 

Ruth Barg




Stahl, Seide, Sog & Druck

von Hans Bäck
Rezension von Sigrid Uhlig

Roman

Engelsdorfer Verlag, Leipzig

ISBN 978-3-96145-876-9

 

Stahl

Hart wie Stahl die beiden Protagonisten Andreas und Ferdinand. Langjährige Freunde, wobei Ferdinand immer etwas im Schatten von Andreas steht.

Gute Schulbildung, Studium, bekommen beide im gleichen Ort und der gleichen Firma eine Anstellung und arbeiten sich hoch. Sie sind begeistert von dem was sie tun und überlegen, wie sie nicht nur für sich, sondern auch für das Werk bestmögliche Ergebnisse erzielen können mit dem Temperament der Jugend, am liebsten die ganze Welt verbessern!

Ein Auftrag langt ein. Auf Grund des Umfanges und der begrenzten Räumlichkeit müsste er abgelehnt werden. Andreas und Ferdinand finden eine Lösung und reichen sie bei der Konzernleitung ein. Andreas beginnt mit den Vorbereitungen. Dazu brauchen sie die Zusammenarbeit mit weiteren Werksabteilungen und einer italienischen Firma. Ferdinand ist der Bodenständigere. Er kümmert sich um die innerbetrieblichen Angelegenheiten, während Andreas die Verhandlungen in Italien übernimmt.

 

Seide

Ferdinand ist verheiratet. Die Firma beansprucht seine ganze Kraft. Für seine Frau Michaela und seine Kinder hat er kaum Zeit. Viel anders geht es Andreas mit seiner Partnerin Celia auch nicht. Celia arbeitet in Italien in der Seidenindustrie. Ab und zu ergaunern sie sich etwas Freizeit zwischen den Dienstreisen.

Interessante Menschen kreuzen dabei ihre Wege. Viel Persönliches erfahren sie über Land und Leute und wie die Politiker nach dem 2. Weltkrieg in den Grenzgebieten Österreich, Italien, Jugoslawien mit bestimmten Volksgruppen umgegangen sind, etwas, das so nicht bekannt und in keiner Presse zu lesen war.

 

Sog

Theater- und Galerienbesuche, Bergsteigen, Bücher lesen und die Treffen mit Ferdinand und seiner Familie werden immer weniger, was bei allen Beteiligten Unzufriedenheit aufkommen lässt.

Nach mehrfachen Nachfragen und Berichterstattungen über den Stand der Vorbereitungen des Projektes gibt es vom Generaldirekter des Konzerns endlich die Zusage. Sie dürfen das Projekt einführen, aber zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben. Außerdem wird ihnen die Herstellung um die Hälfte der Zeit gekürzt. Sie fühlen sich in einen Strudel gerissen, der sie forttreibt. Doch wohin? Noch weniger Freizeit. Noch weniger Zeit um die persönlichen Batterien wieder aufzuladen.

 

Druck

Sie schaffen es, das Projekt termin- und qualitätsgerecht fertigzustellen auf Grund ihrer eigenen guten Vorbereitung und der vorbildlichen Zusammenarbeit mit den italienischen Kollegen. Seit Bestehen des Konzerns ist es der größte Gewinn, der eingefahren wird.

Kein Dankeschön, keine Prämie, keine Lohnerhöhung für Andreas und Ferdinand. Stattdessen wurde es als gute Leitungstätigkeit dargestellt und im gleichen Atemzug die Ankündigung von Entlassungen. Bestimmte Träume hatten Andreas und Ferdinand noch nicht verloren. Bevor die Entlassungswelle los ging, kündigte Andreas, um anderen Kollegen den Arbeitsplatz zu erhalten. Er baute seine eigene Firma als Unternehmensberater auf. Später folgte Ferdinand und stieg bei Andreas ein.

Celia stirbt an Krebs. Warum? Die Arbeit war ihr wichtiger als zum Arzt zu gehen. Andreas stürzt sich noch mehr in die Arbeit. Michaela und Ferdinand helfen ihm, seine Trauer zu bewältigen.

Ferdinand fällt es schwer, bestimmte Angewohnheiten abzulegen. Er möchte ein neues Leben mit einer anderen Frau beginnen. Michaela erfährt es von ihr.

Ferdinand verlangt die Auflösung der Firma und die Auszahlung seiner Anteile. Obwohl die Freundschaft durch Ferdinands Verhalten einen kräftigen Riss erhielt, bleiben sie Freunde.

Andreas lernt eine neue Frau kennen. Beide wollen heiraten. Andreas kann es sich leisten, kürzer zu treten, so dass es wieder mehr Raum für die Freizeitgestaltung gibt. Andreas künftige Frau Anna wohnt in Mailand. Beide überlegen, wer zu wem zieht. Mit der Abgeklärtheit des Alters lassen sie sich Zeit mit der Entscheidung. Anna zählt ihm die Vorzüge und Nachteile Italiens und Österreichs auf, wobei seine Heimatstadt besser abschneidet.

 

Bemerkenswert finde ich den Schreibstil. Handlungen und Gespräche erfährt man in Form der direkten Rede.

Es bleibt das Scheitern – die bittere Erkenntnis! So würde ich es nicht sehen. Es ist alles offengelassen. Ich hätte nichts dagegen, gäbe es einen dritten Teil.

 

Jugoslawien, in meiner Erinnerung gehörte es zum sozialistischen Lager, wobei Tito eine Sonderstellung als Außenseiter einnahm. Ganz schlimm empfand ich das Auseinanderfallen der Staaten nach Titos Tod. Serben, Kroaten, Albaner wohnen friedlich Haus an Haus. Von einer Sekunde zur anderen sind sie Feinde. Nur die Politik bringt so etwas zustande.

Liebe Leser, in diesem Roman wird Ihnen vieles sehr bekannt vorkommen. Sie fühlen sich nicht abseits, sondern mitten drin im Geschehen. Hans Bäck stellt fest, weder der Kapitalismus noch der Sozialismus sind die wahren Gesellschaftsordnungen. Aber welche würde alle Menschen glücklich machen? Oder müssen wir einsehen: „Jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann?“

 

Sigrid Uhlig

Ellerbreite   

D 06847 Dessau




Henrys Wendejahre. Roman eines Werdegangs

von Kay Ganahl
Rezension von Dagmar Weck

Taschenbuch, 288 Seiten

Grille Verlag, Uckerland

ISBN 978-3-947598-03-8

 

Mit einem Vorwort von Dr. Manfred Luckas

 

Der Autor Kay Ganahl begleitet in seinem Roman Henrys Wendejahre seinen Protagonisten Henry Schlock mit tiefem Einfühlungsvermögen bei Henrys Versuchen, nach der Wende 1989 in einem für Henry völlig veränderten Alltag sein neues Leben zu begreifen.

Vor der Wende hat Henry als Agent beim Staatssicherheitsdienst der DDR gearbeitet. Als die DDR aufhörte zu existieren, findet Henry im Westen eine Stelle als Angestellter bei der Organisation Stempel.

„Jemand wie Henry kann sich nicht so einfach als Bürger des Gegenwartsdeutschland fügen“, beschreibt der Autor Henrys berufliche und private Bemühungen, in einem einzigen Deutschland wieder so eine bedeutende Rolle zu spielen, wie er sie in der DDR ausfüllte.

Der Autor steht Henry nahe, aber er kann seinem Protagonisten nicht helfen. Kay Ganahl muss innerhalb dieser Nähe eine gewisse Distanz wahren, nur so kann er dem Leser die existenzielle Zerrissenheit des Henry nahe bringen.

Henry sucht das Äußerste: sie, seine neue Identität, die das harmonische Bild des Henry Schlock zeigt, das andere Menschen und er selbst von ihm bewundernd ansehen sollen.

Auferlegt hat der Staat DDR Henry seine alte Identität: sicher war ihm dort sein Ansehen als Agent der Staatssicherheit, ebenso seine Ehre im privaten Auftreten. Keinen Zweifel erlaubte seine Sprache an ihm selbst und an seinem damaligen Staat, dem er dienen durfte, er war ein ganzer Henry.

Die Macht des Staates machte Henrys Wertschätzung aus, die andere Menschen ihm gaben und die er sich selbst schenkte. Henrys Porträt seiner Person unterlag also einer Kontrolle, er liebte diesen Zustand. Die DDR löste sich auf, damit kippte Henrys Leben.

Sehr einfühlsam und differenziert bringt Kay Ganahl dies dem Leser nahe. „Ich weiß genau, warum ich lebe, die Gerissenheit meines Handelns gepaart mit der Zerrissenheit meiner Seele tragen zu einem lang andauernden wilden Erfolg bei“, sagt Henry zu sich selbst.

Ein einsamer Henry klammert sich an seine Illusionen im einst geteilten Deutschland. Er meint, er müsse die kapitalistische Gesellschaftsstruktur bekämpfen, die Realität im neuen Deutschland versteht er nicht. Alte Ideale, vergangene Bilder toben in ihm, er ist nicht in der Lage, sich an etwas oder an Menschen zu binden und eine neue Identität zu wagen.

Eine neue brauchbare Perspektive findet er nicht.

Henry leistet seinen Dienst bei der Bundeswehr ab, auch hier lassen ihn die Bilder der DDR nicht los. Henry sieht sich in der Bundeswehr als Agent, er sucht heimlich nach Fehlern, Mängeln, hofft auf Anerkennung.

Henry will Menschen beherrschen, in diesem Deutschland kann er sich nicht einordnen und ein Zuhause finden. Beherrschen will er Menschen, aber niemand hat ihm dazu einen Auftrag gegeben, also gibt er auch den Menschen, denen er begegnet, nichts.

Er weiß nicht, wie sich Freundschaft anfühlt, was Vertrauen ist. Zu Freiheit und Lockerheit kann er keine Beziehung aufbauen.

Der Autor vertraut dem Leser, diese Verhaltensweisen von Henry aus seinem Roman zu entschlüsseln.

Mit Gertrude-Hilde vermag Henry sich nicht liebevoll zu verbinden, er zweifelt. Der Autor führt den Leser zu der Erkenntnis: wann wird Henry erkennen, dass er sich selbst lieben darf?

Als wohltuend empfinde ich das Mitgefühl, das Kay Ganahl seinem Henry entgegen bringt.

Henry hat über seine alten inneren Bilder eine große Macht, sie haben auch über ihn Macht, weil er sie nicht los lässt, er verehrt sie. Eine fatale Abhängigkeit zwischen Henry und seinem selbst entworfenen Spiegelbild, das kein wirklicher Spiegel zeigt, ist entstanden.

 

Henry spiegelt sich auch in der literarischen Figur des Theo Gantenbein aus dem Roman ‚Mein Name sei Gantenbein’ von Max Frisch wider.

Henry gleicht auch dem literarischen Anatol Ludwig Stiller aus dem Roman ‚Stiller’ von Max Frisch. Anatol, Theo und Henry wissen nicht genau, wer sie sind, wo sie sich suchen sollen.

Kay Ganahl hat einen menschlich bewegenden Roman geschrieben.

Auch der Leser sucht oft nach seinem eigenen Ebenmaß.

 

Dagmar Weck




Der Koffer der Adele Kurzweil

von Manfred Theisen
Rezension von W. Mayer-König

Clio Verlag, Graz 2018, 240 Seiten, gebunden,

ISBN : 978-3-902542-59-5

 

Kommt man am Wohnhaus Schröttergasse 7 in Graz vorbei, stößt man auf einen Stolperstein mit der Inschrift „Hier wohnte Adele Kurzweil Jg.1925 Flucht 1938 Schweiz/Frankreich Interniert Drancy Deportiert 1942 Ermordet in Auschwitz“. Hier findet sich trocken und knapp eines der grausamsten wie berührendsten Schicksale zusammengefasst, wie es vielen jüdischen Kindern und Jugendlichen widerfahren ist. 1991 wurde auf dem Dachboden einer Polizeistation in Auvillar ein Zufallsfund entdeckt: ein Koffer voll mit anmutigen Zeichnungen und Modeskizzen, angefertigt vom 17 jährigen Mädchen Adele Kurzweil, und oben auf liegend ein Zettel mit dem kurzen handschriftlichen Text: „Ich heiße Adele, sucht mich nicht, ich existiere nicht, ich existiere nicht mehr. Ich heiße Adele, 17 bin ich, 17 Jahre für immer, 17 Jahre für die Ewigkeit“. Die Wirklichkeit dieser Worte ist so ungemein stark, dass es keiner erfundenen Rahmenhandlung bedurft hätte, wie sie der Autor für sein teils belletristisches teils faktenorientiert sachliches Buch wählt. Die Wirklichkeit ist stets aussagekräftig genug, und braucht nicht mutwillig spannend oder aktuell gemacht zu werden. Vergangenem mit erfundenen Rahmenhandlungen die Chance zu geben, in der Lebenswelt des heute lebenden Lesers verankert zu werden, kann deshalb rasch fehlschlagen, weil das Grauen länger nachwirkt, als man es zu verdrängen glaubt. Eine erfundene Rahmenhandlung bleibt also in der Regel hinter der literarisch gekonnten, und nicht mutwillig kostbar gemachten, Wirklichkeit zurück. Manfred Theissen hat sich in verdienstvoller Weise der Spurensuche von einigen Grazer Jugendlichen angeschlossen und sie sich nutzbar gemacht, als sie im Jahr 2000 nach Montauban aufgebrochen sind, um den Schicksalsweg Adeles nachzuzeichnen. Ergebnis war eine Ausstellung und zwei Bücher verschiedener Autoren. Vor allem bei der Rahmenerzählung ist einerseits die Sprache literarisch nicht ganz ausgereift, andererseits fehlt der Beschreibung von Mara und Philipe entsprechende psychologische Tiefe. Weder die seelischen Vorgänge noch die Handlungszusammenhänge sind schlüssig ausgestaltet, umso mehr müssen sie hinter das selbstredende und selbsterklärende sprachliche Gewicht des Faktischen, also der Tatsache zurücktreten. Auch die Darstellung der Liebesbeziehung zwischen Mara und Philipe ist kraftlos und nicht im Stande, Anteilnahme beim Leser zu erreichen. Die stilistische Dichte wechselt mehrmals während des Buchinhaltes. Vor allem wird auf den letzten fünfzig Seiten der Ton eines Kriminalromans angeschlagen, und obschon sich das restlos erschütternde  Ende einer hoffnungslosen Wirklichkeit abzeichnet, verzettelt sich der Autor in einer flachen, geradezu aufgesetzten Sprache. Dem Autor Theisen, Jg.1962, der sich mehrere Jahre in der Sowjetunion aufhielt, und dann in Äthiopien eine Entwicklungshilfe-Organsisation leitete, hätte man, vor allem auf Grund vorauszusetzender Lebenserfahrung, mehr sprachliche Immaginations- und Vermittlungsfähigkeit zugetraut, zumal die Fakten und Tatsachen der Geschichte von Adele Kurzweil, sich wie ein elektrischer Schlag an den Leser weiterleiten könnten. Was viel zu wenig behandelt wurde, ist die Auswirkung der „Nürnberger Rassengesetze“ und der „Wannseekonferenz“ auf das jüdische Einzelschicksal; die pädagogisch und human pionierhaften Hilfeleistungen Ernst Papaneks im Heim für jüdische Flüchtlingskinder; die Täuschung des Vertrauens in die von Petain proklamierte Souveränität Frankreichs; die nicht rasch genug ausgestellten, rettenden Visas, um Razzien und Deportationen zuvorzukommen; das zwar ausgestellte, aber von den Behörden in letzter Sekunde wegen Überbelegung behördlich verweigerte Affidavit durch Nelson Morris - alles also unüberbietbar spannende, weil wirkliche Ereignisse, die in diesem Buch weitgehend literarisch unbearbeitet und daher ungenutzt bleiben. Was vor allem jedoch diesem Buch empfindlich fehlt, ist die Beschreibung dieser auch in Gaskammern nicht zerstörbaren jugendlichen Zartheit zu begegnen, über die nach gleich welcher bestialischen Befriedigung der Todesschergen, niemand, nie und nimmer Herr werden konnte. Weil da etwas war, was über sie hinausging, nämlich das nachhaltig ergreifende Schicksal der Jugend.

Das Buch eignet sich für Jugendliche ab dem 15. Lebensjahr, ist aber vor allem wegen anhaltender Stilbrüche und versäumter Möglichkeiten für anschaulichen Geschichtsunterricht nicht besonders nachdrücklich zu empfehlen.

 

Wolfgang Mayer König





Einträge 6 bis 10 von 52  |  Weitere ->