Rezensionen und Lesetipps

An dieser Stelle weisen wir Sie auf Bücher hin, die auf verschiedensten Wegen zu uns gefunden haben.

Vielleicht können wir mit unseren Besprechungen Ihr Interesse wecken, sie ebenfalls zu lesen.


Rezensionen eingrenzen




Mutter. Chronik eines Abschieds

von Melitta Breznik
Rezension von Hans Bäck

Luchterhand ISBN 978-3-630-8750-4

 

Melitta Breznik, in Kapfenberg geboren, AHS Matura, Medizinstudium in Graz und Innsbruck, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, lebt in der Schweiz.

Seit Jahren lässt Breznik immer wieder mit ungewöhnlichen Büchern aufhorchen. Ungewöhnlich, da sie immer wieder – und nicht nur zwischen den Zeilen – ihren Beruf durchleuchtet. Sie ist eine begnadete Schriftstellerin, welche anscheinend die Doppelbelastung - oder doch besser Doppelbegabung - anscheinend immer wieder bewältigt.

Nun legt sie einen schmalen Band vor – gerade einmal 160 Seiten – um vom Sterben ihrer Mutter zu berichten. In der Flut von Büchern zu diesem Thema, die nicht nur seit Corona über uns hereinbrechen, ist das eine wohltuende Ausnahme. Natürlich, es geht um das Abschiednehmen, das Loslassen, es geht um die alltäglichen Belastungen, welche auf die pflegende, begleitende Tochter hereinbrechen. Es geht auch um die Frage, was kann, darf, soll eine Tochter, die eben zufällig Ärztin ist, der unendlich leidenden Mutter an Erleichterung verschaffen. Ja, es wird ausgesprochen: An eine Verkürzung des Leidens denken? Das nehme ich als Rezensent vorweg, trotz der Möglichkeiten in der Schweiz, in der die Autorin lebt, wird das nicht vorgenommen. Erleichterungen ja, aber selbst die Verabreichung von Schmerzmitteln wird zur Überlegung „Wo beginnt die aktive Sterbehilfe und wo ist sie passiv, beeinflusst doch die kleinste Handlung den Sterbeprozess, jedes Geben oder Weglassen einer Schmerztablette, einer Infusion oder einer Beruhigungstablette.“ (S 129).

Die Autorin verschweigt auch nicht die psychischen und physischen Belastungen, die sich ergeben, die Belastungen durch „gutgemeinte“ Hilfsangebote, das Beharren der Mutter, möglichst lang selbstbestimmt zu bleiben – ohne es als Sturheit zu bezeichnen, das wäre die herkömmliche, ortsübliche Aussage des Außenstehenden. Doch das kommt im Wortschatz von Breznik nicht vor. Sie hat als erfolgreiche und arrivierte Autorin ein anderes Repertoire zur Verfügung.

Und sie lässt den Leser teilhaben an der Stille, welche die beiden Frauen in den Nächten umfängt, aber auch an den hellen Tagen, wenn die Mutter, erschöpft von den Mühen der Morgentoilette, wieder einschläft und die Tochter ebenso erschöpft die Stille in sich aufnimmt.

Eine Studentin der Uni Wien fragte den Rezensenten anlässlich eines Telefongespräches, wie autobiografisch die Texte von Melitta Breznik seien. Nun, nach einer Rücksprache mit einer der Helferinnen, die auch im Buch erwähnt wurde, ist dieses Abschiednehmen sehr genau und umfassend beschrieben. Es stellt sich jedoch die Frage, warum will das jemand wissen? Jemand, der die Autorin nicht kennt, womöglich nur vom Buch gehört hat? Was bedeutet für einen Leser, eine Leserin noch dazu eine junge aus der nächsten Generation, die Authentizität eines Textes? Ich habe der Anfragenden nur die Antwort gegeben, dass mit großer Wahrscheinlichkeit die meisten Texte der Schriftsteller irgendwo autobiografisch sind, ob sie damit auch schon authentisch sind, ist eine andere Frage. Beim Buch von Melitta Breznik halte ich persönlich die Frage nach dem „Umfang“ der Autobiografie für unanständig. Die Autorin legt hier einen ganz entscheidenden Abschnitt, zeitlich ja nur ganz kurz, vom 17. Oktober bis zum1. Dezember, ihrer Mutter-Tochter Beziehung dar und lässt den Leser Einblick nehmen in den großen Abschied, der in irgendeiner Form uns allen bevorsteht. Der große Abschied, der ein stilles Hinübergleiten sein kann, ein fürchterliches Aufbäumen, ein theatralisches Abtreten, egal, es bleibt ein ganz persönliches, intimes „Fortreisen für immer“ (Seite 158).

Es wäre schön, diesen Text auch von der Autorin persönlich einmal vorgetragen zu bekommen. Immerhin, ihr letzter öffentlicher Besuch in ihrer Heimatstadt liegt auch schon wieder 7 Jahre zurück. Wäre das eine Anregung, liebe Fr. Dr. Breznik?

 

Hans Bäck




Der ewige Faschismus

von Umberto Eco
Rezension von Hans Bäck

Hanser Verlag

 

Auf der Suche nach italienischer Literatur fand ich in unserer Stadtbücherei leider nur die Bücher der Elena Ferrante aber sonst nichts von den Schriftstellern die ich suchte. Aber als Ersatz oder Trostpreis fiel mit ein schmales Bändchen von Aufsätzen des 2016 verstorbenen Umberto Eco in die Hände. Und das war ein Glückstreffer! Fünf Vorträge des großartigen Schriftstellers, Wissenschaftlers und Denkers aus den Jahren 1995, 1997 und 2012! Eingeleitet von Roberto Saviano, jenem unerschrockenen Journalisten der die Machenschaften der Cosa Nostra aufzeigte und auf Initiative Ecos jenen Schutz erhielt, dem er es verdankt trotz der Morddrohungen der Mafia heute noch zu leben.

Unglaublich, wie Eco sich mit den wichtigen Themen unserer Zeit auseinander setzte. Welcher Geist da verloren ging, als er 2016 starb können wir an diesen Aufsätzen ein wenig ermessen.

„Der ewige Faschismus“ „Die Migration des dritten Jahrtausends“ „Intoleranz“ „Ein neuer Vertrag von Nimwegen“ und „Experimente in reziproker Ethnologie“ so die Titel der Aufsätze. Jeder einzelne Anregung, die herauf dämmernden Zeichen der Unzeit zu erkennen!

Zwar nur knapp über 70 Seiten, aber was für welche!

In der Stadtbücherei Kapfenberg auszuborgen oder über die Buchhandlungen zu kaufen.

Bestens geeignet, die zweite Corona-Welle lesend zu übertauchen!

 

Hans Bäck




Aufruhr

von Michael Scharang
Rezension von Hans Bäck

Roman, Suhrkamp

ISBN 978-3-518-42928-0

€ 24,70

 

Na endlich, ein neues Buch von Michael Scharang! Das muss man ihm schon lassen, von einem Buch zum anderen lässt er sich sehr viel Zeit und das ist auch gut so: Denn Scharang ist nicht einer jener, die pausenlos, im dreiviertel Jahresrhythmus ein Buch nach dem anderen „herausjagen“.

Daher sind seine Bücher immer wieder – zumindest von mir – erwartet und, wenn sie dann da sind, neugierig angenommen.

 

Dr. Maximilian Spatz - Ein Psychiater, geboren in Wien, wirkend in New York wird Zeuge eines unglaublichen Mordes, und verwickelt die Mordkommission in ein Gespräch mit der Folge, dass er nie mehr näher befragt oder einvernommen wird.

Verwicklungen bahnen sich an, doch da kommt unverhofft die Freigabe der Universitätsklinik an der Dr. Spatz tätig ist für ein Sabbatical. Er bricht nach Wien auf, kommt zurecht, um einer jungen Frau beizustehen, die als gewerkschaftsunabhängige Betriebsrätin in einen Arbeitskonflikt verwickelt ist.

Scharang wäre nicht DER Scharang, den wir kennen (und schätzen) wenn er nicht dabei seine bewährten, Altlinken Gedanken und Ideen einbringen würde. Doch halt, Vorsicht, das ist ein ganz anderer Scharang, zumindest bis etwa Seite 200. Ich gebe gerne zu, ich habe selten so gelacht in der letzten Zeit bei den Neuerscheinungen die gelesen habe. Seitenweise dachte ich, ich lese einen Schelmenroman. Mit welch köstlichem Humor der Autor die Rückkehr des Dr. Spatz in seine Heimatstadt schildert, die Begegnungen, den Aufbau eines „Netzwerkes“, alles um seiner frisch kennengelernten Anna in ihrem Arbeitskampf zu helfen. Seine Partner und Mitstreiter, die Schilderungen, wie er jene „aufsammelte“ ja, wirklich, ein ganz neuer Scharang. Einfach köstlich und dabei nicht einmal versteckt verpackt die Gesellschaftskritik, die man bei diesem Autor ja wohl erwarten darf. Und urplötzlich kippt der Roman ins Unvorstellbare. Das Netzwerk, die „Gruppen“ die sich aufmachen, die eine Bewegung in Gang setzen – nun heutzutage sollte man mit dem Begriff Bewegung sparsamer umgehen, ich bleibe daher bei den Gruppen, die etwas in Gang setzen. Eine Betriebsversammlung im Kaufhaus, in dem Anna bisher als Betriebsrätin auf verlorenen Posten stand, ändert alles. Fernsehen wird aufmerksam, die Menschen vor den Schaufenstern werden aktiv miteingebaut. Die skurrilen Mitstreiter von Dr. Spatz und Montefiori, und Philipp Zappel, sowie Anna, sie entfachen ein Feuerwerk – ja sogar ein tatsächliches, am Dachgeschoß der „Krone“ doch das kommt erst viel später. Alles scheint sich so zuzuspitzen, wie geplant und gewollt. Die österreichische Regierung geht vorerst einmal für drei Monate in die Slowakei ins Exil. Das Interregnum der arbeitenden Klasse bricht aus, das befürchtete, erwartete, herbeigeschriebene Chaos bleibt aus – so dass alle Protagonisten endlich aufbrechen können, zurück nach New York, wo Freddy, der Wirt jener Kneipe in welcher der eingangs geschilderte Mord geschah, alles vorbereitet hatte, um die Rückkehrer aufzunehmen: Dr. Spatz mit Anna, Montfiori mit Zerlina, der Ex-Frau von Dr. Spatz, Philipp und dessen Freundin, nur David Intrator blieb in Wien bei Frau Ehrenreich, und man sah wie „Frau Ehrenreich und ich gingen Hand in Hand zu Otto Wagners Postsparkassengebäude, standen davor, umkreisten es, standen wieder davor und ließen die Schönheit auf uns wirken, bis unsere Gemüter sich aufgehellt hatten.“

Und inzwischen ist in einem fiktiven Österreich, dessen Regierung nicht zurückgekommen ist, das Arbeiterparadies ausgebrochen. „Das ganze Land versinkt in einem Meer von schwarzen Fahnen. Die Hotels waren von Medienleuten aus aller Herren Länder ausgebucht. Bilder wurden ausgestrahlt, wie sie die Welt noch nie gesehen hatte.“

Michael Scharang, natürlich der konsequente, unerschütterliche Altlinke hat hier ein Buch vorgelegt, das in seiner Komik und in seiner Voraussicht fast ein wenig verzaubert. So auf die Art „So könnte es sein“, wenn auf Seite 209 steht: „Wir sind Nullen, und wir beginnen bei null. Alles ist kaputt, die Arbeiterbewegung, die Studentenbewegung, die kommunistischen Parteien, die Gewerkschaften. Wir haben es leicht. Wir wissen, was unsere Vorgänger richtig und was sie falsch gemacht haben. Ihr Fehler war, dass sie den Kampf eingestellt haben, bevor er gewonnen war. Sie haben Waffenstillstandsangebote akzeptiert, die Waffen niedergelegt – und sind erschossen worden. Wir werden unerbittlich sein: kein Frieden mit den Kriegsfreunden, keine Freundschaft mit den Menschenfeinden.“

Ein wunderbares Buch, das nicht nur skurril ist, sondern sehr nachdenklich macht. Die Altersweisheit des Autors hat noch immer nicht seine revolutionären Ideen milde gestimmt. Vielleicht ist das auch gut so!

 

Hans Bäck




Sonnenblumengeflüster

von Sigrid Uhlig
Rezension von Hans Bäck

Short Stories

Engelsdorfer Verlag Leipzig

ISBN  978-3-96145-864-6

 

Da flüstern sie also, die Sonnenblumen, aber nicht nur diese. Es geht querbeet – wie man in Deutschland sagen würde. Nicht nur die Sonnenblumen, auch die Moosmännchen, viele Tiere, vom Hund beginnend, der drei Beine hatte, bis zu den Ratten, schließen eine geheimnisvolle Welt auf. Das ist nicht nur eine Welt der Kinder oder für Kinder. Da geht es manchmal ganz schön zur Sache, wird richtiggehend kriminell oder wie unser österreichischer Nestroy sagen würde: Kriminalisch!

Einblicke in das Leben der Autorin, versteckt zwischen einzelnen Überschriften oder in Kapitelinhalten. Man erfährt Verschiedenes dazwischen, mehr oder weniger nebenbei. Flucht fast noch als Baby, Verlust der Familie, Neuanfang DDR, Wende, Mauerfall, die gesamte 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts schreibt in diesen short stories mit. Ist ja auch kein Wunder. Was hat uns, die wir das erleben konnten, da nicht alles geprägt und beeinflusst. Sagen wir heute, „gut, dass es vorbei ist“ oder doch die andere Sichtweise „Nun, so schlimm war es gar nicht, denn wer hatte jemals damit gerechnet, dass unerschütterliche festgefügte Kolosse so in sich zusammenbrechen würden!“

Das alles ist unsere Geschichte und die Autorin ist auch ein Teil dieser Geschichte. Ein wenig verschämt führt sie immer wieder – auch nun zwischen den Zeilen – ihr Alter an. Na und? Liebe Sigrid! In Ehren und gut alt geworden, das ist in unserem Zeitalter doch etwas! Da kann es schon passieren, dass die köstlichste Geschichte des gesamten Bändchens unverdient weit hinten eingereiht wurde: Heilloses Durcheinander. Ein Kabinettsstückerl des Spiels mit der Sprache.

Wen stört es, dass der Weihnachtsmann mit seinem Gefolge auftaucht, der Osterhase ebenso? Die Autorin beschäftigt sich seit Jahren damit, den Kindern in ihrer Wohnstadt die Möglichkeiten zu eröffnen, selber zu schreiben (Die Hamster), sie hat auch in Kapfenberg bei ihren Besuchen in den Volksschulen immer wieder solche Schreibaktionen angeregt und begleitet. Und wenn es in der DDR - in dem Staat wurde sie immerhin sozialisiert, hatte die meisten Jahre ihres Lebens dort verbracht - kein Christkind sondern den Weihnachtsmann gab, so ist das der Gesellschaft zuzuschreiben. Ich weiß schon, wir in unserem barocken Österreich kämpfen (leider vergeblich)um weihnachtsmannfreie Zonen, wir wollen unser Christkind behalten!

Bei aller Liebe zu den Menschen, der kritische Blick auf die allzu menschlichen Seiten des Lebens, den erspart sie uns auch nicht.

Liebe Sigrid! Du hast uns da ein Kästchen eingelegt. Und aus deinen so geliebten Märchen, wissen wir, in so geheimnisvollen Kästchen kann unterschiedlichstes verborgen sein. Lieber Leser, geh auf Entdeckungsreise, Sigrid nimmt dich an der Hand und führt dich durch Länder, von denen du nicht gedacht hast, dass es die noch gibt – in der Literatur zumindest. Schön, diese Entdeckungsreise, wenn dabei auch nicht immer dem Zeitgeist entsprochen wird.

 

Hans Bäck




Plädoyer eines Märtyrers

von Peter Veran
Rezension von Hans Bäck

Eine Groteske

Pro Media Verlag, ISBN 978-3-85371-471-3

 

Der ehemalige Bundeskanzler, Engelbert Dollfuß, wird exhumiert und vor ein österr. Gericht des 21. Jahrhunderts gestellt. Dollfuß bekommt eine Chance, sein Verhalten in den Jahren der austro-faschistischen Diktatur zu „rechtfertigen“. Soweit die Idee des Autors, der als Jurist natürlich prädestiniert ist, solche Vorhaben umzusetzen. Dass Peter Veran als Angehöriger der steiermärkischen Arbeiterkammer naturgemäß rein von der Ideologie her nicht unbedingt auf der Seite des „Angeklagten“ stehen wird, ergibt sich von selbst.

In der Einleitung, im ersten Abschnitt „Die Verantwortung“ wird in aller Kürze dargelegt, wofür sich Dollfuß zu verantworten hätte. Eine beachtliche Speisekarte, ohne auf die Details einzugehen:

Verbrechen gegen Leib und Leben,

Verbrechen gegen den Staat,

Angriffe auf die obersten Staatsorgane,

Verbrechen gegen die Freiheit,

Verbrechen gegen den Frieden,

Strafbare Verletzung der Amtspflicht und Korruption,

Strafbare Handlungen gegen die Rechtspflege,

Verbrechen gegen das Vermögen ...

Dollfuß beginnt ganz logisch und vom Ablauf her korrekt mit dem Jahr 1918. Mit dem Einzug der ersten frei gewählten Abgeordneten in das neugewählte Parlament. Natürlich muss der Angeklagte bereits in dieser Phase zeigen, welch Geisteskind er war. Die Seitenhiebe auf die erstmals auch passiv wahlberechtigten Frauen und deren Einzug ins Parlament, genüsslich kommentiert er das Geschehen, die ersten Debattenbeiträge der Frauen, auch jener aus den eigenen Reihen (heute würde das als Gesinnungsgemeinschaft bezeichnet werden), die erste Verfassung des Jahres 1920 von Kelsen mit den unvermeidlichen antisemitischen Seitenhieben auf diesen. Doch das soll gelesen und nicht hier ausführlich dargelegt werden. Dollfuß lässt in seiner Rede vor dem Gerichtshof des Jahres 2020 nichts aus, das heißt aber auch, dass der Autor penibel recherchierte bevor er sich dran machte, dem ehemaligen Bundeskanzler ein Plädoyer in den Mund zu legen. Über Kelsen, dessen Verfassung, die Rolle der Sozialisten im Parlament, in der Öffentlichkeit, den Wiener Bürgermeister Seitz, bis hin zu den Entwicklungen die letztlich zum Februar 1934, zum Bürgerkrieg führten. Für alle Nachgeborenen immerhin ein ziemlich umfangreicher Geschichtsunterricht über die Probleme der Ersten Republik. Wobei Dollfuß in seinem Sermon nie ein Hehl daraus machte, dass ihm die Republik oder die demokratische Staatsform von Anfang an zuwider war. Zeitgeist hin oder her, die Lage in den Jahren nach 1918 war in allen europäischen Staaten, egal ob Siegermächte oder Verlierer (der Rest ist Österreich) – sagen wir einmal so: ziemlich unübersichtlich. In Italien reckte der Faschismus seinen scheußlichen Schädel aus dem Schlamm der Not der Menschen, die Weimarer Republik, auch eher ein hilfloses Konstrukt als eine Möglichkeit der Not der Bevölkerung eine Hilfe zu sein, in Ungarn das Horthy Regime, an der Südgrenze der neue Staat, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das seit seinem Beginn an den Nationalitätenwirren zu arbeiten hatte (und die auch nicht regeln konnte). Lediglich die Schweiz als unverrückbarer Haltepunkt im europäischen Geschehen ging der ureigenen Schweizer Beschäftigung nach: Mehrung des Wohlstandes. Die Tschechoslowakei stellte eine einigermaßen gefestigte Demokratie dar, sorgte aber mit der schon in Ansätzen erkennbaren Diskriminierung der österreichischen/deutschen Minderheit, den Sudeten, für Unmut. All das und viele andere Umstände führten letztlich dazu, dass sich im „Rest, der Österreich“ war, die Situation der Menschen ständig verschlechterte. Die Goldenen Zwanziger Jahre in Mitteleuropa werden von Dollfuß und daher auch vom Autor (bewusst?) ausgeklammert.

Die berüchtigte Rede am Trabrennplatz, der Heimwehrschwur von Korneuburg, der Prozess um die Opfer von Schattendorf, der darauffolgende Brand des Justizpalastes, alles wird vom „Angeklagten“ geschildert und aus seiner Sicht dargestellt. Man ist als Leser versucht, den Zwang der Verhältnisse zu bemerken, wenn nicht der Autor in seiner Wahl der Darstellung alles wieder ins – nein nicht rechte, sondern linke –Licht rücken würde.

Über die Abläufe des Februar 1934, den Folgen danach und allem was damit im Zusammenhang steht sind Kilometer an Buchlängen in den Bibliotheken und Geschichtsinstituten enthalten. Da bekommt der Leser vom Autor auch nichts Neues vorgelegt. Auch der Herr Dollfuß hat dazu keine neuen Erkenntnisse beizusteuern. Der spätgeborene Leser fragt sich an dieser Stelle dann schon einmal „aha und warum?“

Doch es sei, das Buch ist das, der Autor nennt es selbst eine Groteske. Die Urteile der Standgerichte, die nachfolgenden Justifizierungen werden so dargestellt, als ob die Gerichte, die Polizei, das Bundesheer also der gesamte Staat, gar keine andere Wahl gehabt hätten. Gut, aus der Sicht des damaligen Bundeskanzlers. Doch aus der Sicht des Historikers? Damit stellt sich für den Rezensenten die grundsätzliche Frage, wie es mit der Befehlsgewalt, der Verpflichtung zur Erfüllung von Befehlen im Prinzip steht. Der Rezensent macht kein Hehl aus seiner grundsätzlichen Abneigung gegen alles Militärische, da seiner Meinung nach für den Bürger nie nachvollziehbar sein wird, wer hinter den Ausführungen in der Uniform steht, wer welche Befehle erteilt hat.

Es ist verständlich, dass die am ärgsten von den Februarkämpfen betroffenen obersteirischen Gemeinden Leoben, Kapfenberg und Bruck sich ab 1945 eigene Stadtpolizeieinheiten leisteten, die nicht mehr dem Innenministerium sondern dem Bürgermeister unterstehen – ein Anachronismus, der vom Autor der „Groteske“ verschwiegen wird, während der Angeklagte Dollfuß daran sicher Gefallen gefunden hätte. Aber nun wurde diese Maßnahme ja von der Linken Seite gesetzt und müsste ebenso logisch von Dollfuß wahrscheinlich abgelehnt werden. Mit Bedauern bemerkt der Rezensent, dass die tragische Ermordung des vollkommen unschuldigen und unbeteiligten Kaplans der r. k. Stadtpfarre Kapfenberg 1934 mit keinem Wort erwähnt wird, obwohl alle Indizien dafür sprachen, dass dies eine Aktion der Nationalsozialisten war, das hätte ein Dollfuß (er war zu diesem Zeitpunkt noch am Leben gewesen) ganz sicher für sich ausgeschlachtet. Ein falsches Opfer auf der falschen Seite?

Aus der Sicht des Rezensenten fehlt leider komplett die Selbstschwächung der gesamten europäischen Linken durch die Spaltung zwischen Kommunisten und Sozialisten, die wesentlich dazu beigetragen hatte, dass die restaurativen Kräfte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg so die Oberhand bekommen konnten. In verschiedenen Nebensätzen des Angeklagten kommt immer wieder vor, das „Ungeraden“ mit ihrer Schwäche, der Autor nennt das die demokratische Gesinnung, die Tatsachensetzung der Rechten geradezu herausgefordert hätten. Genauso fehlt dem Rezensenten der Hinweis, wie gerade die österreichischen Kommunisten die Hauptlast des Widerstandes gegen das Hitlerregime trugen, während die sozialistischen Arbeiter in der Obersteiermark sich weitgehend arrangiert hatten. (Herbert Zinkl „Lausige Zeiten“, sowie Josef Martin Presterl „Im Schatten des Hochschwab“). Dass diese Verleugnung sich nach der Gründung der Zweiten Republik nahtlos fortsetzte in der Diskriminierung der kommunistischen Arbeiter und Betriebsräte wäre für Herrn Dollfuß in seinem Plädoyer eigentlich ein „Fressen“ gewesen.

Trotz einiger Vorbehalte ein interessantes Buch. Und eine originelle Herangehensweise, um einen Verstorbenen nachträglich in seinen Handlungen und Beweggründen darzustellen. Für Geschichtsinteressierte an manchen Stellen eine Ergänzung zu bereits Bekanntem, für „Neueinsteiger“ in die österreichische Geschichte ein guter Behelf um neugierig zu werden und mehr zu erfahren.

Denn eines steht fest: Wenn wir etwas aus unserer Geschichte jemals lernen sollten: So groß können Gegensätze gar nicht sein, dass sie solche Vorkommnisse rechtfertigen würden.

 

Hans Bäck





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